Interview

"Nutzer-Daten sind Facebooks Kapital"

Mark Zuckerberg inmitten von Facebook-Mitarbeitern am Tag des Börsengangs © dpa Detailansicht des Bildes Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (Mitte) feiert mit Mitarbeitern den Börsengang des Internet-Konzerns. Seit Freitag werden Facebook-Aktien an der Börse gehandelt. Der Auftakt fiel nach Ansicht vieler Experten enttäuschend aus. In den ersten Handelsminuten an der US-Technologiebörse Nasdaq stieg der Kurs auf mehr als 42 Dollar, fiel dann aber wieder. Zuvor hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Eröffnungsglocke für den Handelstag per Live-Schaltung vom Unternehmenssitz im kalifornischen Menlo Park geläutet.

Es ist ein spektakulärer Börsengang, der Kapital in schwindelerregender Höhe in die Kasse von Facebook spült. Doch hat der Schritt auch Folgen für die Nutzer des weltgrößten sozialen Netzwerks im Internet?

"Nach dem Börsengang wird der Anleger-Druck dafür sorgen, dass Facebook die Daten seiner Nutzer noch stärker verwertet als bisher", meint Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar. Die Auseinandersetzung um die automatische Gesichtserkennung auf Fotos bei Facebook müsse möglicherweise vor Gericht entschieden werden.

"Es muss sich für Facebook rechnen"

NDR Info: Hat der Börsengang von Facebook direkte Auswirkungen auf die einzelnen Nutzer?

Johannes Caspar: Facebooks Börsengang wird von erheblichen wirtschaftlichen Erwartung an das Unternehmen selbst begleitet. Insofern muss befürchtet werden, dass die Daten der Nutzer als sogenannte digitale Kapitalressource künftig in noch stärkerer Weise von dem Unternehmen verwertet werden müssen. Unter der Logik der Wirtschaftsordnung ist klar, dass die Anleger erwarten, dass Facebook die Zahlen vorweist, die im Gewinn und Umsatz gegeben sein müssen, damit das Ganze sich wirtschaftlich rechnet. Und hier sind es eben gerade die Daten, die Facebook dann letztlich kapitalisieren wird.

NDR Info: Ist Facebook für Sie als Datenschützer besonders böse oder auch nicht schlimmer als Google, Microsoft, Apple und Co.?

Johannes Caspar: Wir haben es mit einem Unternehmen zu tun, das in einem sehr sensiblen Bereich agiert, eben mit Daten von Nutzern. Teilweise sind die Nutzer ja auch selbst -  das muss man sagen - verantwortlich für das, was sie dort hineinstellen ... Wir begegnen ja auch einem Bewusstsein, das nichts daran findet, Privates öffentlich zu stellen. Und insofern ist natürlich auch der Nutzer hier gefragt, wenn es darum geht, ein Konzept des Datenschutzmanagements zu haben, das eben auch eine Eigenverantwortlichkeit gegenüber den eigenen Daten, aber auch Respekt gegenüber den Daten Dritter dann dokumentiert.

Fast ein Siebtel der Weltbevölkerung nutzt Facebook

Prof. Dr. Johannes Caspar, der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit © datenschutz.hamburg.de Detailansicht des Bildes Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar: "Facebook lässt sich bedingt kontrollieren." NDR Info: Vergangene Woche hat der "Spiegel" getitelt: "901 Mio. Menschen gefällt das". Also mithin fast einem Siebtel der Weltbevölkerung. Auf der einen Seite steht einer der momentan größten beziehungsweise kapitalstärksten Konzerne. Auf der anderen Seite stehen knapp 200 Staaten mit dutzenden unterschiedlichen Datenschutzgesetzen weltweit. Lässt sich ein Konzern mit diesem Patchwork an Datenschutzregeln überhaupt kontrollieren?

Johannes Caspar: Er lässt sich bedingt kontrollieren. Es gibt unabhängige Aufsichtsbehörden, gerade für den Datenschutz. Aber wir wissen um die Schwierigkeiten, die es macht hier, die letzte Kontrolle zu haben. Wir sind nicht in der Lage, etwa Facebook in USA in die Server zu schauen. Aber wir können sehr wohl das kommentieren, was wir sehen und auch die Dinge, die schief laufen, durch viele Eingaben von Bürgerinnen und Bürgern bei Facebook monieren und dann auch für ein Umsteuern zu plädieren und zu fordern, wenn es dann erforderlich ist.

"Wenn Facebook nicht einlenkt, muss ein Gericht entscheiden"

NDR Info: "Für ein Umsteuern zu plädieren" - das klingt jetzt nicht gerade so als könnten Sie tatsächlich was ändern.

Johannes Caspar: Man wird das sehen. Wir haben lange die Diskussion über die Gesichtserkennungssoftware geführt. Die automatische Gesichtserkennung läuft bei Facebook im Hintergrund ja mit, ohne dass man als Nutzer letztlich ein Opt-in hat. Das heißt, man wird im Prinzip nicht gefragt. Man muss sie ausstellen, wenn man sie nicht will. Das Ausstellen erfordert viele Kenntnisse. Man muss sich dort eben erst mal in den Privatsphäre-Einstellungen durchklicken, um das alles zu tun. Das ist gerade für Jugendliche kaum machbar und nur schwer durchschaubar.

Dieses System ist nach unserer Meinung mit den nationalen aber auch mit den europäischen Vorgaben des Datenschutzes nicht vereinbar. Wir arbeiten hier an einem Verwaltungsakt, der Facebook hier künftig untersagt, diese Art biometrischen Daten der Nutzer zu erheben ohne dass die Nutzer vorher ausdrücklich eingewilligt haben. Und das wird dann möglicherweise, wenn Facebook nicht einlenkt, vor Gericht entschieden werden müssen.

Das Interview führte Marius Zekri für NDR Info.

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Webseite von Facebook auf einem Monitor © picture-alliance / dpa
 
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Die Erstnotiz der Facebook-Aktie an der New Yorker Börse fiel enttäuschend aus. Mehr bei boerse.ARD.de.

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