Stand: 26.05.2015 14:58 Uhr

Zu früh entlassen - krank aus der Klinik

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15 bis 20 Prozent aller Reha-Patienten werden zu früh aus dem Krankenhaus entlassen.

Nach einer Operation bleiben Patienten heute meistens deutlich kürzer im Krankenhaus als früher. Das liegt nur zum Teil am medizinischen Fortschritt wie minimalinvasiven Operationsmethoden und verfeinerten Anästhesie-Verfahren. Eine wichtige Rolle spielt die Umstellung der Abrechnung von Pflegetagen auf sogenannte Fallpauschalen, denn nun lohnt es sich für die Kliniken nicht mehr, Patienten länger als unbedingt nötig aufzunehmen.

Ein Patient wird behandelt.

Krank aus dem Krankenhaus

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Jeder Patient braucht Zeit, um wieder fit für den Alltag oder für eine Anschlussheilbehandlung zu werden. Doch diese Zeit erhalten viele Patienten heute nicht mehr.

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Zwar müssen Mindestverweilzeiten eingehalten werden, je nach vorgegebenem Krankheitsbild, doch sie sind extrem kurz angesetzt. Komplikationen oder individuelle Umstände werden nicht berücksichtigt. Das hat für viele Patienten gravierende Nachteile, klagen Experten: 15 bis 20 Prozent aller Reha-Patienten werden zu früh aus dem Krankenhaus entlassen. Sie können oft nicht alle notwendigen Therapien mitmachen. Ist zum Beispiel eine Wunde noch nicht vollständig verheilt, darf der Patient nicht ins Schwimmbecken.

Wundversorgung statt Rehabilitation

Immer häufiger müssen sich die Ärzte und Pflegekräfte in den Reha-Kliniken zunächst um die Wundversorgung kümmern, statt ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen und den Patienten wieder fit für den Alltag zu machen. So geht wertvolle Zeit verloren, der Patient profitiert nicht so von der Reha, wie es möglich und erforderlich wäre. Denn wenn die genehmigte Rehabilitationszeit abgelaufen ist, müssen die Patienten die Reha-Einrichtung verlassen, auch wenn noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Dann bleibt nur noch eine ambulante Nachbehandlung, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber auch die Hausärzte leiden unter der sogenannten blutigen Entlassung aufgrund der Fallpauschalen-Regelung: Auf sie kommen immer häufiger aufwendige Aufgaben wie Wundversorgung und Thromboseprophylaxe zu, um die sie sich täglich kümmern müssen. Denn häufig sind Angehörige mit solchen Pflegemaßnahmen überfordert oder die Patienten sind alleinstehend.

Nach Möglichkeit im Vorhinein planen

Hiervon lässt sich einiges im Vorwege planen und organisieren: Beratend und unterstützend tätig sind dabei die regionalen Pflegestützpunkte. Es kann auch vorab eine Kurzzeitpflege organisiert werden, leider übernehmen jedoch die Kassen die Kosten dafür nur selten. Diese liegen bei 80 Euro pro Tag. Außerdem gibt es viele Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern und von den Kassen übernommen werden. Eine Erhöhung für den Toilettensitz zum Beispiel, wenn man sich nach einer OP nicht mehr so tief setzen soll. Oder eine Einstiegshilfe für die Badewanne. Eigentlich sollte sich der Sozialdienst (auch: Entlass-Manager) der Krankenhäuser um Hilfen für "danach" kümmern - doch oft klappt das nicht, mahnen Experten.

Videos
03:59 min

"Blutige Entlassung": Experteninterview

26.05.2015 20:15 Uhr
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Was können Patienten tun, um sich gegen eine zu frühe Entlassung zu wehren? Dr. Johannes von Bodman im Interview mit Moderatorin Vera Cordes. Video (03:59 min)

Behandelnden Arzt ansprechen

Wer als Patient den Eindruck hat, zu früh entlassen zu werden, sollte den behandelnden Arzt darauf ansprechen und seine Bedenken äußern. Dabei sollte er auf konkrete Gründe, wie zum Beispiel eine noch nicht verheilte Wunde, fehlende Betreuung oder mangelnde Mobilität hinweisen. Experten warnen davor, sich vor Antritt der Reha einige Tage zu Hause zu erholen, denn Thromboseprophylaxe und Wundversorgung müssen in dieser Zeit unbedingt fortgeführt werden. Und das funktioniert nur bei voller Unterstützung durch Angehörige und Hausarzt.

Interview

45 Min: "Patienten müssen selbstständiger werden"

Was kommt nach dem Krankenhaus? Patienten sollen sich nicht schicksalhaft ergeben, sondern aktiv werden, findet die ehemalige Krankenschwester Elsbeth Rütten. mehr

Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Johannes von Bodman
Ltd. Arzt Klinik für Orthopädische Rehabilitation
Kommissarischer Direktor Klinikum Bad Bramstedt
Oskar-Alexander-Straße 26
24576 Bad Bramstedt
Tel. (04192) 90 25 71
Fax (04192) 90 23 75
Internet: www.rheuma-zentrum.de

Im Beitrag:
Dr. Manja Dannenberg
Allgemeinmedizinerin
Amtsgarten 19
18233 Neubukow
Tel. (038294) 15 51 99

Dieses Thema im Programm:

Visite | 26.05.2015 | 20:15 Uhr