Stand: 14.08.2014 10:24 Uhr  | Archiv

Halbinsel Wustrow: Seeadler statt Strandkörbe

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Wie ein Kleinod liegt Wustrow zwischen der Ostsee und dem Salzhaff. Leider ist die Halbinsel seit September 2004 nicht mehr zugänglich.

Die blaue Ostsee und ein kilometerlanger Sandstrand auf der einen, das Salzhaff auf der anderen Seite und dazwischen eine malerische Flachwasserbucht: Die Halbinsel Wustrow ist ein besonderes Fleckchen Erde. Über den 300 Meter schmalen "Wustrower Hals" ist sie im Norden mit dem Ostseebad Rerik verbunden. Von dort ist es nicht weit zu den Hansestädten Wismar im Südwesten und Rostock im Osten. Das klingt nach einem perfekten Urlaubsziel, hat aber einen Haken: Die Halbinsel ist seit 2004 für die Öffentlichkeit gesperrt.

Ursprünglich wollte der Eigentümer, das Immobilienunternehmen Fundus-Gruppe, auf Wustrow eine Ferienanlage bauen. Sie wollte den ehemaligen sowjetischen Kasernenstandort, zu der eine verlassene Wohnsiedlung aus den 30-er Jahren gehörte, komplett sanieren und aus der Halbinsel ein luxuriöses Urlaubsziel machen. Doch daraus wird nichts: Die Fundus-Gruppe hat mittlerweile kein Baurecht mehr, weil sich das Bauland in Wald verwandelt hat - die Natur hat sich Wustrow zurückerobert.

Dort, wo ein Reiterhof und eine 27-Loch-Golfplatz entstehen sollten, tummeln sich jetzt Dachse und Füchse. Über dem breiten Sandstrand kreisen Seeadler, auf der Haffseite hocken im kniehohen Wasser Kormorane zwischen entwurzelten Stämmen. Auf einer von Pappeln gesäumten Allee flanieren statt erholungsbedürftiger Urlauber Mufflons.

Wustrow soll der Natur vorbehalten bleiben

Die jüngsten Pläne sehen deshalb vor, die Halbinsel auch in Zukunft der Natur zu überlassen. Dort bietet sich nach Ansicht von Naturschützern die einmalige Möglichkeit, zu beobachten, wie sich die Tier- und Pflanzenwelt ein vom Menschen zerstörtes Areal zurückerobert. Künftig könnte die Insel dann für geführte Wanderungen zugänglich gemacht werden. Doch das kann noch dauern, denn momentan ist das Betreten der Insel lebensgefährlich: Baufällige Ruinen und Hohlräume könnten für die für Besucher gefährlich werden, außerdem wird an den Stränden der Halbinsel immer wieder alte Munition angespült.

Eine Idee, wie auch der Eigentümer davon profitieren könnte, dass Wustrow weiter unberührt bleibt, gibt es dennoch: Über ein sogenanntes Öko-Konto kann die Fundus-Gruppe vom Land Geld dafür erhalten, dass sie die Halbinsel der Natur überlässt. Einen entsprechenden Antrag hat das Unternehmen bereits gestellt.

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Bauernland wird Militärgelände

Doch wie kam es eigentlich, dass Wustrow über so lange Zeit unbewohnt blieb? Ein Blick zurück: Die Halbinsel findet erstmals 1273 im Stadtbuch von Wismar Erwähnung. Sie ist mehrere Jahrhunderte lang im Besitz adliger Familien und wird zumeist landwirtschaftlich genutzt. Als Folge der Sturmflut von 1872 wird Wustrow kurzzeitig eine Insel, bis ein künstlicher Deich als feste Verbindung zum Festland angelegt wird. 1933 kauft die Wehrmacht die Landzunge und errichtet dort Deutschlands größte Flakartillerieschule. Die Bauern werden umgesiedelt.

Gartenstadt mit Kino und Schwimmbad

Innerhalb von fünf Jahren entstehen im vorderen Teil der Halbinsel große Kasernenanlagen, ein Flugplatz und kleine Häfen an Ostsee und Salzhaff. Im westlichen Teil wird die 100 Hektar große Siedlung Rerik-West für die zivilen Angehörigen gebaut. Federführend für den Bau der 90 Häuser der Gartenstadt ist der gebürtige Rostocker Bauhaus-Architekt Heinrich Tessenow. Die hellen Wohnungen sind alle mit fließendem Wasser und Balkonen ausgestattet. Aus jedem der Häuser hat man einen Blick zum Meer - einige besitzen schon eine Zentralheizung. Es gibt ein Kino, eine Kegelbahn, eine Kläranlage und das seinerzeit modernste Schwimmbad Deutschlands.