Stand: 28.05.2012 12:07 Uhr  | Archiv

Mit Ziege "Minna" auf Entschleunigungstour

von Maya Ueckert, NDR.de

"Minna" streckt ihren Kopf durchs Gatter, eine Ziegenzunge schlabbert über meine Hand. So lernen wir uns kennen vor unserem Ausflug, die Ziege und ich. Ich bin auf dem Archehof Bredland nahe Bad Segeberg - dort finden bedrohte Nutztierrassen ein Zuhause. "Minna" ist eine Thüringer Waldziege, die auch auf der roten Liste steht. Auf dem Hof können Gäste Urlaub machen und viel über Tiere lernen. Und es gibt ein besonderes Angebot: Mit einer Ziege auf Entschleunigungstour gehen.

Ziege "Minna" bestimmt das Tempo

Müßiggang für Manager - das war die Idee. "Wir hatten beispielswiese auch jemanden von der Deutschen Bank hier", sagt Inken Mohr vom Archehof Bredland. "Runterkommen, raus aus dem hektischen Alltag, der ständigen Erreichbarkeit." Aber natürlich sei es nicht nur für Manager entspannend, mal mit einer Ziege durch die Gegend zu ziehen, sondern für jeden.

"Minna" gibt ordentlich Gas

"Minna" wirkt motiviert - und in der Tat, sie will sofort los. Sie bekommt einen kleinen Packsattel auf den Rücken, ich ihre Leine in die Hand und ab geht's. Am Anfang begleitet uns Inken Mohr noch ein Stück. Wir biegen in einen Weg ein, der ins Grüne führt - und die Ziege gibt Gas. "Das mit der Entspannung kommt wohl im zweiten Teil", rufe ich über die Schulter und trabe "Minna" hinterher.

Ziegen sind neugierig und selbstbewusst

"Ich habe ja gesagt, dass die Ziegen es super finden, rauszukommen", höre ich noch hinter mir. Ich hatte natürlich vorher gefragt, ob das für die Tiere in Ordnung sei, mit fremden Großstädtern durch die Lande zu ziehen. "Absolut. Natürlich schauen wir uns an, ob unsere Gäste mit den Tieren gut umgehen", sagt Inken Mohr. Zudem gebe es vorher eine kleine Ziegenkunde. "Klar, die können auch manchmal ein wenig störrisch sein, aber grundsätzlich sind sie unkompliziert und sehr auf den Menschen bezogen." Sie gingen gerne mit, seien neugierig und entdeckungsfreudig. Auch an den Packsattel mit Marschverpflegung seien sie als Nutztiere gewöhnt. Ich nehme trotzdem einen Rucksack mit, weil ich finde, dass "Minna" nicht zu viel tragen sollte.

Nur der Weg, die Ziege und ich

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Abtauchen ins Grüne: Unterwegs mit Ziege "Minna".

Dann sind da nur die Ziege, der Weg und ich. Und eine Menge Kühe auf einer Weide, die uns ein Stück am Zaun begleiten. An der nächsten Weggabelung diskutieren wir ein wenig, ob links oder rechts oder überhaupt - aber dann läuft "Minna" wieder. Zielstrebig immer geradeaus, bis sie plötzlich abbremst, abbiegt und zwischen den hohen Grashalmen am Wegesrand verschwindet. Ein Festmahl offenbar, die Ziege kaut und kaut und sieht sehr zufrieden aus. Ich setze mich neben sie und warte. Und muss lachen, wenn sie mich anschaut, mit massenweise Gras quer im Maul. Dann eine Fresspause, wir sind auf Augenhöhe, Nase an Nase. "Minna" pustet mich an.

Danach nimmt sie Tempo raus und ich passe mich automatisch an. Sie läuft ein Stück, bleibt immer wieder stehen, guckt, horcht einem fernen Motorengeräusch nach, mustert einen Fahrradfahrer und beäugt Schafe. Trapst voran, lässt sich von Butterblumen verführen, knabbert hier und da. Rechts schimmert ein See durch die Bäume. Jetzt bleibe ich mal stehen und schaue.

Echte Entschleunigung

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"Minna" knabbert hier, knabbert dort - immer auf der Suche nach den leckersten Gräsern und Kräutern.

Plötzlich höre ich hinter mir ein Geräusch, als ob ein Sack zu Boden fällt. "Minna" hat sich hingelegt. Hm. Ich warte eine Weile. Und jetzt? Ich zupfe vorsichtig an der Leine, nichts zu machen. Also setze ich mich wieder neben sie, schaue auf den See und esse Ziegenkäse. Dann ist sie da, die Ruhe und die Stille, nur ein leichter Wind und Vogelgezwitscher. "Minna" schaut einer Hummel hinterher. Ich überlege etwas träge, was ich tue, wenn sie nicht wieder aufstehen möchte. Doch da will sie weiter, rappelt sich hoch und folgt mir langsam zurück zum Hof. Entschleunigung im wahrsten Sinne des Wortes.

"Die Ziege gibt das Tempo vor"

"Die grobe Richtung gibt der Mensch vor, die Ziege das Tempo", sagt Inken Mohr. "Das ist der Unterschied zu einer normalen Wanderung. Sie sind einfach langsamer, nehmen die Umgebung bewusster wahr." Ich bin kein gestresster Manager, ohne Handy komme ich prima klar, und gewandert bin ich auch schon oft. Aber es ist etwas anderes, mit einer Ziege unterwegs zu sein. Eine schöne Tour, die tatsächlich entspannend ist - und bei der man auch einmal unbekanntere Ecken im Norden entdeckt. Zudem habe ich gelernt: Ziegen haben ihren eigenen Kopf, sind aber nicht zickig. "Minna" hat nicht ein einziges Mal gemeckert.