Stand: 02.02.2015 09:26 Uhr  | Archiv

Wirbelversteifung hilft selten

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Vor allem bei Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen wird häufig eine Versteifung durchgeführt.

Seit Jahren steigen die Zahlen von Rückenversteifungsoperationen an. Experten machen neben einfacheren OP-Techniken und immer älteren Patienten vor allem wirtschaftliche Faktoren verantwortlich, denn diese Operationen sind derzeit besonders lukrativ für die Kliniken: Wird bei einer Operation Material verbaut, bringt das vier Mal so viel Geld wie eine Operation ohne Schrauben. Eine Wirbelversteifung kostet so bis zu 10.000 Euro. Nicht selten drängen aber auch Patienten den Arzt zur Operation, weil sie sich dadurch einen schnellen Erfolg erhoffen.

Wirbelversteifung - was ist das eigentlich?

Bei einer Wirbelversteifung, auch Wirbelfusion oder Spondylodese genannt, werden zwei oder mehr Wirbel fest miteinander verbunden. Dafür durchschneidet der Operateur die Rückenmuskulatur, löst sie von den Wirbeln ab und entfernt die Bandscheibe. An ihre Stelle setzt er einen Abstandshalter (zum Beispiel aus Karbon) zwischen die Wirbel und dreht Titan-Schrauben durch die Wirbelbögen, die anschließend mit einem Stab oder einer Platte verbunden werden.

Doch häufig bringt dieser unumkehrbare Eingriff keine Schmerzfreiheit, nicht selten sind anschließend die Schmerzen sogar schlimmer als zuvor. Experten warnen daher vor einer vorschnellen OP und raten Patienten, zuvor unbedingt eine zweite Meinung einzuholen. Vor allem bei chronischen Schmerzen sind die Erfolgsaussichten einer Versteifungsoperation sehr gering. Schmerz allein ist keine Indikation für eine Versteifungsoperation, zuvor muss die Ursache der Beschwerden geklärt sein.

Wann ist die OP sinnvoll?

Wirklich notwendig ist eine Rückenversteifung nur bei Wirbelbrüchen, Tumorbefall und starkem Wirbelgleiten, vor allem, wenn Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen in den Beinen auftreten. Bei reinem Verschleiß ist der Eingriff dagegen zumindest fragwürdig und er kann sogar neue Probleme bringen: Die Bandscheiben ober- und unterhalb des versteiften Segments müssen nach der Operation mehr Druck aushalten, sodass die Schmerzen nicht verschwinden, sondern sich nur verlagern.

Gefährlich ist das besonders für Osteoporose-Patienten, bei denen diese zusätzliche Belastung zu Wirbelbrüchen und Schraubenlockerung führen kann. Auch die Muskulatur leidet unter der Wirbelversteifung: Viele Patienten können nach der OP ihre Rücken- und Bauchmuskulatur nicht mehr richtig aktivieren. Ohne ein gezieltes, intensives Training drohen weitere Überlastung, Instabilität und Schmerzen.

Schmerztherapie meist erfolgversprechender

Mehr Erfolg als eine Versteifung verspricht die multimodale Schmerztherapie, ein mehrwöchiges Intensivprogramm aus Sport, Entspannung, Krankengymnastik und Psychotherapie. Allerdings muss der Patient dabei aktiv mitarbeiten, um seine Beschwerden dauerhaft in den Griff zu bekommen. 50 bis 80 Prozent der Patienten gelingt das.

Links

Patientenleitlinie "Kreuzschmerz"

Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaft informieren (PDF). extern

Interviewpartner:

Im Studio:
Priv.-Doz. Dr. Oliver Heese
Chefarzt
Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie
HELIOS Kliniken Schwerin
Wismarsche Straße 393-397, 19049 Schwerin 
Tel. (0385) 520-27 50, Fax (0385) 520-27 55
Internet: www.helios-kliniken.de/klinik/schwerin/fachabteilungen/neurochirurgie-und-wirbelsaeulenchirurgie.html

Im Beitrag:
Prof. Dr. Luca Papavero
Chefarzt
Klinik für Spinale Chirurgie
Schön Klinik Hamburg Eilbek
Dehnhaide 120
22081 Hamburg
Internet: www.schoen-kliniken.de/ptp/kkh/eil/faz/spinale-chirurgie

Dr. Jens Lohmann
Oberarzt
Schön Klinik Rückeninstitut
Schön Klinik Hamburg Eilbek
Dehnhaide 120
22081 Hamburg
Tel. (040) 20 92 27 92
Internet: www.schoen-kliniken.de/ptp/kkh/ruecken-klinik/institute/hamburg

Rainer Halbleib
Physiotherapeut, Osteopath
profi reha hamburg
Weidestraße 122a
22083 Hamburg
Tel. (040) 27 16 69 90
Internet: profi-reha.de

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