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"Fire me": Wie User um Kündigung "betteln"

von Birgit Reichardt, NDR.de

Eelco Herder, Bernardo Pereira Nunes und Ricardo Kawase (l.n.r.), Informatiker Universität Hannover. © NDR.de Fotograf: Jens Otto Detailansicht des Bildes Mensch-Computer-Interaktion ist Forschungsschwerpunkt von Eelco Herder, Bernardo Pereira Nunes und Ricardo Kawase (v.l.n.r.) "Ich hasse meinen Chef." Über diese tiefe Abneigung würde wohl kaum jemand seinen Vorgesetzten persönlich informieren. Da offenbaren Tausende ihre Gefühle lieber der ganzen Welt. Täglich senden Menschen kompromittierende Nachrichten ins öffentliche Netz - und bitten damit förmlich darum, gefeuert zu werden, wie eine Forschergruppe der Universität Hannover meint. "Fire Me" heißt deshalb eine von den Computer-Wissenschaftlern entwickelte Internetseite, die Nachrichten von Twitter-Usern, die über ihren Arbeitsplatz schimpfen, sammelt und veröffentlicht. Hoch amüsant sind teilweise die erschreckend ehrlichen Tweets. Doch die Seite, die daherkommt wie eine Spielerei, ist laut den Informatikern ernsthafte Forschung - mit Handlungsempfehlungen nicht nur für User, sondern auch für Dienst-Anbieter.

"Nur wenige Nutzer entfernten die Tweets"

- Autor/in: Jens Otto / Birgit Reichardt

Die Internet-Seite "Fire Me" sammelt kompromittierende Tweets von Usern, die mit ihren Job unzufrieden sind. Laut Forscher Eelco Herder, sollte man User vor solchen Tweets warnen.

"Meine Chefin ist ein Dementor"

"Meine Chefin ist ein Dementor", schreibt ein Twitter-User am Donnerstag in Anlehnung an die dunklen Gestalten aus den Harry-Potter-Romanen - "sie saugt Leben und Glück aus meinem Körper", führt er sorglos aus. Doch so etwas könne Konsequenzen bis hin zur Kündigung nach sich ziehen, sagt Eelco Herder, Projektleiter am Forschungsinstitut L3S der Universität Hannover. Und er übertreibt nicht: Im Februar wurden wegen eines Facebook-Eintrags zehn Feuerwehrleute in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) vom Dienst suspendiert, wie WDR und "Der Westen" berichtete. Um auf solche Fallen aufmerksam zu machen, durchsucht "Fire Me" den Kurznachrichtendienst Twitter nach beleidigenden Äußerungen und sortiert diese sogar nach bestimmten Typen. So werden unter "Horrible Bosses" all diejenigen Tweets gesammelt, die Vorgesetzte direkt beleidigen, in der Gruppe "Haters" alle Äußerungen, die die Phrase "Ich hasse meinen Job" oder ähnliches beinhalten.

"Alarm-Tweets" warnen Twitter-User

Twitter-User glaubten, wenn sie nicht ihren richtigen Namen und Ort veröffentlichen, bewegen sie sich anonym im Netz, so die Forscher. Doch die Daten könne man durch eine Analyse des Twitter-Streams recht genau herausfinden. Wie wohl ein Nutzer reagiert, wenn man ihm mitteilt, dass sein Chef möglicherweise mitliest? Mehr als 4.000 Nutzer erhielten im Rahmen der Studie einen solchen "Alarm-Tweet". Damit nicht genug: Die Forscher errechnen eine Wahrscheinlichkeit, mit der User auf der Basis ihrer Äußerungen entlassen werden und veröffentlichen darüber hinaus eine Rangliste der "Job-Beschimpfer". Tristan Morgan aus Nebraska (USA) schaffte es mit "Fuck, my Job sucks" auf Platz 2 und erklärte gegenüber der "New York Post" gelassen: Die Studie mache durchaus Sinn - er habe seinen Job aber längst selbst gekündigt.

"Denk-noch-einmal-darüber-nach-Posting"

Etwa 40 Prozent der rund 4.000 alarmierten User war ihr möglicherweise jobgefährdender Tweet schlicht egal, aber 241 Menschen hätten nach Erhalt der Warnung ihre Nachricht gelöscht, so die Forscher. Andere wiederum änderten ihre Twitter-Einstellungen, sodass nur ausgewählte Follower die Nachrichten lesen können. Der Brasilianer Ricardo Kawase, der "Fire Me" mitentwickelt hat, empfiehlt Internet-Diensten deshalb, ein generelles Warnsystem einzuführen - eine Art "Denk-noch-einmal-darüber-nach-Posting". Denn offenbar waren doch viele Menschen besorgt, nachdem man sie auf ihren kompromittierenden Tweet aufmerksam gemacht hatte.

"Nach dem Tweet ist es zu spät"

Eelco Herder und seinem Team geht es nach eigenen Angaben nicht um Kontrolle, sondern darum, das Bewusstsein für das eigene Handeln zu schärfen. Die Warnung müsse auch bereits früher an die Nutzer verschickt werden, ergänzt Kawase, "nach dem Tweet ist es zu spät". Der Anbieter selbst könnte bestimmte Schlüsselwörter filtern und vor Veröffentlichung der Kurznachricht noch einmal nachfragen, ob man das wirklich versenden wolle, so Kawase. Man könne anhand der Studien-Ergebnisse nun besser sagen, wie eine solche Warnung formuliert sein muss, damit die User auch tatsächlich reagieren. Die Forscher selbst senden keine "Alarm-Tweets" mehr, Twitter hat das verboten.

"Fire Me" bald auch auf deutsch

Bisher wertet die Seite "Fire Me" nur englisch- und portugiesischsprachige Tweets aus. Für deutschsprachige User müssen noch entsprechende Suchmasken entwickelt werden. "Vor Ostern schaffen wir das nicht mehr", sagte Eelco Herder NDR.de. Er räumt übrigens ein, dass die Plattform potenziellen Chefs die Suche nach illoyalen Arbeitnehmern möglicherweise erleichtert, aber "Fire Me" basiere auf öffentlichen Daten, verteidigt sich Herder. "Wir wollen nicht, dass jemand seinen Job verliert." Auf Wunsch können man aus der Suche auch ausgeschlossen werden. Auf der Internetseite heißt es unmissverständlich: "Beschwere Dich nicht über uns, sondern handele verantwortungsvoll."

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/fireme101.html
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Das Logo von Twitter und Facebook © NDR
 

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Links
Screenshot der Internet-Plattform "FireMe!". © http://fireme.l3s.uni-hannover.de/fireme.php
 
Link

Link zur Twitter-Plattform "FireMe!", auf der auf den Job bezogene, negative Tweets gesammelt werden.

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Videos
Ricardo Kawase von der Uni Hannover steht vor einem großen Bildschirm. © NDR.de Fotograf: Jens Otto
 
Video

"Most of them don't really care"

Der portugiesisch- und englischsprachige Ricardo Kawase hat die Anwendung "Fire Me" entwickelt.

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