Sendedatum: 08.07.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Wie bekomme ich die richtige Pflegestufe?

von Beatrix Bursig

Was ist, wenn der Pflegefall eintritt? Diesen Gedanken schieben viele Menschen gern beiseite. Aber es ist sinnvoll, für den Fall der Pflegebedürftigkeit seine Rechte zu kennen, sonst zahlt der Versicherte schnell drauf.

Pflege zu Hause durch Angehörige

Studien besagen, dass sich 70 Prozent aller Menschen wünschen, zu Hause gepflegt zu werden, am liebsten von Angehörigen. Auch für die Krankenkassen, bei denen die Pflegeversicherung angesiedelt ist, wäre das die günstigste Lösung.

Voraussetzung für eine Pflegestufe

Um eine Pflegestufe zu erhalten, muss ein Mensch pflegebedürftig sein - dauerhaft beziehungsweise für mindestens sechs Monate. Am Begriff der Pflegebedürftigkeit üben Fachleute viel Kritik. Er orientiere sich nämlich nicht vorrangig daran, in welchen Bereichen Menschen Hilfe benötigten, sondern er richte sich nach dem zeitlichen Aufwand. Wer pflegebedürftig ist, stellt einen Antrag bei seiner Krankenkasse. Im Auftrag der Krankenkasse kommt ein Vertreter des Medizinischen Dienstes und begutachtet, ob einem Menschen eine Pflegestufe zusteht. Die Richtlinien zur Begutachtung erstellen die Krankenkassen. Diese sind im Internet einsehbar. Die Krankenkassen entscheiden aufgrund des Gutachtens über Zahlungen aus der Pflegekasse. Und das sind die Voraussetzungen dafür:

  • Pflegestufe I (erheblich Pflegebedürftige): Der Zeitaufwand beträgt mindestens 1,5 Stunden täglich. Auf die Grundpflege (Körperpflege, Ernährung, Mobilität) entfallen davon mindestens 45 Minuten.

  • Pflegestufe II (Schwerpflegebedürftige): Der Zeitaufwand beträgt mindestens drei Stunden täglich. Auf die Grundpflege entfallen davon mindestens zwei Stunden.

  • Pflegestufe III (Schwerstpflegebedürftige): Der Zeitaufwand beträgt täglich mindestens fünf Stunden. Auf die Grundpflege entfallen vier Stunden. Bei außergewöhnlich hohem Pflegebedarf gibt es darüber hinaus bei Pflegestufe III eine Härtefallregelung.

Pflegestufe 0 für Menschen mit Demenz

Seit Anfang 2013 gibt es eine weitere Pflegestufe, die sogenannte Pflegestufe 0 für Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz. Sie wurde eingeführt, weil sich die Pflegeversicherung bis dato nicht ausreichend an Menschen mit Demenz ausgerichtet hat, sondern im Wesentlichen an dem Kriterium der Grundpflege, die körperliche Hilfe notwendig macht. Altersverwirrtheit mit ihrem Hilfebedarf wurde bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Zahlreiche Beratungsmöglichkeiten

Wer pflegebedürftig ist, sollte sich zunächst mit seiner Krankenkasse in Verbindung setzen. Sie hat den Auftrag, ihre Versicherten in allen im Zusammenhang mit der Pflegebedürftigkeit bestehenden Fragen zu beraten. Die Krankenkassen geben übrigens auch bevollmächtigten Familienangehörigen, Nachbarn oder guten Bekannten Auskunft. Außerdem gibt es inzwischen in allen norddeutschen Bundesländern sogenannte Pflegestützpunkte. Diese beraten unabhängig und unentgeltlich in allen Fragen im Zusammenhang mit der Pflege. Bei Bedarf kommen Vertreter der Pflegestützpunkte auch zur Beratung nach Haus. Auch die Patientenberatung vieler Verbraucherzentralen bietet Rat.

Das Pflegetagebuch - ein Muss

Viele Krankenkassen stellen ihren Versicherten ein "Pflegetagebuch" zur Verfügung: Manche senden ihren Versicherten ein gedrucktes Exemplar zu, andere bieten Pflegetagebücher nur im Netz an. Bevor der Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse zu einem Pflegebedürftigen nach Hause kommt, ist es ratsam, das Pflegetagebuch mit den genauen Zeitangaben zu führen. Das bietet die Möglichkeit, den tatsächlichen Zeitaufwand, den der pflegende Angehörige hat, zu dokumentieren. Das ist wichtig. Der Gutachter hat bei der Beurteilung einen Zeitkorridor für jede einzelne Pflegeaufwendung. Wenn Angehörige die Pflege übernehmen, geben die Gutachter vom Medizinischen Dienst häufig Mindestzeiten an, so die Erfahrung des Pflegenottelefons. Das müssten sie nicht. Sie können durchaus erschwerende Faktoren geltend machen und dann sogar - begründet - den Zeitkorridor überschreiten.

Pflegestufe abgelehnt - was tun?

Links

Pflege-Notruftelefon in Niedersachsen

Die Einrichtung des niedersächsischen Gesundheitsministeriums ist erreichbar unter (01802) 00 08 72 (6 Cent pro Minute). extern

Pflegenottelefon in Schleswig-Holstein

Landesweite Telefonnummer: (01802) 49 48 47 (6 Cent pro Anruf). Ein Angebot der AWO. extern

Beschwerdetelefon Pflege in Hamburg

Die Einrichtung ist erreichbar unter (040) 28 05 38 22. Angebot der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. extern

Schon beim Besuch des Gutachters vom Medizinischen Dienst ist es ratsam, zu fordern, dass dem Pflegebedürftigen das Gutachten zugeschickt wird. Nur anhand der Angaben im Gutachten sind Ungereimtheiten und abweichende Zeitangaben erkennbar. Derzeit wird das Gutachten dem Versicherten nur auf Antrag oder im Falle des Widerspruchs zugeschickt. Mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz, das seit 2013 in Kraft ist, ist das anders. Wenn eine Pflegestufe abgelehnt wird, ist es ratsam, vorsorglich Widerspruch einzulegen. Dann werden die Angaben im Gutachten noch einmal überprüft. Die Pflegestützpunkte helfen dabei.

Forderung: Ausbau unabhängiger Beratungsstellen

Weil der Weg zu einer Pflegestufe für pflegende Angehörige eine komplizierte Angelegenheit sein kann, ist ein neuer Wirtschaftszweig entstanden. Kommerzielle Dienstleister bieten Hilfe bei der Pflegebegutachtung an. Bei den Pflegenottelefon-Einrichtungen der Länder oder sozialer Organisationen lehnt man diese Dienstleitung nicht grundsätzlich ab. Allerdings wäre es die Aufgabe der Krankenkassen, ihre Versicherten so zu informieren, dass sie unentgeltlich Zugang zu den ihnen zustehenden Leistungen aus der Pflegeklasse erhalten.

Wer die Hilfe eines kommerziellen Pflegeberaters in Anspruch nimmt, sollte zumindest einige Punkte beachten:

  • Keine Vorkasse oder Prämien akzeptieren.
  • Darauf achten, ob der Berater bekannt ist.
  • Erfahrungen anderer hören.

Dieses Thema im Programm:

Markt | 08.07.2013 | 20:15 Uhr

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