Mit der "Wilden 13" Wilhelmsburg entdecken
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Rund 1.700 Bewohner aus mehr als 30 Nationen: Das Weltquartier, eine ehemalige Arbeitersiedlung in Hamburg-Wilhelmsburg, ist eines der kulturell gemischtesten Wohnviertel Hamburgs. Auch Karin Krüger lebt hier - seit 56 Jahren. Sie kennt viele Bewohner des Quartiers persönlich und passt auch schon mal auf deren Kinder auf. "Die Kinder nennen mich hier alle Oma", sagt sie. Der bunte Kulturmix gefällt der 76-Jährigen: "Ich möchte hier gar nicht mehr weg. Ich liebe die Insel Wilhelmsburg und ich mag die Nachbarschaft hier."
Wie Frau Krüger geht es vielen Bewohnern. Die Backsteinsiedlung zwischen Weimarer Straße und Veringstraße ist ein beliebtes Wohnquartier in Wilhelmsburg. Die Häuser gehören der stadteigenen Wohnungsgesellschaft SAGA-GWG. Schlechte Dämmung und unzeitgemäße Grundrisse machten jedoch eine Modernisierung der Wohnungen, die in den 30er-Jahren vor allem für die Arbeiter aus dem nahe gelegenen Hafengebiet erbaut wurden, dringend notwendig.
2009 begannen die Sanierungsarbeiten an den Gebäuden - als Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA). Ziel war es, die Häuser auf den energetisch modernsten Stand zu bringen und dabei zugleich die Mieter und die multikulturelle Nachbarschaft zu erhalten.
Viele Mieter wünschten sich ein eigenes kleines Gartenstück, das sie individuell selbst gestalten können.
Um eine möglichst große Akzeptanz des Projekts zu erreichen, wurden die Bewohner in die Planungen mit einbezogen und aufgerufen, ihre Wünsche zu äußern. So auch Karin Krüger: "Da sind Leute vorbeigekommen und haben uns gefragt, was wir uns so vorstellen. Wenn man gerade keine Zeit hatte, kamen sie auch noch mal wieder. Das waren sehr nette junge Leute", erinnert sie sich. Diese Form der Beteiligung wurde gewählt, um auch die Bewohner einzubeziehen, die aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede mit den herkömmlichen deutschen Verfahren, also öffentlichen Versammlungen, nur schwer zu erreichen sind. Die Planer schickten daher Studierende mit entsprechenden Sprachkenntnissen an die Haustüren. So ließen sich erste Wünsche im direkten Gespräch klären und Vertrauen aufbauen. Nach diesem ersten Kontakt erfolgten Workshops für die detaillierten Planungen von Grundrissen und Freiraumflächen.
Dabei stellte sich heraus, dass viele Mieter gern etwas mehr Wohnfläche hätten und lieber mehrere kleine statt wenige große Zimmer. Viele Bewohner wünschten sich außerdem ein eigenes kleines Gartenstück. Beim Umbau erhielten die Häuser deshalb neben einer modernen Dämmung neue Grundrisse, die Grundflächen vieler Wohnungen wurden durch vorgebaute Loggien vergrößert. Die Wohnungen bekamen eigene kleine Gärten oder ein abgegrenztes Gartenstück zwischen den Häusern.
Die Mieten bleiben auf niedrigen Niveau. Pro Quadratmeter steigen sie lediglich alle zwei Jahre um 15 Cent, zugleich sinken die Heizkosten durch die bessere Dämmung. Bis 2014 soll der Umbau des Quartiers angeschlossen sein, mehrere Häuser sind bereits saniert.
Seit 2010 gibt es den Pavillon auf dem Weimarer Platz. Er hat sich zum Treffpunkt der Bewohner entwickelt.
Neben individuellen Wünschen zur eigenen Wohnung gab es bei den Bewohnern auch das Bedürfnis nach einem Quartierszentrum. Im Süden des Weltquartiers entstand deshalb ein zentraler Platz mit Sitzgelegenheiten und einem geräumigen Pavillon. Dieser Pavillon dient den Bewohnern sowohl für private Feiern als auch als gemeinschaftlicher Treffpunkt, etwa für ein Nachbarschaftscafé oder die Betreuung von Schülern bei ihren Hausaufgaben.
Ergänzend zum Weltquartier entsteht nur wenige Schritte entfernt der Welt-Gewerbehof. Dort können Kleinunternehmer gewerbliche Flächen zu niedrigen Preisen mieten. Bereits vor dem Umbau des Quartiers hatten sich am selben Standort kleine Gewerbetreibende in Garagen und Hinterhöfen angesiedelt. Diese Ansätze zum Aufbau einer lokalen Wirtschaft will man im Rahmen der IBA gezielt fördern. Neben wettergeschützten, bezahlbaren Räumlichkeiten werden den Existenzgründern, die größtenteils einen Migrationshintergrund haben, auch wirtschaftliche Beratungsangebote zur Verfügung stehen. Im Sommer 2013 soll der Welt-Gewerbehof fertiggestellt sein, sodass sich die ersten Kleinunternehmer ansiedeln können.
Karin Krüger wohnt bereits wieder in ihrer alten Wohnung. Zwei Jahre lebte sie in einer Ersatzwohnung in der Nähe, dann konnte sie zurückkehren. Neue Küche, neues Bad, alles ist modern und hell gestrichen. "Ich habe einen großen Balkon und einen schönen Garten. Ich finde das ganz toll, ich bin vom Weltquartier total begeistert", sagt die 76-Jährige.