Stand: 16.01.2014 16:14 Uhr

Alte Kartoffelsorten: Schmackhaft aber selten

Bild vergrößern
Kartoffeln gibt es in vielen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen.

Die Kartoffel ist immer noch das beliebteste Grundnahrungsmittel der Deutschen. Im 16. Jahrhundert wurden die ersten Kartoffeln aus Südamerika nach Europa importiert und hier zunächst hauptsächlich als Zierpflanze angesehen. 1744 befahl Preußenkönig Friedrich der Große Saatkartoffeln zu verteilen und er ließ sie auf den Feldern bewachen. Das machte die Knollen interessant. So entwickelte sich die Kartoffel in den folgenden Jahren zu einem wichtigen, beliebten Lebensmittel - mit großer Vielfalt an Farben, Formen und Geschmäcken.

Heute zeigt ein Blick auf Märkte und in Geschäfte, dass die Vielfalt der Kartoffelsorten nicht mehr so groß ist wie einst. Grund: In der modernen Kartoffelzucht mit Zucht- und Handelsgesellschaften ist es wirtschaftlicher, mit wenigen Sorten zu arbeiten. Angebaut und gehandelt werden überwiegend Sorten, die große Erträge versprechen und industriell gut verwertbar sind.

Biobauer züchtet und erhält alte Sorten

Ausnahmen bilden kleine Betriebe, wie der des Biolandwirts Karsten Ellenberg aus Barum im Landkreis Uelzen. Er ist fasziniert von der Vielfalt alter, längst vergessener Kartoffelsorten. Blaue Schale und Fleisch mit kräftigem Geschmack, gelbe Schale und buttriger Geschmack, violette Schale und rotes Fleisch: Kartoffel-Raritäten wie "Hermanns Blaue", "Ackersegen" oder "Highland Burgundy Red" baut er an und verkauft sie an eine wachsende Abnehmerschaft.

Hintergrund

Traditionelle Kartoffelsorten

Ackersegen, La Ratte oder Shetland Black: alte Sorten im Überblick. mehr

Rund 5.000 Sorten waren längst in die Genbank in der Nähe von Rostock verbannt, als Ellenberg in den 90er-Jahren begann, wieder traditionelle Formen und Geschmacksrichtungen in die Kartoffelschüsseln zu bringen. Inzwischen zieht der Landwirt auf seinen Äckern etwa 100 verschiedene Sorten, darunter auch eigene Züchtungen. "Die Natur hat es schon nahezu perfekt gemacht", sagt der Skeptiker der Biotechnologie. "Ich wollte wissen, wie alte Sorten, die früher auch ohne Kunstdünger gediehen, auf Bioböden wachsen. Nicht alle waren gut, ein Teil aber viel besser, interessanter und vielfältiger im Geschmack als das, was es heute gibt." Der Kartoffelbauer nennt Nuancen wie cremig, nussig und buttrig. "Es ist wie beim Wein: Jeder muss seine Sorte selber finden." Und nicht jede Sorte eignet sich für jedes Rezept.

Alte Sorten im Ausland selbstverständlich

Bild vergrößern
Rund 200 Kartoffelsorten dürfen in der EU gehandelt werden.

Auch ins Ausland hat Ellenberg Kontakte geknüpft. So lieferte ihm die Scottish Agricultural Science Agency in Edinburgh (Schottland) Material der Sorte "Edzell Blue". Die runde Knolle mit blauer Schale und weißem Fleisch wurde 1890 in Schottland gezüchtet. Wenig später gedieh die schwarz-violette "Shetland Black" mit lila Ring im gelben Fleisch zum ersten Mal auf den Shetland-Inseln. Zusammen mit der rotschaligen Französin "Roseval" und der blauen Amerikanerin "Sharon Blue" bilden sie einen bunten Kartoffelteller.

Während in Deutschland die meisten der rund 200 zugelassenen Sorten relativ jung sind, schaffen es Franzosen, Engländer und Österreicher alte Sorten bis heute anzubauen und zu verkaufen. So ist die mehr als 130 Jahre alte "La Ratte" in Frankreich immer noch beliebt. In Deutschland findet man sie in gut sortierten Supermärkten oder auf Wochenmärkten. Eine ähnliche Sorte sind die aus Franken stammenden "Bamberger Hörnchen".

Behörde entscheidet über die Zulassung

Verantwortlich für die Handels-Zulassung von Obst- und Gemüsesorten ist das Bundessortenamt in Hannover. Hier muss jede Sorte angemeldet und geprüft werden, ehe sie in den Regalen liegen darf oder gewerbsmäßig angebaut wird. Dieses Verfahrens schützt diejenigen, desjenigen, die eine neue Sorte gezüchtet haben, also ähnlich einem Patent. Hat eine Sorte alle Instanzen erfolgreich durchlaufen, wird sie in die Beschreibende Sortenliste aufgenommen, und darf in Deutschland und EU-weit vertrieben werden. Der Antrag auf Zulassung muss allerdings nach einigen Jahren erneuert werden.

Die meisten der alten und bunten Sorten sind allerdings in der Sortenliste nicht oder nicht mehr vertreten. Solche Sorten werden in Genbanken aufbewahrt. Vereine und engagierte Hobbygärtner haben alte Sorten wieder populär gemacht. Sie zeigen die Vielfalt und die Stärken mancher traditionellen Sorte auf. Denn viele der alten Sorten sind von den Sortenlisten verschwunden - wegen des zu geringen Ertrags, oder weil sie wegen ihrer Form industriell nicht verarbeitet werden können. Laut Saatgutverkehrsgesetz dürften viele der alten Sorten nicht mehr im Handel sein. Zu Züchtungs-, Forschungs- und Ausstellungszwecken dürfen sie weiter angebaut werden, was auch die Weitergabe zur Erhaltung der Art einschließt.

Weitere Informationen
mit Video

Kartoffeln im Beet und Topf pflanzen

Kartoffeln können problemlos selbst angebaut werden - im Beet und bei wenig Platz in einem Eimer. Wann werden sie gepflanzt und geerntet? Welcher ist der richtige Abstand? mehr

Kartoffeln: So gefährlich sind grüne Stellen

Grüne Stellen und Keime an Kartoffeln können giftige Glykoalkaloide wie Solanin enthalten. Wie hoch der Gehalt ist, hat Markt in einer Stichprobe überprüft. mehr

Kartoffeln richtig lagern und kochen

Kartoffeln gehören zu den beliebtesten Lebensmitteln. Tim Mälzer geht dem Geheimnis der Knolle auf den Grund und gibt Küchentipps für den perfekten Kartoffelgenuss. mehr

Rezepte mit Kartoffeln

Kartoffeln sind nicht nur eine tolle Beilage, sondern auch Hauptbestandteil vieler leckerer Gerichte. Rezepte für Rösti, Gulasch, Salat und vieles mehr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer / 16.12.2013 / 21:00 Uhr

mit Video

Alte Gemüsesorten selbst anbauen

Pastinake, Topinambur oder Mairübe - alte Gemüsesorten werden immer beliebter. Sie sind einfach anzubauen, lassen sich problemlos vermehren und enthalten viele Nährstoffe. mehr

Mehr Ratgeber

01:52

Sortenvielfalt: Ein Verein im Dienst der Tomate

22.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
29:38

So isst der Norden: Küchenklassiker auf Sylt

22.10.2017 16:30 Uhr
Sass: So isst der Norden
03:23

Wanderung durchs Mönchguter Land

21.10.2017 18:00 Uhr
Nordtour