Stand: 07.12.2015 13:11 Uhr

Rheuma: Frühe Behandlung entscheidend

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Personen, die unter einer Polyarthritis leiden, können sich plötzlich vor Schmerzen kaum noch bewegen.

Der Begriff Rheuma stammt aus dem Griechischen und bedeutet "fließender Schmerz". Zum sogenannten rheumatischen Formenkreis zählen mehr als 400 verschiedene Krankheitsbilder. Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland leidet unter der häufigsten Form von Rheuma - dem entzündlichen Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis oder Polyarthritis).

Programm-Tipp
mit Video

Wie lernt man, mit Rheuma zu leben?

08.12.2015 21:05 Uhr
NDR Info

Rheuma-Patienten leiden oft unter Schmerzen, Müdigkeit und Bewegungseinschränkungen. Wie kann man ihnen helfen? In der NDR Info Redezeit haben Experten Fragen von Hörern beantwortet. mehr

Ein Arzt behandelt eine Rheumapatientin

Rheuma: Symptome und Behandlung

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Millionen Menschen sind von der chronischen Krankheit Rheuma betroffen. Eine frühzeitige Behandlung kann die Entzündungen jedoch in vielen Fällen stoppen.

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Die Rheumatherapie hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht: Musste sich noch vor rund zehn Jahren mehr als die Hälfte aller Betroffenen früher oder später einer Operation unterziehen, um ein zerstörtes Gelenk versteifen oder ein Kunstgelenk einsetzen zu lassen, ist dies dank neuer Medikamente und Therapieverfahren heute nur noch selten nötig.

Fehlgeleitete Reaktion der Immunabwehr

Stichwort Rheuma

Beim Rheuma werden vier Hauptgruppen unterschieden:

- entzündlich-rheumatische Erkrankungen wie zum Beispiel die rheumatoide Arthritis

- degenerative Gelenkerkrankungen (zum Beispiel Arthrose)

- Weichteilrheumatismus (Fibromyalgie)

- Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden (beispielsweise Gicht)

Entzündliches Rheuma entsteht durch eine fehlgeleitete Reaktion der Immunabwehr: Dabei wird vor allem ein Botenstoff des Immunsystems, TNF-α, in großen Mengen produziert. Er setzt sich an der Gelenkinnenhaut fest und signalisiert der körpereigenen Abwehr eine Entzündung, Fresszellen werden angelockt und zerstören die Gelenke.

Anhaltende Gelenkschwellungen und Schmerzen in Hand-, Finger- und Grundgelenken sind die Folgen. Hat der Patient gerade keinen Rheumaschub, ist die Diagnose schwierig. Durch Tasten, Blutuntersuchung auf Rheumafaktoren und Anti-Citrullin-Antikörper sowie Röntgenaufnahmen kann der Arzt versuchen herauszufinden, ob es sich wirklich um eine Polyarthritis handelt.

Biologicals blockieren Entzündungsbotenstoffe

Seit einigen Jahren stehen sogenannte Biologicals zur Verfügung: hochwirksame Medikamente mit Antikörpern, die die Rheumatherapie revolutioniert haben. Diese TNF-α-Blocker können die Entzündungen stoppen und die Krankheit zum Stillstand bringen. Sie blockieren gezielt die Entzündungsbotenstoffe, indem sie sich an die Moleküle binden und sie unschädlich machen. Sie werden regelmäßig unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht und sorgen meist innerhalb weniger Tage für eine deutliche Linderung der Beschwerden. So kann die Behandlung weitere Gelenkzerstörungen verhindern - rückgängig machen lassen sie sich aber nicht.

Obwohl TNF-α-Blocker ins Immunsystem eingreifen, sind sie bis auf eine leicht erhöhte Infektneigung erstaunlich gut verträglich. Allerdings schließen bestimmte Vorerkrankungen ihren Einsatz aus, weil sonst frühere Erkrankungen wie zum Beispiel Tuberkulose erneut ausbrechen könnten.

Basistherapie mit Kortison oder Methotrexat

Aber nicht nur diese neuen Medikamente, sondern auch der frühzeitigere Einsatz und neue Therapieschemata mit geänderten Dosierungen helfen Betroffenen. Dabei kommen bewährte Substanzen wie Kortison oder Methotrexat zum Einsatz. Sie bewirken, dass die Erkrankung häufig deutlich weniger aggressiv verläuft und eine Operation vermieden werden kann. Vielen Patienten hilft die Basistherapie so gut, dass sie nach 12 bis 14 Monaten weniger oder gar keine Rheuma-Medikamente mehr benötigen.

Videos
04:55 min

Experteninterview zum Thema Rheuma

08.12.2015 20:15 Uhr
Visite

Wie wird die Diagnose der rheumatoide Arthritis gesichert? Prof. Gabriele Riemekasten im Interview mit Moderatorin Vera Cordes. Video (04:55 min)

Wie gut die Rheuma-Behandlung anschlägt, hängt auch davon ab, wie gesund der Patient lebt: Rauchen, Übergewicht und der häufige Genuss von Softdrinks verringern die Erfolgschance der Therapie.

Frühzeitige Behandlung entscheidend

Wichtig ist, Betroffene schon im Frühstadium der Erkrankung zu behandeln. Nur dann haben sie die Chance, ihre Gelenke lange schmerzfrei und beweglich zu halten. Innerhalb von drei Monaten sollte eine Behandlung beginnen. Betroffene sollten daher nicht auf einen Termin beim Rheumatologen warten, sondern sich umgehend an ihren Hausarzt wenden. Er ist der erste Ansprechpartner und kann helfen, einen Termin in einer Früharthritis-Sprechstunde zu vermitteln.

Wann ist eine OP nötig?

NDR Info Moderator Andreas Kuhnt (links), Prof. Dr. med Gabriela Riemekasten und Helga Schmidt von der Rheuma-Liga. © NDR Fotograf: Nina Rodenberg

Wie lernt man, mit Rheuma zu leben?

NDR Info - Redezeit -

Welche Rolle spielen Sport und Ernährung? In der Redezeit haben Hörer von NDR Info mit Experten diskutiert. Die komplette Sendung finden Sie hier als Videomitschnitt.

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Doch nicht immer schlagen die medikamentösen Therapien in allen betroffenen Gelenken an. In etwa zwei von zehn Fällen ist auch heute noch eine Operation erforderlich, weil die Entzündung im Gelenk nicht zum Stillstand kommt. Hier kann eine komplette Entfernung der entzündeten Gelenkinnenhaut (Synovektomie) helfen, die Schmerzen zu lindern. Weitere operative Therapiemöglichkeiten sind die Versteifung des Gelenks (Arthrodese), die wieder eine schmerzfreie Belastung ermöglicht, und der künstliche Gelenkersatz, der die Beweglichkeit wieder herstellt.

Weitere Informationen

"Rheuma ist in vielen Fällen schon heilbar"

Welche Symptome sind typisch für Rheuma? Ist Rheuma vererbbar? Welche Medikamente werden eingesetzt? Rheumatologe Dr. Ingo Arnold hat im Januar 2014 Zuschauer-Fragen im Chat beantwortet. mehr

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Was ist eigentlich Rheuma? Dr. Johannes klärt auf

Hinter dem Begriff Rheuma verbergen sich mehr als 200 verschiedene Krankheiten. Rheuma betrifft nicht nur die Gelenke, sondern auch Organe und Nerven und kann in der Regel nicht geheilt werden. Video (01:20 min)

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Gabriele Riemekasten
Direktorin
Klinik für Rheumatologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Internet: www.rheuma.uni-luebeck.de

Im Beitrag:
Prof. Dr. Jens Gert Kuipers
Chefarzt
Klinik für Internistische Rheumatologie im Rheumazentrum
Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen gGmbH
St.-Pauli-Deich 24
28199 Bremen
Tel. (0421) 55 99-511
Internet: www.roteskreuzkrankenhaus.de/kliniken/rheuma/intern

Prof. Dr. Martin Russlies
Bereichsleiter
Sektion Orthopädie
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel. (0451) 500 23 01
Internet: www.ortho.uni-luebeck.de

 

Dieses Thema im Programm:

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