Hamburg: Dunkle Wolken im Spiele-Paradies?

von Hanna Grimm, NDR.de

Ein Screenshot des Spiel Farmerama der Firma Bigpoint © Bigpoint Detailansicht des Bildes Beim Browsergame "Farmerama" hegen und pflegen die Spieler einen kleinen Bauernhof. Auf einem Acker wachsen Sonnenblumen, daneben grasen Schafe und im Hintergrund zwitschern Vögel. Diese idyllische Bauernhofszene stammt aus dem Computerspiel "Farmerama" der Hamburger Firma Bigpoint. So gut gedieh bis vor Kurzem auch die Gamesbranche in der Hansestadt.

Doch im Oktober 2012 erschüttert eine bittere Nachricht das Spiele-Paradies: Der Branchenriese Bigpoint entlässt 120 Mitarbeiter. Wie hat der Standort Hamburg den Schock verkraftet? Und was erwartet die lokale Spieleindustrie im Jahr 2013? NDR.de hat Insider, Nachwuchstalente und Experten gefragt.

"Es konnte nicht so weitergehen"

Was sind Browsergames?

Browsergames sind kostenlose Computerspiele. Der Nutzer muss sie nicht installieren, sondern kann sie online in einem Webbrowser aufrufen. In der Regel sind die Spiele kostenlos, können für die Nutzer am Ende trotzdem ziemlich teuer werden, denn wichtige Extras wie bessere Waffen müssen sie bezahlen. Der Markt für Browsergames ist extrem gewachsen und die Konkurrenz härter geworden. Es heißt, um einen Spieler zu gewinnen, muss eine Firma heute dreimal so viel investieren wie vor ein paar Jahren.

Bigpoint hatte bis Ende 2012 eine beispiellose Entwicklung hingelegt: 2003 bringt der Unternehmensgründer Heiko Hubertz mit dem Eishockey-Manager "Icefighter" sein erstes Spiel auf den Markt - sechs Jahre später leitet er ein millionenschweres Unternehmen.

Der Markt mit den Browsergames boomt. Es geht immer weiter nach oben: Bigpoint stellt mehr Mitarbeiter ein, expandiert ins Ausland und verdoppelt seinen Umsatz jährlich.

Doch 2012 trübt sich das Bild: schrumpfende Umsatzzahlen und Entlassungen. "Es war klar, dass es nicht immer so weiter gehen konnte", sagt Bigpoint-Chef Hubertz rückblickend. Er habe nur nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Trotzdem glaubt Hubertz, dass die Spielestadt Hamburg weiterhin für die Branche sehr attraktiv bleibt. Und auch andere Branchenvertreter wie InnoGames, Goodgame Studios und Gamigo sind dem Standort treu.

"Hamburg ist und bleibt an erster Stelle"

Ihren Erfolg als Hauptstadt der deutschen Gamesbranche hat Hamburg einer gut funktionierenden Infrastruktur zu verdanken: Der Berater Achim Quinke rief 2003 gemeinsam mit dem Senat ein Konzept für die Förderung der Branche in der Hansestadt ins Leben. Außerdem hat er das Branchen-Netzwerk gamecity:Hamburg gegründet.

Die Gamesbranche in Hamburg

Deutschlandweit ist Hamburg die Nummer eins in der Gamesbranche. 155 Firmen verdienen hier ihr Geld mit Computerspielen. Die Branche ist von 850 Mitarbeitern im Jahr 2003 auf 4.000 im Jahr 2012 gewachsen. Um die Förderung und die Vernetzung der Firmen kümmert sich die Initiative gamecity:Hamburg. Viermal im Jahr finden große Branchentreffen statt.

Quinke hofft, dass zukünftig die lokale Spielebranche weiter im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Dafür ist die Branche auch auf die Unterstützung des Senats angewiesen. Für 2013 wird dieser den relativ kleinen Etat von 140.000 Euro für die Gamesbranche jedoch nicht erhöhen, sagte ein Mitarbeiter NDR.de. Quinke hofft dennoch, dass Hamburg im Jahr 2013 mit einem Sonderprojekt die finanzielle Förderung von Start-ups aus der Branche wieder aufnimmt.

Der Netzwerkgründer sieht Hamburg zwar als den attraktivsten Standort Deutschlands, doch er sagt auch, dass die Hansestadt in Zukunft härtere Konkurrenz bekommen wird. "Gerade Berlin vermarket sich besonders laut." Auch in Frankfurt am Main und München hätten sich einige Firmen angesiedelt.

"Hamburg muss investieren"

Auch Experten außerhalb der Hansestadt sehen das ähnlich. Wenn Hamburg an der Spitze bleiben wolle, müsse in die Branche investiert werden, sagt der Paderborner Professor für Medienorganisation und Mediensysteme Jörg Müller-Lietzkow. "Die Realität ist, dass die Unternehmen zum Teil Probleme bekommen werden. Es reicht nicht mehr, nur zu kommunizieren."

Doch der Experte mahnt auch eine andere Schwachstelle in der Szene an. Müller-Lietzkow beobachtet, dass Nachwuchs oft zu sehr geringen Löhnen arbeiten muss. "Die Unternehmen zahlen so wenig Geld, dass die Berufseinsteiger kaum davon leben können", sagt er.

1.750 bis 2.000 Euro brutto würden viele im Schnitt als Einstiegsgehalt bekommen. "Davon kann man sich kein Leben in Hamburg leisten". Wenn die Branche gute Leute wolle, dann müsse sie auch entsprechend zahlen. "Das ist kein triviales Problem", mahnt er.

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"Ich kenne keine Zukunftsängste"

In Hamburg bildet der einzige staatliche Games-Studiengang Deutschlands Nachwuchstalente zu Entwicklern von Computerspielen aus. Etwa 20 Studenten bekommen jedes Jahr ihren Games-Masterabschluss an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Einer von ihnen ist Clemens Kügler. Auch ihm machen die vergleichsweise kleinen Einstiegsgehälter Sorgen. "Die Branche baut darauf, dass viele qualifizierte Arbeitskräfte da sind. Das ist kein Zustand", sagt er.

Außerdem bemängelt er, dass viele Firmen vor allem auf Praktikanten setzen - zum größten Teil würden diese sogar unbezahlt arbeiten. "Theoretisch müsste sich jeder Berufseinsteiger weigern, einen Praktikumsplatz anzunehmen, wenn er eine Anstellung sucht", meint er. Doch das sei wohl unrealistisch.

Doch echte Zukunftsängste kennen Kügler und seine Kommilitonen nicht - seine berufliche Zukunft sieht er auf jeden Fall in Hamburg. Egal, ob in einer großen Firma, oder bei einem kleinen unabhängigen Unternehmen - in der Stadt der Computerspiele sei alles drin. "Und vielleicht gründe ich einfach mit anderen Absolventen eine eigene Firma", sagt er selbstbewusst.

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