Twitter im Bundestagswahljahr

von Christoph Heinzle, NDR Info

Mit maximal 140 Zeichen pro Nachricht hat die US-Firma Twitter in den vergangenen sechs Jahren einen beeindruckenden Erfolg im Internet erzielt. Mehr als 200 Millionen aktive Nutzer zählt der Dienst inzwischen weltweit. In Deutschland aber ist der Zuspruch noch bescheiden. Nicht einmal eine Million aktive Nutzer gibt es hier schätzungsweise. Doch in diesem Jahr will Twitter in Deutschland den Durchbruch schaffen - die Bundestagswahl soll dabei helfen.

Screenshot: Twitter-Blog Obama © twitter Detailansicht des Bildes Obamas Nachricht nach der Wahl - der erfolgreichste Tweet 2012. Wenn Barack Obama twittert, dann lesen 25 Millionen sogenannte Follower mit. "Here we go. My tweet has been posted" ("Los geht's. Mein Tweet ist abgeschickt"), freute sich der US-Präsident bei einer seiner Twitter-Fragestunden. Die Kurznachricht des Wahlgewinners Obama "Four more years" ("Nochmal vier Jahre") war der erfolgreichste Tweet 2012 und die US-Wahl das gefragteste Thema.

Prominente Namen - auch aus der Politik - sind wichtig für den Erfolg. In Deutschland twittern Umweltminister Peter Altmaier und Regierungssprecher Steffen Seibert besonders eifrig. Der Spitzengrüne Jürgen Trittin ist dabei und jetzt auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Doch ob das Wachstum bringt, komme darauf an, wie Parteien und Politiker mit Twitter umgingen, sagt der Münchener Medienforscher Christoph Neuberger. Er hat die Tweets bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus analysiert. "Wir haben da festgestellt, dass vor allem die Tweets erfolgreich sind, die sehr viel Emotionen liefern, die stark bewerten. Und vor allem die negative Bewertung scheint dazu zu führen, dass man auch viel Resonanz auslösen kann", so Neuberger.

 

Medien nutzen Twitter immer häufiger       

Immer populärer wird Twitter bei den Medien. Redaktionen verbreiten Hinweise auf ihre Artikel. Und die Kurznachrichten tragen dazu bei, dass die Berichterstattung von Onlinemedien immer schneller wird. Doch noch ist die Bedeutung von Twitter begrenzt. Kommunikationswissenschaftler Neuberger hat Redaktionen dazu befragt: "Da haben wir festgestellt, dass Twitter durchaus genutzt wird für die Recherche, allerdings vor allem dafür, um Themenideen zu generieren und Stimmungen einzufangen. Insofern spielt Twitter nur eine beschränkte Rolle im Rahmen der Recherche."       

Der Screenshot vom 12.12.2012 zeigt die Twitter-Seite des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. © dpa bildfunk Detailansicht des Bildes Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück twittert. Im Vergleich zur Millionen-Anhängerschaft Obamas ist das Twitter-Publikum deutscher Politpromis mickrig. Spitzenpolitiker und Parteien bringen es hierzulande gerade mal auf einige zehntausend Anhänger. Einzig die Piratenpartei schaffte es über die Schwelle von 100.000. So warnt Neuberger denn auch vor einem Twitter-Hype: "Man darf Twitter generell nicht überschätzen. Der Erfolg der Social Media in den USA hängt natürlich auch mit dem anderen politischen System zusammen, nicht nur mit der höheren Reichweite. Das ist auch eine sehr viel stärkere Personalisierung, die wir dort haben." 

 

Experte: Einfluss auf Wahl nicht so riesig         

Und Holger Schmidt, bekannter Blogger und Online-Experte des Magazins "FOCUS", ergänzt: "Im Moment ist Twitter einfach zu klein und für die Politiker, glaube ich, noch nicht wirklich die Plattform, auf der sie Stimmen kriegen können. Insofern, glaube ich, wird der Einfluss der Bundestagswahl auf Twitter jetzt nicht so riesig sein, wie Twitter sich das vielleicht wünscht."

Der Bundestagswahlkampf könnte den Durchbruch bringen, verkündete die Firmenspitze im September. Aktuell will sich Twitter aber nicht äußern. Zur Wachstumsbeschleunigung hatte die Firma im vergangenen Jahr einen Deutschland-Chef eingestellt und ein Büro in Berlin eröffnet. In anderen Ländern setzten sich neue Technologien wie Twitter schneller durch, meint Schmidt - in den USA, aber auch in Großbritannien oder Frankreich. "Die Einstiegshürde ist vielen Deutschen einfach noch zu hoch. Denn sie sehen die 140 Zeichen an sich vorbeirauschen und wissen nicht genau, wie sie das selektieren, wie sie die Leute finden, die spannende Informationen haben. Ja, vielleicht kommt es noch in Deutschland, ist aber schwer zu sagen."

Weitere Informationen
Das Logo von Twitter © NDR
 

NDR Netzwelt bei Twitter

Nutzen Sie Twitter? Bleiben Sie informiert und treten Sie mit uns in Kontakt. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 03.01.2013 | 08:08 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/twitter405.html
Rückblick
Beleuchtete Zahl 2012 © Fotolia Fotograf: Pavel Ignatov
 

Von ACTA bis @pontifex - das Jahr im Netz

Was 2012 die Netzwelt empörte und erfreute: ein Blick zurück. mehr

Jeden Donnerstag
Binärcode dargestellt auf Oberfläche eines Planeten © Fotolia.com Fotograf: V. Yakobchuk
 

Netzwelt

Alles Wissenswerte über die weite Welt des Internets - jeden Montag und Donnerstag auf NDR Info. mehr