Stand: 05.02.2016 00:01 Uhr

Patienten brauchen Arzt-Gespräche auf Augenhöhe

von Elise Landschek, NDR Info

Krebs ist nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Jedes Jahr erkranken eine halbe Million Menschen neu daran. Die Diagnose ist für die Betroffenen ein Schock. Zudem sind noch immer viele Ärzte nicht geschult, schlechte Nachrichten angemessen zu überbringen. Anlässlich des Weltkrebstages am Donnerstag informierten Organisationen und Spezialisten nicht nur über neueste Erkenntnisse aus der Krebsforschung, es ging auch um die Verbesserung der Gesprächskultur zwischen Arzt und Patient.

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Petra Kahnt wünscht sich intensive und menschliche Gespräche zwischen Arzt und Patient.

"Sie haben Krebs." Die Frauen in der Hamburger Selbsthilfegruppe haben diesen Satz alle schon einmal gehört. Organisatorin Petra Kahnt ist selber betroffen: Im Jahr 2001 ertastet sie unter der Dusche einen Knoten in ihrer Brust. Ihre Frauenärztin überbringt ihr mit kühlen Worten die Diagnose, schreibt sie nicht einmal krank für den nächsten Tag. Für Petra Kahnt hingegen bricht eine Welt zusammen: "Ich hätte ihr auch gern noch mehr Fragen gestellt. Aber ich habe nicht eine Frage stellen können, nicht eine Antwort bekommen." Die Ärztin gibt ihr damals eine Überweisung, mit der sie sich ein paar Tage später im Universitätsklinikum der Hansestadt melden sollte.

Zu oft wird nur der Fall gesehen

Für die Krebspatientin Petra Kahnt folgt eine Odyssee: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung, Hormontabletten. Der Krebs gibt danach endlich Ruhe. Doch im Jahr 2009 wird bei ihr erneut ein Tumor festgestellt, sie muss zurück ins Krankenhaus. Viele Frauen würden sich dort mit ihren Ängsten allein gelassen fühlen. Als kühl und sachlich beschrieben viele die Behandlung durch die Ärzte. Und die würden die Patienten nicht als Menschen, sondern nur als Fall sehen: "Auf einzelne Sachen wird gar nicht eingegangen oder kann gar nicht eingegangen werden. Oft geht alles huschhusch: Die Ärzte kommen und sagen: 'Sieht gut aus, Sie können morgen gehen.' Wenn man dann noch Fragen hat, sagen sie: 'Dafür sind wir jetzt nicht zuständig.'"

Gute Kommunikation wichtig für Heilungsprozess

Eine Frau mit gesenktem Blick, sitzt in einem Krankenzimmer auf einer Untersuchungsliege. © plainpicture/Image Source Fotograf: Natalie Young

Kommunikation ist wichtig für den Heilungsprozess

Die Diagnose Krebs ist für die Patienten erschütternd. Dabei kommt es vor allem auch darauf an, dass Ärzte die Nachricht angemessen überbringen. Mediziner sollen das im Studium lernen.

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Thomas Hehlmann von der Uni Bremen leitet eine Studie zur Beratung nach Brustkrebsdiagnosen. Für ihn ist eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient sogar ein wichtiger Faktor bei der Heilung des Betroffenen: "Angst in jeder Beziehung bedeutet unendlichen Stress für unseren Körper. Und das schadet unserer Gesundheit. Die Angst kann direkt aus der Kommunikation, aus der Diagnoseübermittlung entstehen. Auch ganz einfach dadurch, dass - während die Information vermittelt wird - das Gespräch nicht auf Augenhöhe stattfindet, sondern von oben herab."

In Deutschland gibt es großen Nachholbedarf

Das Ergebnis von Hehlmanns letzter Studie: Etwa ein Drittel der Frauen sind unzufrieden mit den Diagnose- und Beratungsgesprächen. "Ich muss ehrlich sagen: Auf dem Gebiet der Gesundheitskommunikation sind wir in Deutschland ein absolutes Entwicklungsland", beklagt der Gesundheitswissenschaftler. "In anderen Ländern wie England und Holland ist Kommunikation ein fester Bestandteil der Mediziner. Davon sind wir noch weit entfernt. Der Deutsche Ärztetag hat erst im vergangenen Jahr entschieden, dass sie überhaupt in der Ausbildung der jungen Studenten einen festen Stellenwert bekommt."

Medizinstudenten müssen sensibilisiert werden

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Der Mediziner Carsten Bokemeyer hofft, dass bundesweit mehr Aufmerksamkeit auf die Psyche der Patienten gelegt wird.

Bei der Ausbildung seiner jungen Ärzte sei das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in dieser Hinsicht vorbildlich, sagt Carsten Bokemeyer, der an der Klinik das Krebszentrum leitet. Seminare zum Patientengespräch seien verpflichtend für die Studenten: "Zuhören, nachfragen, was der Patient eigentlich versteht, oder was das für ihn bedeutet. Außerdem sollen sie wissen, dass Krebsdiagnosen ganz häufig Familiendiagnosen sind, dass es nicht nur einen betrifft, sondern eben ganz viele Menschen mit dranhängen, die mit betroffen sind."

Doch der Professor räumt auch ein: In der Praxis sieht das oft ganz anders aus. Im Krankenhaus-Alltag sei zum Beispiel die fehlende Zeit ein großes Problem: "Auch ein Chirurg, der Erstdiagnosen stellt, sollte seine Patienten aufklären und mit ihnen sprechen. Aber wenn er zwei Stunden mit dem Patienten spricht, dann operiert er auch zwei Stunden nicht. In der Abteilung werden in dieser Zeit weniger Operationen gemacht. Die Kalkulationen eines Budgets ist aber vielleicht auf eine bestimmte Anzahl an Operationen zugeschnitten. Dann funktioniert das nicht."

Am Personal darf es nicht scheitern

Immerhin sind am UKE neben kirchlichen Seelsorgern etwa 25 Psycho-Onkologen beschäftigt. Das sind Therapeuten mit medizinischem Fachwissen, die die Patienten und ihre Angehörigen beraten. Krebszentrum-Leiter Bokemeyer hofft, dass bundesweit mehr Aufmerksamkeit auf die Psyche der Patienten gelegt wird. Damit sich die Situation ändern könne, sei vor allem mehr Personal vonnöten:"Da kann man nur hoffen, dass allmählich ein Sinneswandel auf diesem Feld eintritt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.02.2016 | 07:08 Uhr