Sendedatum: 01.04.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Unterschätzte Gefahr: Cannabis schädigt Gehirn

Cannabis ist die weltweit am häufigsten konsumierte Droge und hat den Ruf, vergleichsweise harmlos zu sein. In Ländern wie Holland, Uruguay und in einigen Bundesstaaten der USA (Colorado, New York) ist der Konsum von Cannabis legal. Fast jeder dritte 14- bis 17-jährige Deutsche hat Cannabis mindestens einmal probiert. Für viele bleibt es beim einmaligen oder seltenen Konsum. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Altersgruppe kifft jedoch regelmäßig.

Klinikaufenthalte von Jugendlichen nehmen zu

Die Anzahl der Klinikaufenthalte von Jugendlichen nach Cannabiskonsum steigen jedes Jahr. Im Jahr 2012 entfielen 10.142 Klinikaufenthalte in Deutschland auf durch Cannabis verursachte Verhaltensstörungen. Damit hat sich die Zahl in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Jugendliche nutzen die Droge, um ihrem Alltag zu entfliehen. Je früher Kinder und Jugendliche mit dem Kiffen anfangen, desto größer ist die Gefahr für langfristige Schäden. Denn bis zum 21. Lebensjahr ist das Gehirn noch im Aufbauprozess.

Psychose-Risiko erhöht

Wissenschaftler gehen davon aus, dass regelmäßiges Kiffen das Risiko für eine Psychose um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Wahnvorstellungen und Halluzinationen sind die Hauptsymptome solcher Psychosen. Der Wirkstoff des Cannabis, das Tetrahydrocannabiol (THC) bindet im Gehirn an Rezeptoren für den körpereigenen Transmitter Anandamid an. Dem Anandamid wird eine Rolle in der Gedankenverarbeitung, Wahrnehmung und Bewegungsplanung zugeschrieben. THC entfaltetet jedoch eine viel stärkere Wirkung als der körpereigene Transmitter. Im Vordergrund steht dabei vor allem ein Wohlgefühl, eine Aufhellung der Stimmungslage, das Gefühl von Entspannung, innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Dabei entfaltet das THC seine Wirkung an mehreren Hirnregionen gleichzeitig.

Negative Gefühle werden ausgeschaltet

Neben der Beeinflussung des Kleinhirns, das für die Steuerung des Gleichgewichts und die Koordination der Motorik verantwortlich ist, beeinflusst es den Hypocampus. Hier sitzen Gedächtnis und Emotionen. Die Region ist insbesondere für Lernen, Motivation, Entscheidungsfindung und Belohnungsverhalten zuständig. Ein hoher Cannabiskonsum im jungen Alter beeinflusst die Ausbildung dieser Fähigkeiten nachhaltig. Jugendliche, die Cannabis konsumieren, lernen nicht, mit negativen Gefühlen umzugehen, weil das THC diese Gefühle ausschaltet. Ihnen fehlen schließlich die Kompetenzen, mit solchen Gefühlen und somit auch mit Lebenskrisen umzugehen. Sie erleben eine Entwicklungsverzögerung, haben eine geringe Frustrationstoleranz und wenig soziale Kompetenzen.

Zudem schädigt die Droge das Kurzzeitgedächtnis dauerhaft. Die Folgen sind Konzentrationsstörungen und Gedächtnisverluste. Einige Studien weisen sogar darauf hin, dass ein hoher und langfristiger Konsum in der Pubertät eine Intelligenzminderung nach sich zieht. Die permanente Überflutung des Gehirns mit THC führt zur Abhängigkeit und Sucht. Und die anfängliche Entspannung weicht einem Gefühl von Unsicherheit und Angst.

Weitere Informationen
mit Video

Wir Drogenkinder - die letzte Chance

Sie haben Erfahrung mit Speed und Crack - gekifft hat eh jeder: Panorama - die Reporter erzählt die Geschichten drogenabhängiger Jugendlicher in einer Hamburger Fachklinik. mehr

Interviewpartner:

Prof. Dr. Rainer Thomasius
Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Zentrum für Psychosoziale Medizin
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: sekretariat.dzskj@uke.de
Tel. (040) 741 05 93 07
Fax: (040) 741 05 65 71

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Thomas Bock
Leiter der Spezialambulanz für Psychosen und bipolare Störungen, Krisentagesklinik
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: bock@uke.de
Tel. (040) 741 05 32 66

Samuel Enslin
Irre menschlich Hamburg e.V.
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel. (040) 741 05 92 59
Fax: (040) 741 05 54 55
E-Mail: info@irremenschlich.de
Internet: www.irremenschlich.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 01.04.2014 | 20:15 Uhr