Stand: 05.07.2016 10:00 Uhr

Behandlungsfehler: Wege zum Recht

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Die Rechte von Behandlungsfehleropfern sind genau geregelt. Unabhängige Beratungsstellen und Fachanwälte können geschädigten Patienten weiterhelfen.

Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht - so auch in der Medizin. Wie viele Behandlungsfehler jedes Jahr in Deutschland passieren, lässt sich nicht feststellen. Nach Angaben von Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg melden sich jährlich etwa 40.000 Patienten bei Gerichten, dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen oder einer Schlichtungsstelle für Arzthaftfragen. Die Dunkelziffer liegt weit höher: Das Aktionsbündnis Patientensicherheit geht von 600.000 bis 700.000 Geschädigten pro Jahr aus.

Eine Schere auf einem MRT Bild.

OP-Material im Körper vergessen

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Opfer von Behandlungsfehlern haben in vielen Fällen ein Recht auf Entschädigung. Dabei können die Patienten unterschiedliche Wege wählen, um Schadenersatz zu bekommen.

Falsch behandelt - und nun?

Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt nicht nach den medizinischen Regeln und Vorschriften gearbeitet hat und dieses zu einer Schädigung des Patienten führt. Patienten können gegen den behandelnden Arzt klagen, der für solche Fälle durch eine Haftpflichtversicherung abgesichert ist. In vielen Fällen stehen geschädigten Patienten Schadenersatz oder Schmerzensgeld zu. Der Weg dorthin ist lang und bringt in den meisten Fällen Kosten mit sich. Über die richtigen Schritte beraten kostenlos die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) und die Verbraucherzentralen.

Hilfe und Beratung für Behandlungsopfer

Unabhängige Patientenberatung Deutschland UPD

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) berät auf ihrer Homepage umfassend und gut verständlich über Patientenrechte. extern

Verbraucherzentrale Hamburg

Die Verbraucherzentrale Hamburg bietet ein umfassendes Beratungsangebot zum Thema Gesundheit und Patientenschutz - telefonisch, per E-Mail oder vor Ort. extern

Patienteninitiative e.V.

Welche Rechte habe ich als Patient? Die Patienteninitiative e.V. betreibt Aufklärung. Hier geht es zur Homepage. extern

Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen

Die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen versteht sich als Plattform für die außergerichtliche Klärung von Arzthaftungsstreitigkeiten. extern

Zunächst einmal muss der Patient durch ein Gutachten bestätigen lassen, dass es sich um einen Behandlungsfehler handelt. Dafür kann er sich an den Medizinischen Dienst seiner gesetzlichen Krankenversicherung wenden. Dort werde kostenfrei geprüft, "ob ein Behandlungsfehler vorliegt und ob Schaden und Fehler zusammenhängen", so Katrin Pihan von der UPD. Gutachten erstellen auch die Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Allerdings ist hier die Zustimmung der betroffenen Ärzte und der Haftpflichtversicherung notwendig. Wer eine Rechtsschutzversicherung hat oder die Kosten selbst tragen möchte, wendet sich direkt an einen Rechtsanwalt, der sich auf Patientenrechte spezialisiert hat. Dieser arbeitet mit Gutachtern oder Schlichtungsstellen zusammen, die dann ein Gutachten erstellen.

Wichtig für die Erstellung eines positiven Gutachtens ist das Sammeln aller relevanten Informationen. Dazu gehören unter anderem Gedächtnisprotokolle, Fotos und Kopien der Behandlungsunterlagen. Je genauer sich der Fall rekonstruieren lässt, umso größer sind die Aussichten auf Erfolg. In den vergangenen Jahren wurden bei einem Viertel bis einem Drittel der Patienten Behandlungsfehler bestätigt.

Finanzielle Hilfen für Gerichtsverfahren

Wer weder über ausreichend eigene Mittel noch über eine Rechtsschutzversicherung verfügt, kann vor Gericht Prozesskostenhilfe beantragen. Voraussetzung hierfür ist ein Gutachten, das den Schaden anerkennt. Ein weiterer Weg der Finanzierung sei der über sogenannte Prozessfinanzierer. "An Rechtsschutzversicherungen angekoppelte Gesellschaften übernehmen die Kosten für einen Fall, wenn gute Aussichten bestehen und wenn es um einen hohen Streitwert geht", so Boris Meinecke, Rechtsanwalt für Patientenrecht. Allerdings müsse der Geschädigte hierbei 30 bis 50 Prozent der erstrittenen Summe an den Finanzierer abführen.

Außergerichtliche Einigung anstreben

Meinecke rät, zunächst einmal eine außergerichtliche Einigung mit der Arzthaftpflichtversicherung anzustreben. "Es kostet weniger Nerven, ist billiger und bringt oft mehr Geld", so der Patientenanwalt. Gelingt dies nicht, ist ein Gang vor Gericht möglich. Doch hier würden meist geringere Summen gezahlt, so seine Erfahrung.

Frühere Fälle als Bemessungsgrundlage

Vor Gericht muss der Klagende alle ihm entstandenen Ausgaben wie Fahrtkosten genau nachweisen. Oft würden Gerichte nach den Listen des ADAC zu Schmerzensgeldfällen entscheiden oder aber andere Fälle von Behandlungsfehlern als Grundlage für Schadenersatz anwenden, erklärt Verbraucherschützer Kranich. In den meisten Fällen bewegten sich die Summen zwischen mehreren Tausend und mehreren Hunderttausend Euro. Höhere Summen würden bei sehr langfristigen Schäden wie bei Fehlern in der Geburtshilfe gezahlt.

Verjährungsfrist beachten

Wer auf Schadenersatz klagen möchte, darf nicht allzu lange warten: Die Verjährungsfrist beträgt drei Jahre nach Erkennen des Schadens. Eine Eingangsberatung und die Erstellung eines Gutachtens helfen, die rechtliche Situation und mögliche Erfolgsaussichten einer Klage besser einzuschätzen. Allerdings sollten sich Betroffene immer bewusst sein, dass der Weg zu einer Entschädigung viel Zeit und Durchhaltevermögen erfordert.

Was tun, wenn ich mich geschädigt fühle?

  • Gedächtnisprotokoll

    Legen Sie Gedächtnisprotokolle an, auch durch Angehörige und andere Zeugen wie Zimmernachbarn. Wann traten die Beschwerden auf? Wie waren die Reaktionen der Ärzte? Welche Therapie wurde verordnet?

  • Kopie der Behandlungsunterlagen

    Fordern Sie Ihre Behandlungsunterlagen als Kopie an - zur Herausgabe ist der Arzt verpflichtet.

  • Fotos

    Machen Sie Vorher-Nachher-Bilder.

  • Gutachten erstellen lassen

    Holen Sie sich medizinischen Rat ein, vom Arzt Ihres Vertrauens und/oder von externen Gutachtern, kostenfrei vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse oder von den zuständigen Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen.

  • Juristische Beratung

    Lassen Sie sich juristisch beraten. Für eine Durchsetzung Ihrer außergerichtlichen Ansprüche kann ein Anwalt hilfreich sein.

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Weitere Informationen

Vor der Operation: Recht auf Aufklärung

Der Arzt rät zur Operation, doch der Patient ist unsicher. Eine umfassende Aufklärung ist sein gutes Recht. Welche Fragen sollte der Patient im Vorfeld unbedingt klären? mehr

Interviewpartner:

Hardy Müller
Geschäftsführer
Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.
Am Zirkus 2
10117 Berlin
Tel. (030) 36 42 81 60
Fax (030) 364 28 16 11
Internet: www.aps-ev.de

Dr. Hans-Berndt Ziegler
Rechtsanwalt                                                                   
Arzthaftungsrecht, Medizinrecht, Erbrecht, Strafrecht, Allgemeines Zivilrecht
Kanzlei Ziegler & Kollegen
Am Grün 18
35037 Marburg
Tel. (06421) 17 51 80
Fax (06421) 175 18 18
Internet: www.ziegler-marburg.de

Prof. Dr. Dipl.-Phys. Bertram Scheller
Stellvertretender Direktor
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Universitätsklinikum Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt/Main
Tel. (069) 63 01 59 98
Fax (069) 63 01 58 81
Internet: www.kgu.de

Prof. Dr. Carl Haasper
Facharzt für Chirurgie, Sport- und Notfallmedizin
Helios Endo-Klinik Hamburg
Holstenstraße 2
22767 Hamburg
Tel. (040) 319 70
Fax (040) 31 97 12 25
E-Mail: thorsten.gehrke@helios-kliniken.de
Internet: www.helios-kliniken.de/klinik/hamburg-endo-klinik/fachabteilungen/gelenkchirurgie

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Visite | 05.07.2016 | 20:15 Uhr