Stand: 16.09.2014 06:00 Uhr  | Archiv

Energieausweis: Gut gemeint, schlecht gemacht?

von Djamila Benkhelouf, Philipp Eckstein & Johannes Edelhoff

Wohnungssuche in Hamburg. Vor einem Altbau steht eine Schlange mit Interessenten: Wer die Wohnung bekommen wird, ist unklar. Klar sollte hingegen für alle sein, auf was sie sich einlassen: Seit dem 1. Mai 2014 muss der Vermieter einen Energieausweis vorlegen. So sieht es die neue Energieeinsparverordnung vor. Doch in der Praxis halten sich viele Vermieter und Makler nicht daran.

Energieausweis © Fotolia.com Fotograf: Alexander Raths

Energieausweis: Gut gemeint, schlecht gemacht?

Panorama 3 -

Seit Mai 2014 muss jede Wohnung einen Energieausweis haben, der die Nebenkosten transparent machen soll. Doch viele Vermieter und Makler halten sich nicht daran.

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Das ist das Ergebnis von zwei Studien des "Bündnisses Energieausweis" und der "Deutschen Umwelthilfe", die Panorama 3 exklusiv vorliegen. Jede vierte Wohnungsanzeige entspricht demnach nicht den gesetzlichen Vorschriften. Die Deutsche Umwelthilfe überprüfte Mitte Mai insgesamt 3.000 Anzeigen. In 32 Prozent fehlten die notwendigen Angaben zum Energieausweis. Bei einer weiteren Überprüfung Mitte Juli waren immer noch 24 Prozent unvollständig.

Pressemeldung

Verstöße gegen Energieausweis-Pflicht

Vermieter verschweigen häufig Angaben über den Energieverbrauch ihrer Immobilie, obwohl dazu eine gesetzliche Pflicht besteht. (NDR Pressemeldung vom 16.09.2014) mehr

Verstoß gegen Energieausweis-Pflicht

Das "Bündnis Energieausweis", ein Zusammenschluss von insgesamt 13 Verbänden, die sich für eine Überarbeitung des Energieausweises einsetzen, untersuchte auch, ob sich Makler und Vermieter an ihre Offenlegungspflicht bei Wohnungsbesichtigungen halten. Wer seiner Pflicht bei Annoncen nicht nachgekommen war, erhielt stichprobenweise Besuch. Bei lediglich zehn Prozent der 77 Stichproben wurde beim Besichtigungstermin der Energieausweis unaufgefordert vorgelegt. Bei 70 Prozent war ein Ausweis gar nicht erst vorhanden.

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Schlange stehen in Hamburg: Wie hoch der Energieverbrauch sein wird, wissen die meisten Interessenten nicht.

Doch selbst wenn das Dokument vorliegt, ist es für den Mieter häufig kaum verständlich. Auch in der Schlange vor dem Altbau in Hamburg. "Das müsste man jetzt googlen“, heißt es. Oder: "Das ist viel zu kompliziert, das verstehe ich nicht."

Bedarfs- und Verbrauchsausweis

Das eigentliche Ziel, Transparenz über die Beschaffenheit von Gebäuden zu schaffen, wurde nicht wirklich erreicht. Das liegt auch daran, dass es zwei verschiedene Versionen des Ausweises gibt, die im Grunde nicht miteinander vergleichbar sind.

Beim sogenannten Verbrauchsausweis wird lediglich der tatsächliche Energieverbrauch der vergangenen drei Jahre als Grundlage für den Ausweis genutzt. Das Ergebnis des Ausweises hängt also wesentlich auch vom Heizverhalten der Bewohner ab - ist also von einer objektiven Bewertung weit entfernt. Der andere Ausweistyp, der Bedarfsausweis, wird auf Grundlage der energetischen Beschaffenheit eines Gebäudes erstellt. Ein Gutachter muss hierfür unter anderem die Fenster und Dämmungen überprüfen.

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Energieberater Gerhard Fischer begutachtet den Energiebedarf von Immobilien.

Gerhard Fischer aus Hamburg ist einer von ihnen. Im Zweifel führt er auch kleine Bohrungen durch, um zu gucken, ob eventuell eine Dämmung vorhanden ist oder ob die Bausubstanz eine nachträgliche Dämmung zulässt. "Manchmal ist es in Objekten so, dass verschiedene Fenster eingebaut werden. Man muss dann wirklich jedes Fenster erfassen und bewerten, um eine realistische Berechnung durchführen zu können“, sagt Fischer. Diese Art und Weise einen Energiepass zu erstellen ist teuer. Je nach Objekt und Beschaffenheit können schnell ein paar Hundert Euro zusammen kommen.

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Bauprüfung per Telefon

Einige Firmen bieten den Energieausweis deutlich billiger an, und zwar für etwas über 50 Euro. Das Problem: Bei dieser Variante kommt keiner persönlich vorbei, das Formular muss man selbst ausfüllen, bei Bedarf berät jemand am Telefon. Panorama 3 hat es ausprobiert: Manipulationen sind dabei problemlos möglich. Das führt im Ergebnis dazu, dass sich potentielle Mieter und Käufer nur schwerlich auf die Angaben auf dem Ausweis verlassen können. Die Qualität des Bedarfsausweises hängt maßgeblich vom Gutachter ab, die des Verbrauchsausweises davon, ob die Vormieter die Wohnung normal genutzt haben.

Experten fordern Reform

Eigentlich wurde der Energieausweis gerade erst reformiert, aber vielen Experten geht das nicht weit genug. Michael Herma vom Bündnis Energieausweis sagt: "Das Ergebnis zeigt, dass das Instrument Energieausweis beim Vermieter und Mieter und beim Käufer und Verkäufer nicht angekommen ist - und daran muss man arbeiten."

Auch Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Fraktionen fordern gegenüber Panorama 3 Änderungen am Energieausweis: "Das ist keine intelligente, gute Lösung, weil zwei Ausweise dazu führen, dass der Verbraucher verwirrt wird", sagt Michael Groß, Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion. Sein Koalitionskollege Volkmar Vogel von der CDU stimmt zu: "Der Ausweis ist zu kompliziert, wir müssen ihn vereinfachen. Die Ablehnung derer, die ihn anwenden müssen, hängt maßgeblich damit zusammen."

Ministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Trotz dieser Stimmen, ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zurückhaltend bezüglich weiterer Änderungen. Auf Nachfrage von Panorama 3 heißt es, man wolle "weitere Verbesserungen beim Energieausweis“ prüfen. "Dabei ist auf Verlässlichkeit zu achten, damit das schon seit mehreren Jahren bestehende Regelwerk zum Energieausweis nicht an Akzeptanz verliert", so das Ministerium.

Weitere Informationen

Djamila Benkhelouf

Panorama 3

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 16.09.2014 | 21:15 Uhr