Stand: 18.12.2012 15:35 Uhr  | Archiv

Systemversagen in der Psychotherapie?

von Birgit Reichardt, NDR.de
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Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen oft monatelang auf einen Psychotherapieplatz warten. (Archivbild)

Depressionen, Panikattacken, Angst: Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen oft schnelle Hilfe - warten aber bundesweit durchschnittlich drei Monate auf einen ambulanten Therapieplatz. In einigen Regionen bleiben die Betroffenen bis zu einem Jahr unbehandelt. Ihr Leidensdruck ist kaum vorstellbar, die Folgen sind häufig katastrophal: Es droht Arbeitsunfähigkeit, die Erkrankung kann chronisch werden, eine spätere Behandlung dauert entsprechend länger. Der Grund ist bekannt: Es gibt zu wenig Psychotherapeuten mit einer Kassenzulassung. Nach 13 Jahren wird der Bedarf an Psychotherapeuten derzeit nun neu berechnet. Doch statt einer besseren Versorgung droht in den Städten eine dramatische Entwicklung, wie die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) mitteilte. Allein in Norddeutschland könnten langfristig mehr als 600 Praxen stillgelegt werden. Auf dem Land sollen zwar bundesweit 1.150 neue Praxen entstehen, doch das sind laut BPtK zu wenig und die Menschen werden weiterhin zu lange auf Hilfe warten müssen.

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Berechnungsfehler verhindert bessere Versorgung

Ein Grund für den befürchteten Abbau von Praxen in Kernstädten wie Hannover, Hamburg und Kiel ist ein Berechnungsfehler, der bekannt ist, aber seit mehr als einem Jahrzehnt nicht korrigiert wird. Zu Beginn dieses Jahres ist das sogenannte Versorgungsstrukturgesetz in Kraft getreten. Es sieht unter anderem vor, dass Praxen, die zum Beispiel altersbedingt aufgegeben werden, stillgelegt werden können - immer dann, wenn in einem Gebiet zu viele Psychotherapeuten arbeiten. Ob eine Praxis stillgelegt wird, entscheiden Zulassungsausschüsse vor Ort. Dass es bei monatelangen Wartezeiten gleichzeitig zu viele Behandler gibt, liegt an der Berechnung des Bedarfs aus dem Jahr 1999.

"Unterversorgung wird festgeschrieben"

Was ist der G-BA?

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der Kassenärztlichen Bundesvereinigungen, des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Er legt fest, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen stellen zudem Bedarfspläne auf. Dabei orientieren sie sich an den Richtlinien des G-BA.

Die Anzahl der Praxen richtet sich nach der Vorgabe, wie viele Psychotherapeuten pro Einwohner sich in einer Region niederlassen dürfen. 1999 wurden alle an einem Stichtag arbeitenden Psychotherapeuten - wie die Ärzte auch - gezählt. Doch anders als bei Medizinern gab es noch keine gewachsenen Versorgungsstrukturen. Erst mit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes Anfang des Jahres 1999 gab es überhaupt den Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten, in den ostdeutschen Bundesländern so gut wie gar nicht. So gab es real zwar zu wenig Therapeuten, dennoch wurde die absolute Zahl mit 100 Prozent beziffert - also mit einer 100-prozentigen Versorgung gleichgesetzt. Die seitdem hinzugekommen Praxen sind demnach "zu viel" und könnten abgebaut werden.

Nach aktuellem Stand will sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der den Bedarf an Psychotherapeuten neu berechnet, weiterhin an den Zahlen von 1999 orientieren. Aus Sicht von Josef Könning, Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen, besteht die Gefahr, "dass die jetzt bestehende Unterversorgung im Bereich Psychotherapie langfristig fort- und festgeschrieben wird."

Tatsächlicher Bedarf wird nicht erfasst

Der G-BA habe die Anzahl neuer Sitze festgelegt, ohne sich wie gesetzlich gefordert am tatsächlichen Bedarf der Bevölkerung zu orientieren, kritisiert auch Könning. Bereits Ende Oktober hatte der G-BA im Rahmen der Honorarverhandlungen beschlossen, 1.150 neuen Praxen im ländlichen Raum zuzulassen. Der Bedarf liege viel höher, so die BPtK. Niedersachsen rechnet nach eigenen Angaben mit etwa 115 bis 120 zusätzlichen Kassensitzen. "Das ist gut und wird die Versorgungssituation dort ein klein wenig verbessern", so Könning. Der Abbau von Praxen werde "vor allem die Kernstädte treffen, in denen auch jetzt schon Wartezeiten von durchschnittlich knapp neun Wochen auf einen Behandlungsplatz bestehen", bestätigt Könning die Befürchtung der BPtK.

"Wir stecken im Systemversagen"

In Norddeutschland wäre Hamburg unter den Kernstädten nach einer Modellrechnung der BPtK, die leichten Schwankungen unterliegt, am stärksten von einem Praxen-Abbau betroffen: Etwa 340 von 977 Sitzen seien bedroht - das sind 34 Prozent. Dabei geht der Geschäftsführer der Psychotherapeutenkammer Hamburg, Thomas Grabenkamp, bereits jetzt davon aus, dass "wir im Systemversagen stecken", die psychotherapeutische Versorgung innerhalb der Strukturen also nicht mehr gewährleistet werden kann. In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover könnten den Angaben zufolge etwa 45 von 232 Praxen geschlossen werden und etwa 26 von 112 im schleswig-holsteinischen Kiel. Mecklenburg-Vorpommern könnte aufgrund der extrem schlechten Versorgungslage von der neuen Bedarfsplanung profitieren, indem landesweit rund 130 Praxen hinzukommen, nur fünf davon allerdings in Rostock.

Anzahl Psychotherapeutenvoraussichtlich freie Sitzevoraussichtlich bedrohte SitzeAuf/Abbau in Prozent
Hamburg9770341-34,9
Hannover232,9045-19,3
Niedersachsen1.726129433-17,7
Kiel112,2026-23,2
Schleswig-Holstein587,645139-16
Rostock67,850+7,4
Mecklenburg-Vorpommern188,51363+70,6
Quelle: BPtKZahlen können leicht schwanken

Gesundheitsministerium: Finanzierung neuer Praxen gesichert

Das Niedersächsische Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage von NDR.de, dass wegen des noch laufenden Verfahrens keine aussagekräftigen Vorhersagen über die psychotherapeutische Versorgung möglich seien. Die Modellrechnungen der Kammern hätten allenfalls "vorläufigen" Charakter, teilte ein Ministeriums-Sprecher mit. Die Finanzierung der 1.150 neuen Praxen im ländlichen Raum betrachte man als gesichert, denn die Krankenkassen zahlen die Honorare für Psychotherapeuten künftig aus einem eigenen Finanztopf. Doch auch hier sehen die Psychotherapeutenverbände ein Problem: Die Krankenkassen sitzen in den Zulassungsausschüssen und dürfen über Stilllegungen von Praxen mitentscheiden - möglicherweise zu Ungunsten der Versorgung, um Geld für die Finanzierung der neuen Praxen zu sparen.

Sollte der G-BA die Bedarfsplanungsrichtlinie am Donnerstag beschließen, muss er sie dem Bundesministerium für Gesundheit vorlegen. Die endgültige Fassung tritt erst in Kraft, wenn das Ministerium den Entwurf nicht beanstandet. Wird die neue Richtlinie aber durchgewunken, müssen Menschen, die dringend Hilfe brauchen, möglicherweise weiterhin mit quälenden Symptomen durchs Leben gehen.

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