Wie YouTube das Fernsehen neu erfindet

von Wolfgang Stuflesser

Ein voll ausgestattetes Film- und Fernsehstudio in einem ehemaligen Flugzeughangar des legendären Filmproduzenten und Luftfahrtpioniers Howard Hughes: Der YouTube Creator Space in Los Angeles ist Googles Gegenmodell zum klassischen Hollywood. Junge Filmemacher und Videoblogger aus aller Welt können hier ihre Ideen in Bewegtbild umsetzen. Die Ausstattung stellt Google, von der HD-Kamera bis zum Green Screen. Der Hintergedanke ist klar: Googles Videoportal YouTube soll mit hochwertigen Inhalten zum Fernsehen der neuen Generation werden.

Videoblogger bekommen Profi-Tipps

Von außen ist es nur ein unscheinbarer alter Flugzeughangar in der Nähe des Flughafens von Los Angeles. Innen aber wird gerade das Fernsehen neu erfunden. Zumindest, wenn man den jungen Videobloggern und Filmemachern glaubt, die im sogenannten YouTube Creator Space gerade einen einwöchigen Kurs durchlaufen.

Als Disney- und Star-Wars-Prinzessinen verkleidete Sängerinnen (Screenshot)  Detailansicht des Bildes Auch Prinzessin Leia holt sich im YouTube-Video Tipps - von den Disney-Schönheiten. Tony, Vijay und Peter zum Beispiel stehen vor einer grünen Leinwand und nehmen gerade ein Musikvideo auf. Tony und Vijay sind Brüder und Profi-YouTuber. Jede Woche produzieren sie ein Drei-Minuten-Musical und erreichen damit mehr als 100.000 Abonnenten, also regelmäßige Zuschauer. Meist greifen sie aktuelle Themen auf. Als der Disney-Konzern zum Beispiel die Rechte an den Star-Wars-Filmen aufkaufte, gaben in einem Musical-Video dazu Schneewittchen und Co. der Star-Wars-Prinzessin Leia Tipps, wie sich eine echte Disney-Prinzessin zu verhalten habe. Das Video zählt inzwischen drei Millionen Abrufe.

In dem einwöchigen Intensivkurs bekommen sie nun Tipps von Kameraleuten, Regisseuren und Drehbuchautoren. Und vor allem: Sie können den riesigen Technikkomplex kostenlos nutzen. In den sieben Studios mit Schnittcomputern, Regie- und Vorführraum könnte man problemlos einen richtigen Kinofilm drehen. Doch der Chef des Creator Space, Liam Collins, achtet darauf, dass er seine Kreativen nicht überfordert: "Wir schicken niemanden ins Filmstudio, der da noch nie gearbeitet hat. Wir wollen, dass die Leute schrittweise was lernen. Aber wenn sie Angst haben vor eine Profi-Digitalkamera, dann können sie die bei uns mal kostenlos ausprobieren, kriegen Tipps dazu und haben dann vielleicht weniger Scheu, sie für die nächste Produktion zu mieten."

Googles Ziel: Bessere Inhalte für YouTube

Google als Mutterfirma von YouTube verfolgt mit der Ausbildung ein klares Ziel: Das Videoportal soll attraktiver werden, und zwar durch bessere Inhalte. "Qualität lässt sich schwer definieren. Aber wir wollen, dass die Leute auf YouTube länger Videos anschauen", erläutert Collins. "Darum gibt es dieses Studio: Wir glauben, wenn die Filmemacher sich mehr trauen, wenn sie bessere Technik einsetzen und ihre Art des Geschichtenerzählens überdenken, dann schauen die Leute sich das auch länger an."

Rachel Talbott hat ein Kosmetik-Videoblog, in dem sie den Leuten Schminktipps gibt. Seit ein paar Monaten kann sie davon leben - durch die kurzen Werbespots, die YouTube vor den eigentlichen Videos schaltet. Ein Teil der Einnahmen geht an die Filmautoren. Rachel interessiert sich vor allem für die Business-Tipps im Kurs. "Ich habe das als Hobby angefangen - und jetzt werde ich zu einer richtigen Produktionsfirma. Ich muss lernen, wer meine Videos schaut und wie lange. Das wusste ich vorher nicht. Und mit diesen Infos kann ich meine Inhalte verbessern", sagt sie.

Beruf Blogger?
Foto zeigt Laptop-Tastatur mit Geldscheinen
 

Mit Bloggen Geld verdienen - geht das?

Blogs lesen, das machen viele. Aber für Blogs Geld bezahlen? Viele Blogger versuchen, sich durch Leserspenden, Crowdfunding oder Werbung finanziell über Wasser zu halten. mehr

Spezialisierte Kanäle, Kooperationen untereinander

Und was macht nun das Fernsehen der Zukunft aus? Da hat jeder hier seine eigenen Ideen. Aber sie richten sich meist an ein sehr spezielles Publikum, weniger an die große Masse wie beim klassischen Fernsehen.

Und: Die Kreativen sehen sich erstaunlicherweise nicht als Konkurrenten an, sondern schieben sich gegenseitig ihr Publikum zu. Deshalb hat sich etwa der Sänger Peter Hollens mit dem Musical-Komponisten Tony zusammengetan. "Er macht Musicals, und mein Publikum hört gerne gute, gesungene Musik. Wenn wir was zusammen machen, bekommt er meine Abonnenten und ich seine - darum sind wir schließlich hier", sagt Hollens. Konkurrenz, das sei eine Sache der Vergangenheit, sagt Comedian Eric Schwartz: "Früher gab es nur eine begrenzte Anzahl an Fernsehkanälen. Bei YouTube gibt es unendlich viele. Und das Publikum ist groß genug, um alle unsere Kanäle erfolgreicher zu machen."

Und je mehr Zuschauer, desto höher sind die Werbeeinahmen. Auch Google als YouTube-Betreiber kann es egal sein, welcher Filmemacher die meisten Klicks hat. Hauptsache, das Video ist bei YouTube eingestellt - dann klingelt am Ende die Kasse bei Google.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.03.2013 | 08:08 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/youtubecreatorspace101.html
Weitere Informationen
Eine Frau und ein Mann schauen gemeinsam auf einen Computerbildschirm
 

Online-Tutorials: Gebrauchsanweisungen 2.0

Wissenslücken werden heute mithilfe von Online-Tutorials gefüllt. mehr


Lübecker Wohnprinz gewinnt YouTube-Preis

Bastian aus Lübeck hat mit Videos zum Thema Wohnen den Preis NextUp2012 gewonnen. mehr


Geschichten erzählen ohne Grenzen

Zeitungen und Verlage versuchen, veränderten Medienansprüchen in der digitalen Welt gerecht zu werden. mehr

Links

Im YouTube Creator Space in Los Angeles können Filmemacher und Videoblogger ihre Ideen in Bewegtbild umsetzen.

Link in neuem Fenster öffnen
Radio
Binärcode dargestellt auf Oberfläche eines Planeten © Fotolia.com Fotograf: V. Yakobchuk
 

Netzwelt

NDR Info

Alles Wissenswerte über die weite Welt des Internets - jeden Montag und Donnerstag auf NDR Info. mehr