Stand: 07.03.2016 16:52 Uhr  | Archiv

Schummel mit "fair" gehandelten Lebensmitteln

von Heike Dittmers

Auf vielen Lebensmitteln wird mit Siegeln wie Fairtrade, UTZ und Gepa Plus geworben, denn das Versprechen fair gehandelter Ware spricht immer mehr Käufer an. Doch Recherchen von Markt zeigen: Fair produziert ist oft nur ein kleiner Teil der Zutaten. Und dazu kommt: Der Begriff "fair" ist rechtlich nicht geschützt und jedes der 27 in Deutschland vergebenen Siegel interpretiert ihn anders.

Wie "fair" sind fair gehandelte Lebensmittel?

Keine "fairen" Zutaten in einigen Fairtrade-Produkten

Bei bestimmten Lebensmitteln wie Orangensaft, Kakao, Zucker und Tee kann ein Fairtrade-Siegel auf der Verpackung sein, ohne dass sie fair gehandelte Zutaten enthalten. Das liegt am sogenannten Mengenausgleich: In der Fabrik werden herkömmliche und fair gehandelte Rohstoffe vermischt. Ein Teil davon wird als fair gehandelt ausgezeichnet, der Rest als herkömmliche Ware. Steht "Mengenausgleich" auf der Verpackung, ist nicht sicher, ob und wie viel fair gehandelte Ware tatsächlich in der Verpackung ist. Kaffee mit Fairtrade-Siegel muss zu 100 Prozent aus fairem Handel stammen.

Anforderungen der Siegel sind unterschiedlich streng

Wie hoch der Anteil an fair gehandelten Zutaten ist, hängt vom jeweiligen Siegel ab. Bei Kakao mit UTZ-Zertifizierung ist keine Mindestmenge an fair gehandeltem Kakao vorgeschrieben. Produkte mit Fairtrade-Siegel müssen seit 2011 nur noch 20 Prozent fair gehandelte Zutaten enthalten. Am strengsten ist die Kennzeichnung Gepa Plus: Hier stammen mindestens 50 Prozent der Zutaten aus fairem Handel. Keines der Siegel verstößt gegen ein Gesetz, selbst wenn die Produkte keine fair gehandelten Zutaten enthalten.

Das sagen die Siegel-Anbieter

  • Fairtrade Deutschland zur Kennzeichnung

    "Alle Zutaten in einem Produkt, die nach den Fairtrade-Standards gehandelt sind, werden auf der Verpackung ausdrücklich aufgeführt. Dort wird auch der Gesamtanteil aller Fairtrade-Zutaten in Prozent angegeben. Dies sind Pflichtangaben auf jeder Verpackung, die das Fairtrade-Siegel trägt."

  • Fairtrade Deutschland zum Mindestanteil fair gehandelter Zutaten

    "Der Mindestanteil muss 20 Prozent und mehr betragen. Bei festen Produkten wird der Fairtrade-Anteil nach Gewicht, bei flüssigen nach Volumen berechnet. Liegt der Anteil von hinzugefügtem Wasser oder Milchprodukten bei über 50 Prozent, wird das Wasser oder die Milch bei der Berechnung abgezogen."

  • Fairtrade Deutschland zum Eis von Ben & Jerry's

    "Bei allen Eissorten von Ben & Jerry's liegt der Anteil von Sahne, Wasser und Kondensmilch über 50 Prozent. Wenn man diese bei der Berechnung der Zutaten abzieht, beträgt der Fairtrade-Anteil an den verbleibenden Zutaten z. B. bei der Sorte Karamel Sutra 76 Prozent. (...) Auf der Verpackung ist der Anteil der Fairtrade-Zutaten gemessen am Gesamtvolumen einschließlich Milch und Wasser angegeben. Das sind die angegebenen 19 bzw. 16 Prozent."

  • Fairtrade Deutschland zum Mengenausgleich

    "Der Verbraucher (…) erhält auf unserer Webseite ausführliche Erklärungen, was es damit auf sich hat. Diese ausführlichen Erklärungen können nicht auf der Verpackung selbst stehen, weil dort schlicht kein Platz ist."

  • UTZ Certified zum Mengenausgleich bei Kakao

    "Für den Farmer macht es keinen Unterschied, nach welchem Modell verfahren wird und mit welchen prozentualen Angaben etc. Kakaoprodukte versehen werden. Er profitiert dann am meisten von einer UTZ-Zertifizierung, wenn er sein Produkt an möglichst viele Abnehmer verkaufen kann. Genau das wird durch das Massenbilanzmodell (Mengenausgleich, Anmerkung der Redaktion) möglich."

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 07.03.2016 | 20:15 Uhr

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