Schufa will Facebook-Daten sammeln

von Peter Hornung und Jürgen Webermann, NDR Info

Ein Schatten vor dem Facebook-Logo. © dpa Fotograf: Julian Stratenschulte Detailansicht des Bildes Die Schufa und das Hasso-Plattner-Institut erarbeiten in einem gemeinsamen Forschungsprojekt nach eigenen Angaben die "Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web". "Projektideen - SchufaLab@HPI": Das ist der Titel eines Papiers, das es in sich hat. Auf mehr als zwei Seiten wird darin aufgezählt, was die größte Auskunftei und das renommierteste IT-Institut Deutschlands für denkbar und möglich halten: Wie Millionen Verbraucher mithilfe von Daten aus dem Internet durchleuchtet werden, um damit ihre Kreditwürdigkeit besser beurteilen zu können.

Doch zunächst einen Schritt zurück: Anfang dieser Woche hatten die Schufa und das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam (HPI) Recherchen von NDR Info bestätigt, wonach sie ein "gemeinsames Web-Forschungsprojekt" unter dem Namen "SchufaLab@HPI" gestartet haben. Von "Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web" ist in einer Pressemitteilung die Rede. Was sich genau hinter dem Vorhaben verbirgt, wird nicht verraten.

"Crawling-Technologie" könnte zum Einsatz kommen

Doch NDR Info vorliegende vertrauliche Dokumente zeigen, was Schufa-Manager und HPI-Wissenschaftler tatsächlich planen. Man spricht von "Projektmöglichkeiten und Denkrichtungen", die jedoch vor allem in eine Richtung gehen: aus unzähligen Quellen im Internet sollen gezielt Daten über Verbraucher gesammelt werden. Bei Facebook zum Beispiel,  wo man auch die Kontakte der Mitglieder betrachten könne, um Beziehungen zwischen Personen zu untersuchen und hierbei Zusammenhänge mit der Kreditwürdigkeit der Verbraucher zu finden. Doch die Liste ist viel länger: Es geht um berufliche Netzwerke wie Xing oder LinkedIn, den Kurznachrichtendienst Twitter, Personensuchmaschinen wie Yasni, Geodatendienste wie Google Street View und selbst Mitarbeiterverzeichnisse von Unternehmen oder den Autorenkatalog der Deutschen Nationalbibliothek.

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Überall, so die Idee, könnten mittels sogenannter Crawling-Technologien, wie sie auch Suchmaschinen wie Google verwenden, Daten gewonnen werden, um sie mit Schufa-eigenen Verbraucherdaten zu verknüpfen und schließlich - wie es in einem anderen Papier heißt - "aus Business-Sicht zu bewerten". Auf diese Weise "soll ein Pool entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Produkte und Services eingesetzt werden kann". Allgemein, heißt es in dem Papier, gehe es darum, "Chancen und Bedrohungen für das Unternehmen zu identifizieren und zu bewerten".

Verdeckte Adress-Recherche?

Es ist eine Liste der fast unbegrenzten Möglichkeiten: Nicht nur Daten über Personen - ihre Adresse, ihr Alter, ihr Arbeitgeber oder ihr Beruf - könnten gesammelt werden. Es sei auch die Analyse von Textdaten denkbar, um "ein aktuelles Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln". Ebenso könnten die Wissenschaftler herausfinden, wie die Schufa über eigene Facebook-, Xing- oder Twitter-Profile an "Adressen und insbesondere Adressänderungen" anderer Nutzer gelangen könnte - und zwar verdeckt.

Ganz wohl ist den Autoren dieses Papiers gerade bei Letzterem offenbar nicht: "Experimente am HPI nur beschränkt möglich; eventl. unter anderem account-Namen", heißt es vielsagend. Von nachvollziehbarem Interesse ist schließlich auch die "automatisierte Identifikation von Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützern und Journalisten". Gerade bei sogenannten Multiplikatoren, die bisher womöglich als einfache Verbraucher in ihren Datenbanken versteckt sind, will eine Auskunftei wie die Schufa natürlich nichts falsch machen.

HPI spricht von "Grundlagenforschung"

Vertreter beider Einrichtungen bestätigten inzwischen die Recherchen von NDR Info. Die Sammlung von Projektideen sei "in Gesprächen zwischen dem HPI-Fachgebiet Informationssysteme und dem Projektpartner Schufa entstanden", so Felix Naumann, Professor am HPI und Leiter des Fachgebiets Informationssysteme. Es handele sich dabei jedoch um "Grundlagenforschung", die man nach "höchsten ethischen Maßstäben" betreibe. "Sämtliche entwickelten Methoden und daraus resultierende Erkenntnisse werden als wissenschaftliche Beiträge öffentlich publiziert", so Naumann.

Ein Schufa-Sprecher sagte, bei dem am 1. April 2012 gestarteten "SchufaLab@HPI" gehe es lediglich um "erste technologische 'Denkrichtungen' in einem rein wissenschaftlichen 'Ideenraum'": "Selbstverständlich entsprechen alle 'Projektideen' dem juristischen und legalen Rahmen in Deutschland." Sein Unternehmen wolle mit dem Forschungsprojekt "einen aktiven Beitrag zur Meinungsbildung und Sensibilisierung leisten", "sei es durch die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in einer Studie oder Diskussion im öffentlichen und politischen Raum". Von einer Veranstaltung im kommenden September ist die Rede, auf der man Näheres erläutern wolle.

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Informationen über das Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam.

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