Das Interview mit Anke Domscheit-Berg (CC-Lizenz: BY-NC 3.0 DE)
Die Langversion des Interview mit der Internet-Aktivistin.
Video starten (21:09 min)Dass Artikel in Zeitungen oder Beiträge in Hörfunk und Fernsehen Leser und Zuschauer in Rage bringen können, ist klar und auch gut! Wüste Beschimpfungen gehören zum journalistischen Geschäft dazu. Eines hat sich allerdings verändert in Zeiten des Internets: Man pöbelt heute verdeckt. Hinter Decknamen kann man Ausländerhetze, Homosexuellen-Beschimpfung oder sonstige Hasstiraden abladen. Müssen anonyme Kommentare verboten werden?
Ein Film von Daniel Bröckerhoff.
Beispiele von Kommentar-Zitaten: "Selten so genervt und gelangweilt gewesen von einer Frau", "Die Araber mit ihrem verlogenen Koran", "Scheiß deutsche Nazisprösslinge". Kommentare aus dem Netz der Namenlosen in Blogs, Foren, Medienportalen. Unter dem Deckmantel der Anonymität wird gepöbelt, an den Pranger gestellt, beleidigt.
Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg beobachtet diese Erscheinung schon länger: "Das, was sich in der Gesellschaft, in den Köpfen der Menschen befindet, hat eine Äußerungsmöglichkeit im Internet, die man sonst vielleicht eins zu eins in der Form nicht hat. Damit werden jetzt Dinge deutlicher sichtbar, die sonst weniger sichtbar sind, die aber immer da waren."
Ernst Elitz, ehemaliger Intendant des Deutschlandradios: "Mich irritiert etwas, dass viele Leute anonym auftreten und nicht ihre Namen sagen, als Journalist ist man das natürlich gewöhnt, dass man unter seinem Namen schreibt und sendet und dass ja selbst in Zeitungen sehr häufig die Fotos dabei sind."
Anonymität senkt Hemmschwelle
Auf den Internetseiten großer Onlinemedien gehen viele Kommentare unter die Gürtellinie. Das Internet senkt die Hemmschwelle, andere zu diskriminieren. Ein Beispiel: Das Bundesverfassungsgericht urteilte kürzlich, dass Asylbewerber mehr Geld bekommen müssen. Bild.de berichtete darüber und die Kommentar-Seite wurde überschwemmt mit Beschimpfungen und radikalen Parolen.
Der Medienjournalist Stefan Niggemeier dokumentierte diese Entgleisungen auf seinem Blog: "Im Gegenzug zu diesem Urteil sollte man die Zahl der zugelassenen Asylanträge einfach halbieren", oder: "Wer sich nicht selbst versorgen kann, zurück in den Flieger." "Bild.de" reagierte, wenn auch spät, deaktivierte die Kommentarfunktion unter dem Artikel mit dem Hinweis: "Aufgrund mehrere Verstöße gegen die Bild.de Netiquette haben wir die User-Kommentare abgeschaltet und entfernt."
Auch die "Bunte" kämpft mit Problemen. Die Kommentarseiten waren unmoderiert, das heißt es gab keinen, der diese kontrolliert freischaltet oder löscht. Rechtsextreme nutzten das jüngst aus, fluteten das Portal mit Parolen. Der Verlag war überfordert, knickte ein, schloss die Kommentarfunktion.
Fiete Stegers aus der Online-Redaktion des NDR kennt die Probleme mit negativen Kommentaren: "Das kann natürlich passieren, dass Leute das Forum mit Kommentaren fluten, die man nicht haben möchte, wenn man die Sachen vorher nicht kontrolliert und nicht vorher freischaltet. Da wird man sich auch nicht gegen wehren können, das kann ja auch nur einzelner sehr aktiver Nutzer sein, der das macht, wenn man die Sachen nicht vorher freischaltet."
Kommentare moderieren und filtern schützt vor Entgleisungen
Auf den Webseiten des NDR sind anonyme Kommentare erlaubt, aber: Alle Kommentare werden moderiert. Beleidigungen, Gewaltaufrufe oder Behauptungen, die nicht belegt werden, schaltet die Redaktion nicht frei. Schaden richten die anonymen Kommentare nicht an, glaubt Fiete Stegers: "Man kann da keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen anonymen und Klarnamen machen, es kommt immer sehr darauf an, worüber gerade diskutiert wird. Ist es eine Fachdiskussion über eine berufliche Sache, wo die Leute sich vielleicht freuen, wenn sie mit ihrem richtigen Namen dafür stehen? Oder ist es eine politische Diskussion im Netz, wo sie nicht möchten, dass ihr Nachbar oder ihr Chef genau weiß, welche politische Meinung sie da äußern."
Der Respekt nimmt auch unter Klarnamen nicht unbedingt zu. Als ein Kommentator den SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy darauf hinwies, dass er Urheberrechtsverletzungen auf seiner Facebook-Seite begehe, antwortete er: "Sie können mich mal".
Ernst Elitz, ehemaliger Intendant des Deutschlandradios: "Die Schnelligkeit führt natürlich auch zu manchen Unüberlegtheiten, aber ich glaube, dass die Offenheit der Debatte auch mit Namen schon dazu führt, dass keiner gerne, wie jetzt Herr Edathy, von Ihnen öffentlich benannt werden möchte, dass er leider den Flegelstatus noch nicht überwunden hat."
Anke Domscheit-Berg fügt hinzu: "Ganz viele Menschen können bestätigen, wenn man sich mal Facebook-Kommentare bei kontroversen Diskussionen anguckt, die stehen da mit ihren ganz normalen Vor- und Nachnamen drin und schreiben auch Sachen, wo man sich als normaler Mensch an den Kopf fasst und denkt, wie können die nur?"
Dass Klarnamen vor unflätigen Kommentaren schützen, glauben auch viele Politiker, vor allem von der CDU. Innenminister Friedrich beschwerte sich im vergangenen Sommer im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel": "In der demokratischen Auseinandersetzung streiten wir mit offenem Visier auf Basis unserer verfassungsmäßigen Spielregeln. Warum sollte das im Internet anders sein?"
Die Unionspolitiker Günter Krings und Hans-Peter Uhl meinen, es gebe kein grundsätzliches Recht auf Anonymität im Internet. Die Praxis zeigt aber: Es wird gebraucht. NDR Online-Redakteur Stegers erklärt: "Wir hatten zum Beispiel mal eine Diskussion von Justizbeamten, die Zustände in den Hamburger Gefängnissen, die Arbeitsbedingungen und dort haben sehr viele Justizbeschäftigte offenbar mitdiskutiert und natürlich nicht unter ihrem richtigen Namen, weil sie möglicherweise arbeitsrechtliche Konsequenzen befürchteten."
Anonymität im Internet: umstritten
Studien belegen, dass die Pöbeleien nicht abnehmen, nur weil es eine Pflicht gibt, unter Klarnamen zu schreiben. Das Netz der Namenlosen einzuschränken ist keine Lösung gegen Pöbeleien.
Internet-Aktivistin Domscheit-Berg sagt: "Ich glaube, die große Errungenschaft unserer Demokratie, freie Meinungsäußerung nicht an Namen zu binden, sondern auch anonym zu ermöglichen, diese Errungenschaft müssen wir verteidigen. Auf die sollten wir stolz sein und gerade weil wir so eine freie Demokratie sind, können wir das auch aushalten, dass da Meinungen zutage treten, die uns nicht gefallen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen und zwar da, wo sie herkommen: in der Gesellschaft."
Kommentare die "man" nicht haben will
nun möchte ich aber wissen : wer ist "man" ? Der ndr , die gez , die ekd ? Wo bleibt denn da der "herrschaftfreie Diskurs" ( sieht man von der Macht der Zensoren ab ) . Was nicht in das... [mehr]
Das ist ja glatte Zensur
Zitat: Unter dem Deckmantel der Anonymität wird gepöbelt, an den Pranger gestellt, beleidigt. - "Selten so genervt und gelangweilt gewesen von einer Frau" Was ist an dem o.g. Satz so anstößig?... [mehr]
Verstehe das Problem nicht.
Hallo derda, ich verstehe Ihr Problem ehrlich gesagt nicht. Das in der Bildcollage gezeigt Imageboard ist in der Tat 4chan, aber Imageboards als reine Witzseiten abzutun ist dann doch sehr kurz... [mehr]
Nicht nur in Syrien
Auch hier ist dieses Szenario nicht so unwahrscheinlich. Zum einen ist es im Internet übliche Praxis, Leute mit Abmahnungen mundtot zu machen. Und auch in Zeiten von Internetfahndung,... [mehr]
Klarnamen werden überbewertet
Forderungen nach Klarnamen werden meist von denen erhoben, die das Netz nicht verstehen. Stünde bei diesem Beitrag nicht "M. Boettcher", sondern "Tarzan45" oder "klare Kante", würde das jeder als... [mehr]