Stand: 14.06.2013 11:11 Uhr
Hoffnung auf Nachwuchs in der Walross-WG
von Florian Wöhrle, NDR.de
"Antje", einst das schnurrbärtige Maskottchen des NDR, konnte Mundharmonika spielen. "Odin" ist dafür ein großer Sänger. Wie eine quäkende Schiffshupe klingen die Laute, die der Walross-Bulle zwischen seinen gespitzten rosa Lippen hinauspresst. Im Sonnenlicht gleitet er durch das Eismeer-Becken in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, bis "Neseyka" neben ihm auftaucht. Das Weibchen umspielt seinen massigen Körper, beide prusten und gehen gemeinsam auf Tauchstation.
Antjes Erben mischen Hagenbeck auf
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Sommermorgen im Eismeerbecken: Walross-Bulle "Odin" zieht singend seine Bahnen im neuen Eismeer-Gehege des Tierparks Hagenbeck. Mit den Tönen will er sein Revier abstecken und die Kühe beeindrucken.
Stolz wie "Odin": Auch die Präsentation des gewaltigen Körpers am Beckenrand gehört zum Imponiergehabe.
Freundlich prustend begrüßt der 16-jährige Bulle seine neueste Dame im Harem: "Neseyka" (r.) ist sechs Jahre alt und bereits neun Monate länger im Hamburger Gehege als "Odin" und seine Zuchtgruppe.
Die Zusammenführung hat gut geklappt. Die Pfleger haben bereits Paarungsversuche zwischen der 650 Kilogramm schweren Kuh und dem Bullen beobachtet - meistens im Flachwasserbereich. Hier schwimmen die beiden einträchtig zum Beckenrand.
Kein hübsches, aber ein hoffnungsvolles Paar. Wird "Neseyka" dem Tierpark ein neues Walross-Baby schenken? Ab und zu verteilt das dominante Weibchen allerdings Kopfnüsse an ihren gemütlichen Bullen. Und futterneidisch soll sie auch noch sein.
Die Vorgängerin von "Neseyka" an der Seite des Bullen heißt "Dyna" und trägt den blondesten Schnurrbart der Gruppe. Sie ist ebenfalls 16 Jahre alt und die zurückhaltendste des Fünfergespanns.
Nesthäkchen "Olivia" ist vier Jahre alt und einer der Gründe, warum man um die Zusammenführung aller Tiere in Hagenbeck besorgt war: Wie würde sich Vater "Odin" verhalten? Doch der Bulle zeigte sich freundlich gegenüber seiner Tochter, die als einziges der Tiere Stoßzähne hat. Bei den anderen wurden die Hauer in den russischen Zoos gezogen, um Entzündungen durchs Schaben an der Beckenwand zu vermeiden.
Die Kleinste liebt es, auf dem fast acht Meter tiefen Boden des Beckens zu stöbern. Walrosse wühlen in Freiheit mit Vorliebe auf dem Meeresgrund, wo sie Muscheln, Tintenfische, Krabben und Würmer finden und verspeisen.
Im Tierpark gibt es vor allem Fisch. Tierpflegerin Lea Voss füttert "Odin" mit Lodde - einer Stintart aus der Arktis. Walrosse haben einen sehr engen Schlund und können größere Nahrungsbrocken schwer schlucken.
20 bis 25 Kilogramm Nahrung bekommen die Tiere auf drei Mahlzeiten am Tag verteilt. "Odin" hat es mit der Diät auf 1.800 Kilogramm geschafft. Die Tiere werden getrennt gefüttert, um Futterstreit zu verhindern.
Zahnkontrolle: Die Tierpfleger nutzen das Füttern, um Körperkontakt mit den Tieren aufzunehmen. Die Übungen stärken das Vertrauensverhältnis der Kolosse zu ihren Pflegern und erleichtern Untersuchungen durch den Tierarzt.
"Odin" hat es mit seinem freundlichen Wesen zum Publikumsliebling geschafft. Bulle sonnt sich gern und dümpelt mit Vorliebe im Wasser rum. In dem neuen Becken hat er mehr Platz als in seinem vorherigen Zoo in Moskau.
Zoopflegerin Lisa Voss begrüßt "Polosa" mit einem Pusten in den Mund - die Walrosse erwidern den Gruß in der Regel.
Wo Mutter "Polosa" ist, ist Tochter "Olivia" nicht weit. Auch sie wird mit einem Pusten begrüßt. Die Vierjährige wiegt 400 Kilogramm.
Die unter Wasser wie schwerelos dahingleitenden Kolosse sorgen mit ihren Manövern für gute Laune beim Publikum. Durch die großen Scheiben lässt sich das Quintett gut beobachten.
Rückenschwimmen bevorzugt: Häufig sieht man die Tiere in dieser Position durchs Becken gleiten - auch mal mit geschlossenen Augen. Die zuerst in Hagenbeck gelandete "Neseyka" schwamm oft exakt dieselbe Runde in dem Becken. Seit die anderen vier da sind, variiert sie und verlässt das Wasser auch öfter als früher.
Im Wasser nutzen Walrosse ihre Hinterflossen für den Antrieb. Die Vorderflossen werden als Ruder eingesetzt.
Ein Feind gleich nebenan: Im benachbarten Gehege wohnen Eisbären. In freier Natur versuchen die weißen Riesen gelegentlich, junge Walrosse zu erlegen. An erwachsene Tiere trauen sie sich nicht heran.
Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Walross "Antje" wohnte in einem wesentlich kleineren Becken. Sie behielt lebenslang ihre beiden Stoßzähne und faszinierte das Publim mit dem Spielen einer Mundharmonika.
Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Walross "Antje" wohnte in einem wesentlich kleineren Becken. Sie behielt lebenslang ihre beiden Stoßzähne und faszinierte das Publim mit dem Spielen einer Mundharmonika.
Pöbeln, Prusten, Grunzen im Eismeer
Seit Ende März wird wieder viel geprustet bei Hagenbeck. Aber auch gepöbelt, gerufen und gegrunzt. Ein Walross-Quintett aus Russland hat sich in dem neuen, fast acht Meter tiefen Becken breitgemacht und soll zehn Jahre nach dem Tod von "Antje" die Nachfolge als Publikumsliebling antreten. Und am liebsten auch kräftig für Nachwuchs sorgen.
Doch das Anlegen einer neuen Zuchtgruppe gilt bei Walrossen als schwierig. Der Platzbedarf der sensiblen Dickhäuter ist gewaltig und die Ansprüche an Temperatur und Salzgehalt des Wassers sind groß. Hagenbeck ging als einziger Zoo in Deutschland das Wagnis ein und holte im Juni 2012 zunächst die Walross-Dame "Neseyka" aus einem Tierpark im russischen Ischewsk. Im Frühjahr folgten in einem Überraschungs-Coup schließlich die vier weiteren Tiere aus dem Moskauer Zoo - Bulle "Odin", Partnerin "Polosa" mit Tochter "Olivia" und die Kuh "Dyna". Von einem "Sechser im Lotto" war bei Hagenbeck die Rede.
Kolosse kuscheln beim Schlafen
Doch ist die Rechnung aufgegangen? Mehr als zehn Wochen nach der Zusammenführung zieht Tierpflegerin Lisa Voss ein positives Fazit: "Die Tiere haben sich nach dem Umzug beruhigt und die Gruppe hat sich gefunden." Die Kolosse würden sich beim Schlafen möglichst nah aneinanderlegen - so wie es in den großen Walrosskolonien üblich sei.
Zur Begrüßung wird sich in die Nase gepustet: Tierpflegerin Lisa Voss und Walross "Neseyka".
Zur Eingewöhnung hatte der Tierpark auch die bisherigen russischen Pfleger eingeflogen. Die Bedenken waren zunächst groß, etwa weil Bulle "Odin" seine vierjährige Tochter "Olivia" erdrücken könnte. Pärchenweise wurden die Tiere ins Becken gelassen und wieder rausgeholt. Mit zunehmender Dauer wurde es immer schwieriger, die Kolosse zurück in den Stall zu manövrieren. "Sie haben die Weite des neuen Beckens so genossen, dass sie nicht mehr aus dem Wasser wollten", sagt Voss. Der Tierpark entschied sich schließlich, die ganze Gruppe gleichzeitig ins Becken zu lassen - ohne dass größere Probleme auftauchten.
Zuerst "ganz wuschig"
Auch mit dem gemächlichen 1,8-Tonnen-Bullen habe man Glück gehabt: "'Odin' singt, wenn es ihm gut geht", sagt die 24-Jährige Tierpflegerin, die sich täglich um die Tiere im Eismeer-Gehege kümmert. "Und bei uns singt er viel." Nur anfangs sei er nach der Ankunft in Hamburg etwas verwirrt gewesen: Der Kontakt mit der ihm unbekannten Kuh "Neseyka" habe ihn zunächst "ganz wuschig im Kopf" gemacht.
Inzwischen hofft man im Tierpark, dass sich zwischen dem 16-jährigen Bullen und der sechsjährigen Kuh mehr entwickeln könnte. "Es hat schon Paarungsversuche im Flachwasserbereich gegeben", sagt die Pflegerin. Wie erfolgreich diese gewesen seien, lasse sich allerdings erst viel später bei einer Gewichtskontrolle oder beim Abtasten der Walrossdame feststellen. Ultraschalluntersuchungen seien dagegen nicht geplant - "dafür ist der Speck der Tiere einfach zu dick".