Das Oberharzer Wasserregal: Unbekanntes Welterbe

Die Pyramiden von Gizeh, die Chinesische Mauer oder auch der Kölner Dom - diese Baudenkmäler und UNESCO-Welterbestätten sind weltberühmt. Anders das Oberharzer Wasserregal: Es war bis 2010, als die UNESCO es zum Weltkulturerbe erklärte, nur wenigen Interessierten ein Begriff. Dabei gilt das ausgeklügelte Wasserleitsystem als eines der größten und bedeutendsten vorindustriellen Energieversorgungssysteme weltweit.

Bereits vor 800 Jahren lieferte es Energie für den Bergbau und wurde über die Jahrhunderte weiter ausgebaut - eine einzigartige Anlage aus kilometerlangen Gräben, Teichen und unterirdischen Wasserläufen entstand. Im August 2010 nahm die UNESCO das Oberharzer Wasserregal - auch bezeichnet als Oberharzer Wasserwirtschaft - als Ergänzung zum bereits seit 1992 bestehenden Welterbe Altstadt Goslar und Erzbergwerk Rammelsberg in die Liste der Weltkulturerbestätten auf.

Wasser - Lebenselement des Bergbaus

Schon früh setzten die Bergleute im Harz auf regenerative Energie: Bereits im 16. Jahrhundert nutzten sie die Kraft des Wassers systematisch, um damit Pumpen und Fahranlagen anzutreiben und so in zuvor unerreichte Tiefen vorzustoßen. Erst die intensive Nutzung der Wasserkraft machte den Bergbau im Harz ab der frühen Neuzeit so erfolgreich. Entsprechend wichtig war das Recht zur Wassernutzung - das verdeutlicht bereits die Bezeichnung Wasserregal: Ein Regal war ein vom Landesherrn verliehenes Recht (Regal = "Königsrecht"). Das Wasserregal war also das Privileg zur Wassernutzung für Bergbauzwecke. Alle anderen Wassernutzer, wie beispielsweise Mühlenbesitzer, mussten sich der Vorrangstellung des Bergbaus unterordnen.

Das Oberharzer Wasserregal in Zahlen

Bauwerke
143 Stauteiche
500 Kilometer Gräben
30 Kilometer Wasserläufe
Die meisten Bauwerke entstanden vom 16. bis 19. Jahrhundert, waren aber nie alle gleichzeitig in Betrieb.

Davon sind bis heute vollständig oder in Teilen erhalten
95 Stauteiche
310 Kilometer Gräben
30 Kilometer Wasserläufe.

Ein frühneuzeitliches Kraftwerk

Die ältesten Teile der Oberharzer Wasserwirtschaft stammen bereits aus dem 12. und 13. Jahrhundert und wurden von den Zisterziensern des Klosters Walkenried errichtet. Ab der frühen Neuzeit bauten die Harzer Bergleute die Anlagen kontinuierlich aus. Sie fingen Regenwasser auf und zapften weit entfernte Bäche an, um es in Stauseen und Auffangbecken umzuleiten. Von dort floss das kostbare Nass weiter durch ober- und unterirdische Wasserläufe in die Bergwerke. Dort trieb es Wasserräder an, die wiederum Pumpen zum Laufen brachten, mit denen die Bergleute ihre Stollen trocken legten. Denn das aus dem umliegenden Gestein einsickernde Wasser musste aus den Gruben wieder heraus befördert werden - die Bergleute bekämpften also damals Wasser mit Wasser. Später diente die Wasserkraft auch dazu, die Fahrkünste anzutreiben, die dazu dienten, Bergleute und Material in einer Art einfachen Aufzug zu ihren bis zu 600 Meter tiefer gelegenen Einsatzorten zu befördern.

Zwischen 1536 und 1866 entstand so ein ausgeklügeltes System aus rund 500 Kilometern Gräben, 120 Stauteichen, etwa 30 Kilometern unterirdischer Wasserläufe und 100 Kilometern Wasserlösungsstollen - eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Sogar die Wasserscheide zwischen Süd- und Nordharz überwand man, um die ertragreichen Clausthaler Gruben mit Wasser und damit mit Energie zu versorgen. Die Stauteiche stellten sicher, dass auch in regenarmen Perioden genügend Wasser für die Gruben bereitstand.

Bis ins späte 19. Jahrhundert war die Wasserkraft die einzige Energiequelle für den Abbau von Kupfer, Blei und Silber.

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Waldweg am Alten Dammgraben des Oberharzer Wasserregals © Harzwasserwerke GmbH Fotograf: Reinhard Roseneck
 

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