Alle UNESCO-Welterbestätten im Norden
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1911 entwirft ein junger, noch unbekannter Architekt eine Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine. Sein Name: Walter Gropius. Bauherr und Firmengründer des Fagus-Werks ist Carl Benscheidt, dessen moderne Unternehmensphilosophie den freigeistigen Ideen des damals 28-jährigen Jungarchitekten entgegenkommt. Zusammen verwirklichen sie ihre Vorstellungen einer modernen Fabrik. 50 Kilometer südlich von Hannover entsteht mit dem Fagus-Werk ein Bau, der heute als einer der Ursprünge moderner Architektur gilt. 100 Jahre später, im Juni 2011, erklärt die UNESCO das Gebäude zum Weltkulturerbe. Die Fabrik ist weltweit die einzige Welterbestätte, die noch in vollem Betrieb ist.
Klare Linien, Glas und Stahl dominieren das Fagus-Werk: Breite Fensterfronten und vollverglaste, stützenlose Gebäudeecken verleihen dem Bau eine bis dahin nie gekannte optische Leichtigkeit und Transparenz. Der Fabrikbau ist bewusst schmal gehalten, um den Eindruck von Monumentalität zu vermeiden, lichtdurchflutete Innenräume schaffen eine freundliche Arbeitsatmosphäre, die auch die Bedürfnisse der darin arbeitenden Menschen berücksichtigt.
Der Name Fagus ist lateinisch und bedeutet Buche. Buchenholz war der Rohstoff, aus dem die Schuhleisten im Fagus-Werk hergestellt wurden. Heute sind die Schuhleisten meist aus Kunststoff.
Mit seiner schlichten Sachlichkeit und der auf das Wesentliche reduzierten Ästhetik ist das Fagus-Werk ein Vorläufer des Neuen Bauens, mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius später die moderne Architektur revolutioniert. Zugleich ist es Ausdruck eines neuen unternehmerischen Selbstverständnisses. Bewusst wirbt der Bauherr Carl Benscheidt mit dem außergewöhnlichen Gebäude und legt den Grundstein für eine neue Form der Unternehmenskultur, die bis heute nachwirkt.
Schuhleisten aus dem Fagus-Werk: Schuhproduzenten benötigen die hölzernen Füße, um verschiedene Schuhmodelle zu formen.
Seit 1946 steht das Fagus-Werk unter Denkmalschutz. Bis heute befindet sich in dem Gebäude das Unternehmen Fagus-GreCon, das mittlerweile von einem Urenkel des Unternehmensgründers Benscheidt geleitet wird und neben modernen Messtechnik-Systemen auch noch immer Schuhleisten produziert. Das Gebäude steht auch Besuchern offen: Eine Dauerausstellung im ehemaligen Lagerhaus, einem Nebengebäude, gibt Einblicke in die Arbeitswelten im Fagus-Werk. Auf elf Etagen und 3.000 Quadratmetern Fläche informiert sie über die verschiedenen Bereiche der industriellen Massivholz-Verarbeitung sowie die Schuhmode des vergangenen Jahrhunderts.