Sendedatum: 16.01.2012 20:15 Uhr  | Archiv

Erkältungen: Unverschämte Apothekerversprechen

von Philipp Hennig
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Um die Dauer einer Erkältung zu verkürzen, kaufen viele Menschen gerne rezeptfreie Arzneimittel ein. Die Infektion können sie aber gar nicht bekämpfen.

Kaum jemand geht mit einer simplen Erkältung, genauer gesagt einem grippalen Infekt, zum Arzt. Schließlich gibt es in jeder Apotheke Dutzende von rezeptfreien Arzneimitteln, die Hilfe versprechen. Viele Verbraucher verlassen sich auf die Empfehlungen des Apothekers. Doch eine Stichprobe von Markt zeigt: Oft klären Apotheker nur ungenügend über die Wirkung der Medikamente auf oder versprechen gar eine Heilwirkung, die nach Meinung von Stiftung Warentest häufig nicht belegt ist.

Die Infektion selbst können Erkältungsmittel nicht bekämpfen

Gegen die Ursachen einer Erkältung sind Medikamente wirkungslos. Gegenüber Markt erklärt Bernd Mühlbauer, Leiter des Instituts für Pharmakologie in Bremen, dass es sich bei einer Erkältung fast immer um eine Infektion der oberen Luftwege handele: "Die Erreger sind in aller Regel Viren, und die kann man im Prinzip nicht bekämpfen. Man kann also sozusagen warten, bis es vorbeigeht." Wer eine Erkältung hat, kann mit Arzneimitteln also nur die Symptome lindern. So sorgt bei Schnupfen ein Nasenspray zwar für ein freies Durchatmen, kann den Schnupfen selbst aber nicht verkürzen. Das wird in Apotheken oft verschwiegen.

Beispiel 1: Bronchitismittel hilft nicht gegen Kratzen im Hals und Erschöpfung

Im Rahmen einer Stichprobe hat eine Reporterin von Markt in insgesamt acht Apotheken nach einem Medikament gegen ihre Erkältung gefragt. Die von ihr geschilderten Symptome: Kopfschmerzen, Kratzen im Hals und körperliche Erschöpfung. Gleich drei Mal empfahlen Apotheker beispielsweise Umckaloabo - immer mit dem Hinweis, dass das pflanzliche Arzneimittel die Dauer der Erkältung verkürzen könne. Das sieht Johanna Lederer von der Stiftung Warentest anders: "Die Zulassung von Umckaloabo bezieht sich lediglich auf akute Bronchitis, also den Husten im Rahmen einer Erkältung. Dafür gibt es einige Belege, dass der Verlauf etwas milder ist und auch etwas kürzer. Aber man kann eigentlich nicht auf der Basis dieser Studien annehmen, dass die Erkältung damit nun besser weggeht". Auf Nachfrage von Markt bestätigt auch der Hersteller von Umckaloabo, dass sich die Zulassung des Mittels nur auf akute Bronchitis bezieht.

Beispiel 2: Antiseptische Halstabletten helfen nicht gegen Erkältungsviren

Auch wenn unsere Reporterin in der Stichprobe nach Mitteln zu Bekämpfung der Symptome fragte, gab es fragwürdige Empfehlungen von Apothekern. So eignen sich die empfohlenen Neo-Angin-Halstabletten aus Sicht der Stiftung Warentest nicht dafür, dass durch eine Erkältung ausgelöste Halskratzen zu bekämpfen. "Neo Angin sind Halslutschtabletten mit einem synthetischen Inhaltsstoff beziehungsweise mit einer Kombination von Stoffen, die antiseptisch wirken und vor allem Bakterien abtöten sollen. Diese Halsschmerzen, die zu Beginn einer Erkältung auftreten, sind aber durch die Erkältungsviren bedingt, und gegen diese sind Antiseptika kaum, lückenhaft oder gar nicht wirksam", erklärt Johanna Lederer. Auf Nachfrage bestätigt das auch der Hersteller.

Beispiel 3: Mit Homöopathie gegen die Erkältungssymptome?

Bei unserer Stichprobe wurde uns auch Meditonsin empfohlen. Das Arzneimittel ist homöopathisch, die Wirkung dieser alternativen Behandlungsmethode: umstritten. "Die Homöopathie als Therapierichtung wird von der Stiftung Warentest als ungeeignet zur Behandlung von Krankheiten eingestuft", so Johanna Lederer. Der Hersteller sieht das anders und teilt uns mit: "Soweit es sich bei den Erkältungsbeschwerden um Symptome handelt, die mit akuten Entzündungen im Hals-, Nasen- oder Rachenbereich einhergehen, hat die Apotheke hier eine korrekte Empfehlung gegeben."

Beispiel 4: Stärkung des Immunsystems

Auch ein Mittel gegen Zinkmangel wurde unserer Reporterin empfohlen. Curazink soll das Immunsystem und damit die Abwehrkräfte stärken. Der Hersteller teilt uns mit: "Ein ausreichender Zinkstatus sei für das optimale Funktionieren des Immunsystems besonders wichtig." Das sieht Johanna Lederer etwas anders: "Curazink ist, wie der Name schon sagt, ein Mittel mit Zink. Es hat auch die Zulassung für Zinkmangel und nicht für Erkältungen. Es gibt tatsächlich Hinweise, dass Zink, wenn man es zu Beginn einer Erkältung anfängt einzunehmen, den Verlauf etwas abkürzen kann. Aber diese Befunde sind zu unklar, um wirklich eine Empfehlung darauf aufzubauen."

Ein pflanzliches Mittel zur Stärkung der Immunabwehr soll Echinacea sein. Es wird uns als "echtes Medikament" empfohlen. Es sei einzusetzen, "wenn die Erkältung noch nicht so schlimm ist". Das Urteil von Johanna Lederer: "Echinacea ist ein pflanzliches Mittel, das die Immunabwehr stärken und die Behandlung der Erkältung unterstützen soll. Es gibt einige Hinweise, dass das gelingen könnte. Also die Erkrankung etwas abzukürzen, nicht sie zu heilen. Aber die Beleglage ist uneinheitlich und insgesamt zu schwach." Wieder fragen wir beim Hersteller nach. Schriftlich teilt er uns mit: Man würde gar nicht behaupten, Echinacea behandle die Ursachen einer Erkältung.

Was sagt die Apothekerkammer dazu?

Falsche Versprechen auf Kosten der Kunden? Wir konfrontieren die Hamburger Apothekerkammer mit den Ergebnissen unserer Stichprobe. "Wenn die Kollegen das so gesagt haben, dass die Ursache der Erkältung bekämpft wird, ist das definitiv nicht richtig", sagt Kai-Peter Siemsen von der Hamburger Apothekerkammer. Das seien bedauerliche Einzelfälle.

Erstaunlich: Mittel müssen gar nicht nachweisbar wirken

Die Apotheken machen mit Erkältungsmitteln viel Geld. Dabei müssen diese Mittel noch nicht einmal eine Wirkung haben, wie der Pharmakologe Bernd Mühlbauer erklärt: "Es gibt für Präparategruppen wie zum Beispiel Erkältungsmittel erleichterte Zulassungsmöglichkeiten. Und hier steht die Unbedenklichkeit im Vordergrund. Das heißt, sie müssen keineswegs eine Wirkung, eine Effektivität, nachweisen um die entsprechende Zulassung als Arzneimittel für Erkältungskrankheiten zu bekommen."  

Was wirklich hilft

In keiner der Apotheken wurde der Reporterin das geraten, was wirklich hilft: Einfach mal ausspannen und die Erkältung auskurieren.

Dieses Thema im Programm:

Markt | 16.01.2012 | 20:15 Uhr

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