Geschichten erzählen ohne Grenzen

Gute Geschichten mögen wir alle, egal in welcher Form: Buch, Hörspiel, Film, Serie oder Computerspiel. Packend, spannend und emotional zu erzählen, ist in jedem Medium möglich. Immer öfter passiert das deshalb auch überall gleichzeitig. Sogar auf der Frankfurter Buchmesse wurden die Möglichkeiten des medienübergreifenden Geschichtenerzählens ausführlich diskutiert. Die Geschichte soll vor allem im Internet weiter ausgebreitet werden: auf eigenen Websites, auf Facebook oder in Browserspielen - die Möglichkeiten zur Interaktion für den Nutzer scheinen unbegrenzt. Und auch für den Journalismus ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten.

Von Simon Emmerlich, Bayerischer Rundfunk

Ein Tablet PC liegt auf einem Zeitungsstapel. © dpa picture alliance Detailansicht des Bildes Gegensätze ziehen sich an: Zeitungen und Tablet-PCs können heutzutage Geschichten zusammen erzählen. Ein afrikanisches Fußballteam lächelt mich schüchtern von meinem iPad-Bildschirm an. Es ist das einzige Team in Südafrika, das nur aus lesbischen Frauen besteht. Eine der Spielerinnen erzählt in einer Videosequenz, dass die Frauen wegen ihrer Homosexualität in Südafrika immer wieder vergewaltigt werden. Erst vor Kurzem sei eine Spielerin in einem verlassenen Warenhaus getötet worden. Die junge Frau fragt mich, ob sie mir den Ort zeigen soll, an dem ihre Freundin gestorben ist.

Dann wechselt die Szene in das Warenhaus. Mit den Bewegungen meines Fingers kann ich mich in dem heruntergekommen Haus umsehen, ich höre das Knirschen meiner Schritte auf dem müllbedeckten Boden und bekomme eine Ahnung davon, wie sich das Opfer hier gefühlt haben muss. Vier Türen warten auf mich, hinter jeder verbirgt sich eine andere Videosequenz, die mir Hintergründe zur Story über das Frauenfußballteam liefert.

Heute den Journalismus von Morgen entwickeln

Diese preisgekrönte Multimedia-Reportage des "Spiegel" ist ein Versuch, heute den Journalismus von Morgen zu entwickeln, bei dem der Nutzer nicht mehr nur passiver Leser sein soll, sondern sich seine Geschichten selbst erarbeiten und zusammenstellen muss. Das hat natürlich Folgen für die Dramaturgie einer Story. Geschichten werden dann nicht mehr linear von A nach B erzählt, sondern der Leser bestimmt Tempo und Ablauf der Handlung selbst.

Tobias Hülswitt ist Schriftsteller und Herausgeber eines "Handbuches für nicht-lineares Erzählen". Er ist der Ansicht, dass solche interaktiven Reportagen an unseren heutigen Mediengewohnheiten einiges ändern könnten: "Ich werde nicht zum passiven Konsumenten, der für eine bestimmte Zeit sein Gehirn an den Erzähler abgibt, sondern die Erzählung sagt mir permanent: 'Diese Erzählung kann sich nur mit dir zusammen entfalten, du musst mitarbeiten, du musst helfen sie zu bauen.' Damit ermächtige ich den Konsumenten natürlich."

Inhalte hinken Möglichkeiten neuer Geräte hinterher

Die interaktive Reportage könnte deshalb gerade im expandierenden Markt der Tablet-PCs zur Form der Zukunft werden. Denn bislang hinken die Inhalte den Möglichkeiten der neuen Geräte noch hinterher, sagt der Berliner Medienentwickler Christoph Brosius: "Die Welt in der wir leben ist zunehmend davon geprägt, dass der Kunde Nutzererfahrungen wahrnimmt, wie zum Beispiel die von einem iPhone oder von sehr modernen interaktiven Websiten, und diese Erfahrung möchte er ganz gerne auf allen anderen Kanälen übertragen sehen."

Ideen und Ansätze gibt es viele

Buchstaben fliegen aus einem aufgeschlagenem Buch heraus. © Fotolia Fotograf: FotolEdhar Detailansicht des Bildes Nur lesen war gestern. In der digitalen Welt verschmelzen Geschichten aus Büchern zum Beispiel mit Videosequenzen oder Bildergalerien und Hörstücken im Netz. Zeitungen und Verlage überlegen deshalb fieberhaft, wie sie den veränderten Medienansprüchen der einstigen Leser und Zuschauer gerecht werden können. Ideen und Ansätze gibt es schon viele. Im Prinzip seien der transmedialen Vernetzung über verschiedene Medienkanäle keine Grenzen gesetzt, meint Autor Hülswitt: "Dass wir zum Beispiel eine Website haben, auf der bestimmte Teile dieser Geschichte erzählt werden, gleichzeitig gibt es vielleicht einen Dokumentarfilm, der im Fernsehen oder im Internet läuft, und dann gibt es vielleicht noch ein Buch dazu oder eine App. Und alle diese Medien greifen ineinander im Entfalten dieser Geschichte oder Geschichtenwolke. Das kann eine lineare Geschichte sein mit Handlung und Plot oder eben eine nicht-lineare Geschichte, in der es nur um freischwebende Erzähleinheiten geht, die sich irgendwie miteinander verbinden."

Interaktive Lifestyle-Serie spielt in Berliner Coffeeshop

Ein Projekt, das sich das  Prinzip des transmedialen Storytellings auf die Fahnen geschrieben hat, ist der digitale Serien-Roman "Coffeeshop". Die neue Lifestyle-Serie aus Berlin erzählt von Sandra und ihren Freunden - und zwar zum lesen, hören und anschauen. Eine exklusiv für iPhone und iPad entwickelte App soll den User zum Teil des Universums von Sandra und Co. werden lassen.

Neben den Lese- und Hör-Geschichten aus einem Berliner Coffeeshop gibt es in der App Videos, Kochrezepte oder Spiele rund um die Roman-Serie. Und auch bei Facebook haben die Figuren ein richtiges Eigenleben. Ein Autorenteam schreibt dort jeden Tag Meldungen und postet Neuigkeiten, um den Eindruck zu erwecken, dass das Leben der Hauptfiguren weitergeht, dass es ein ganz normales Leben ist, so wie es der User auch lebt, erklärt Produzent Michael Luda.

"Transmedia wird eine Chance haben"

Rund 1.000 Facebook-Nutzern gefällt Sandra aus dem Coffeeshop bislang, eine eher magere Ausbeute. Trotzdem ist Luda von der Zukunftsfähigkeit von Projekten wie dem Coffeeshop überzeugt, weil die Nutzer immer selbstbestimmter entscheiden, was sie wie, wann und wo von Medien bekommen wollen: "Es gibt den schönen Satz 'My time is prime time'. Dann sehe ich, dass Transmedia schon eine Chance haben wird. Es wird den Platz finden in der Medienlandschaft, es wird aber nicht das ausschließliche Konzept sein. Es wird den klassischen Film nach wie vor geben, es wird den Roman nach wie vor geben. Am Ende ist es ein Bereich, wo wir Spiel, Roman, Bewegtbild verbinden können, um den Zuschauern auf verschiedenen Ebenen ein Angebot zu unterbreiten, damit sie das Kernprodukt, die Geschichte, letzlich annehmen."

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NDR Info | Netzwelt | 14.02.2013 | 08:08 Uhr

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