Stand: 03.09.2013 14:23 Uhr  | Archiv

Die schmutzige Seite des Tees

In der Werbung der großen Teemarken ist der Anbau und die Ernte von Tee eine romantische Angelegenheit. Pflückerinnen mit großen Körben zupfen die besten Blätter von den sattgrünen Teepflanzen, im Hintergrund sieht man sanfte Hügelketten. Die Realität in den Anbauländern sieht anders aus, wie der Autor der Reportage, Michael Höft, bei den Dreharbeiten in Kenia feststellte. In der Region Kericho erstrecken sich die Teeplantagen in riesigen Monokulturen bis zum Horizont. Tee ist hier ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nach dem Staat Kenia ist der Teeanbauer Lipton, der zum Unilever-Konzern gehört, der größte Arbeitgeber im Land.

  • Was genau ist Tee?

    Streng genommen wird nur der Aufguss aus Teilen der Teepflanze als Tee bezeichnet. Man unterscheidet schwarzen und grünen Tee. Im Sprachgebrauch heißen aber auch Aufgüsse aus Kräutern oder Früchten Tee.

  • Seit wann wird in Europa Tee getrunken?

    Verglichen mit China, wo bereits seit 2.000 Jahren Tee getrunken wird, hat der Tee in Europa eine kurze Geschichte. Er ist hier erst seit dem 17. Jahrhundert heimisch. Im Jahr 1610 wurde die erste Ladung grünen Tees aus China in die Niederlande eingeführt. Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte der Tee von dort aus Norddeutschland. Bekannt für seine Teekultur ist auch Großbritannien.

  • Wie viel Tee trinken die Deutschen?

    Pro Jahr konsumiert jeder Bundesbürger im Schnitt 25 Liter schwarzen oder grünen Tee. Zum Vergleich: Beim Kaffee sind es 150 Liter im Jahr. In Norddeutschland wird mehr Tee getrunken als in Süddeutschland.

  • Wo wird der meiste Tee getrunken?

    Spitzenreiter sind die Ostfriesen: Sie haben sogar weltweit beim Teekonsum die Nase vorn: 290 Liter Tee trank jeder Ostfriese im Jahr 2008.

  • Wie hoch ist der Anteil von Bio-Tee?

    Von den rund 18.000 Tonnen Tee, die in Deutschland im Jahr konsumiert werden, waren 2012 rund 200 Tonnen fair gehandelt. Gut drei Viertel des fair gehandelten Tees hatte Bio-Qualität.

  • Wo wird der Tee angebaut?

    Die Hauptanbauländer sind China, Indien und Kenia. Kenia war 2009 der größte Exporteur von Schwarztee, auf den Plätzen zwei und drei lagen Sri Lanka und Indien. Weltweit wurden 2010 rund 4,5 Millionen Tonnen Tee geerntet.

  • Wa sagen Namen wie Assam oder Earl Grey?

    Teenamen wie Assam, Darjeeling oder Ceylon leiten sich aus den Anbaugebieten des Tees ab. Dagegen beziehen sich Namen wie Earl Grey oder Orange Pekoe auf das Aroma des Tees oder Eigenarten der Teepflanze. Die im Handel üblichen Schwarztees sind meist eine Mischung aus mehreren Teesorten aus unterschiedlichen Anbaugebieten. So befinden sich in einer Ostfriesenmischung des Herstellers Bünting aus Leer mehr als 20 unterschiedliche Teesorten.

  • Wird auch in Europa Tee angebaut?

    Die Türkei ist das einzige europäische Land, das in nennenswertem Umfang Tee produziert. 2010 stand das Land mit 235.000 Tonnen auf Platz fünf der Weltrangliste.

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Schlechte Arbeitsbedingungen auf den Plantagen

Auch andere große Teeproduzenten betreiben Plantagen in Kenia. Die britische Firma Finlays beschäftigt auf ihrer Plantage in Kericho 50.000 Arbeiter. Der Konzern rühmt sich damit, seine Arbeiter medizinisch zu versorgen. Als Michael Höft die Plantage besucht, darf er die drei Krankenhäuser auf dem Firmengelände besichtigen. Seine Erkenntnis: Lediglich zwei Ärzte kümmerten sich zu dieser Zeit um 50.000 Menschen.

Michael Höft war auch mit einem kenianischen Teeproduzenten verabredet. Auf der Plantage des Großgrundbesitzers arbeiten rund tausend Arbeiter. 50 Kilogramm Tee müssen sie täglich ernten, dafür erhalten sie einen Lohn von einem Dollar am Tag. Die Arbeiter hausen in Baracken, die auch für kenianische Verhältnisse sehr ärmlich sind. Wasser gibt es nur an Zapfstellen außerhalb der Hütten. Auf dem Gelände wohnen auch die Familien der Arbeiter. Häufig helfen sie bei der Ernte mit, gezahlt wird jedoch nur ein Lohn.

Diese Gifte werden im Teeanbau gespritzt

Glyphosat ist Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Es hemmt ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden nicht geschädigt. Glyphosat gilt als nicht giftig für Menschen und Tiere, steht jedoch mit bestimmten Zusatzstoffen im Verdacht, das Erbgut zu schädigen. Glyphosat ist auch unter dem Markennamen "Roundup" bekannt.

Murphamine ist ein Insektenvernichtungsmittel.

Cymoxanil ist ein Fungizid, das unter anderem gegen Kraut- und Knollenfäule eingesetzt wird. Es ist in der EU seit 2009 zugelassen. Es gilt als gesundheitsschädlich und umweltgefährdend. Unter anderem kann es Allergien auslösen und das Grundwasser vergiften.

Herbizide, Fungizide und Pestizide

Der Betreiber der kenianischen Plantage zeigt dem Kamerateam seine Lagerhalle mit Pflanzenschutzmitteln: Herbizide, Fungizide und Pestizide kommen regelmäßig zum Einsatz. Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wird auf die beschnittenen Teepflanzen gesprüht, zwei Wochen später ist wieder Erntezeit. Sechs Monate hantieren die Arbeiter auf einer kleineren Plantage, die Michael Höft besucht, mit dem Gift,. Dann werden sie nach eigenen Angaben ausgewechselt. Bei Finlays ziehen Spritzflugzeuge ihre Bahnen über die Plantage. Die Ärzte auf der Farm bestreiten, dass die Chemikalien die Arbeiter krank machen. Doch in der Stadt Kericho findet Michael Höft in einem Krankenhaus einen Arzt, der ihm heimlich ein Liste zusteckt. Darauf steht, mit welchen Beschwerden die Menschen zu ihm kommen: Hautreizungen, Allergien, Lungenentzündungen, Atemwegserkrankungen und Augenreizungen. Alles Beschwerden, die durch Kontakt mit Pestiziden ausgelöst werden können.

Rückstände in der Teetasse?

Ist der Tee, den wir im Supermarkt kaufen, mit Pestiziden belastet? "Die Reportage" ließ mehrere Sorten auf Giftrückstände testen. Das Ergebnis: In allen Proben fanden sich Spuren von Insektiziden und von Glyphosat. Nur ein Bio-Tee war schadstofffrei. Jedes Gift für sich lag zwar unter den gesetzlich festgelegten Grenzwerten, doch es ist nicht erforscht, wie sich die Mischung der unterschiedlichen Gifte auf die Gesundheit auswirkt. Gesetze, die solche Chemie-Cocktails verbieten, gibt es bislang nicht.

Dieses Thema im Programm:

Die Reportage | 13.09.2013 | 21:15 Uhr