Stand: 06.09.2017 09:27 Uhr

Sind Schlafstörungen Vorstufe von Parkinson?

Bild vergrößern
Zitternde Hände können ein Hinweis auf eine Parkinson-Erkrankung sein.

Typische Symptome der Parkinson-Krankheit sind unkontrollierbares Zittern der Hände, eingefrorene Bewegungen, schlurfender Gang, leise Sprache und ein starrer, wächserner Gesichtsausdruck. Morbus Parkinson wurde 1817 vom Londoner Arzt und Apotheker James Parkinson entdeckt und ist nach Morbus Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Sie betrifft weltweit mehr als vier Millionen Menschen. Allein in Deutschland leiden mehr als 280.000 Menschen an der Parkinson-Krankheit. Sie tritt meist im fünften bis sechsten Lebensjahrzehnt auf. Dabei sterben Zellen im Gehirn ab, die für die Steuerung von Bewegungen wichtig sind. Nach neuen Erkenntnissen können bestimmte Schlafstörungen auf eine spätere Parkinson-Erkrankung hindeuten.

Arzt mit Patientin.

Sind Schlafstörungen Vorstufe von Parkinson?

Visite -

Die Parkinson-Krankheit möglichst früh erkennen und behandeln: Daran arbeiten Forscher. Als Vorstufe gelten Verdauungsprobleme und bestimmte Schlafstörungen.

4,29 bei 17 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Zerstörung von Nervenzellen

Im Verlauf der unheilbaren Erkrankung werden die Nervenzellen der schwarzen Substanz (Substantia nigra) im Gehirn zerstört. Diese Zellen produzieren den Botenstoff Dopamin, der oft auch als Glückshormon bezeichnet wird und unter anderem für die Übertragung von Bewegungsimpulsen im Gehirn zuständig ist. Ein Dopaminmangel führt zu Störungen im Bewegungsablauf, da für gezielte Bewegungsabläufe die verschiedenen Botenstoffe an den Schnittstellen (Synapsen) der Nervenzellen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen müssen. Bei einer Parkinson-Krankheit kommt es hier zu einem Ungleichgewicht mit einem Mangel an Dopamin und einem Überschuss an Acetylcholin und Glutamat.

Weitere Informationen

Chat-Protokoll zum Thema Parkinson

50 Prozent der Parkinson-Therapie ist Bewegung, erklärte Prof. Dr. Daniela Berg am 5. September im Visite-Chat. Das Protokoll zum Nachlesen. mehr

Krankheit beginnt schleichend

Die Parkinson-Krankheit bleibt über Jahrzehnte unbemerkt, während im Gehirn schon Zellen abgebaut werden. Wenn das typische Zittern auftritt, ist bereits der größte Teil der entsprechenden Nervenzellen zerstört. Den motorischen Symptomen gehen aber meist jahrelang unklare Symptome voraus. So leiden spätere Parkinson-Erkrankte etwa doppelt so häufig an Verstopfung und Schlafstörungen wie die Allgemeinbevölkerung. Ein schlechter Geruchssinn und Depressionen treten häufiger auf.

Gefahr der Fehldiagnose

Ähnliche Symptome wie bei Parkinson können auch bei anderen Krankheiten auftreten, zum Beispiel Altershirndruck, Gefäß- oder Nervenkrankheiten oder ein Tremor. Deshalb kommt es nicht selten zu Fehldiagnosen und überflüssigen Parkinson-Therapien mit belastenden Nebenwirkungen. Das Problem: Eine Parkinson-Diagnose wird von weiterbehandelnden Ärzten kaum hinterfragt. Das Fehlen typischer Symptome führen sie häufig auf die Wirkung der Medikamente zurück.

Schlafstörung als Vorstufe von Parkinson?

Als Vorstufe der Parkinson-Krankheit gilt eine sogenannte REM-Schlafverhaltensstörung. Bei dieser Schlafstörung bewegen sich Betroffene zu ihren Träume, sie können sich oder ihren Partner sogar verletzen. Ursache ist eine Schädigung des Traumbewegungszentrums im Gehirn. Die Symptome der Schlafstörung lassen sich mit Medikamenten lindern. Doch 70 bis 80 Prozent der Menschen, die im Traum um sich schlagen, entwickeln in den folgenden 10 bis 15 Jahren eine Parkinson-Krankheit.

Biomarker in der Haut

Im Gehirn von Parkinson-Erkrankten spielt ein bestimmter Biomarker, eine krankhafte Eiweißablagerung, eine wichtige Rolle. Er ist ein eindeutiger Beweis für die Parkinson-Krankheit, ließ sich bisher aber erst nach dem Tod im Hirngewebe nachweisen. Wissenschaftler der Universität Würzburg haben den Biomarker auch in der Haut von Betroffenen gefunden. Nun befassen sich die Forscher mit der Suche nach Medikamenten, die gefährdete Zellen des Bewegungszentrums vor der Zerstörung schützen und dadurch eine Parkinson-Krankheit verhindern.

Kommt Parkinson aus dem Darm?

Dass viele Parkinson-Patienten oft Jahre zuvor über Verstopfung klagen, hat Forscher auf eine weitere Spur gebracht: Sie gehen davon aus, dass die Parkinson-Krankheit zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Tierversuche zeigten, dass sich ein falsch gefaltetes Eiweißmolekül (Alpha-Synuklein) bei der Parkinson-Krankheit in den erkrankten Gehirnzellen ablagert. Solche Ablagerungen entstehen, vermutlich aufgrund von Umwelteinflüssen, auch im Nervensystem des Magens und des Darms. Von dort aus könnten die Ablagerungen über den Vagusnerv und seine Verästelungen bis ins Gehirn "wandern".

Den Forschern gelang es bei Mäusen, das Fortschreiten der Krankheit mit einer Durchtrennung das Vagusnervs zu verlangsamen. Untersuchungen an Menschen, denen wegen eines Magengeschwürs der Vagusnerv durchtrennt worden war, bestätigen die Hypothese: Das Risiko einer Parkinson-Erkrankung ist in dieser Gruppe um 22 bis 41 Prozent geringer als in der Allgemeinbevölkerung.

Behandlung der Parkinson-Krankheit

Zur Therapie der Parkinson-Krankheit stehen mehrere Gruppen von Medikamenten zur Verfügung. Sie verstärken sich gegenseitig durch ihre unterschiedlichen Wirkmechanismen. Ziel ist es, fehlendes Dopamin im Gehirn zu ersetzen. Die Auswahl und Dosierung der Arzneimittel erfolgen individuell.

  • Das wirksamste Mittel gegen die Parkinson-Symptome ist Levo-Dopa (L-Dopa). Es überwindet die Blut-Hirn-Schranke und wird im Gehirn in aktives Dopamin umgewandelt. Damit eine ausreichende Wirkstoffkonzentration im Gehirn erreicht wird, müssen die Patienten L-Dopa in hohen Dosen einnehmen. Der Wirkstoff wird mit dem Enzymhemmer Benserazid kombiniert, um die erforderliche Dosis zu reduzieren. So lassen sich Nebenwirkungen wie Übelkeit und Kreislaufprobleme abschwächen.

  • Eine weitere wichtige Wirkstoffgruppe sind die sogenannten Dopaminagonisten. Sie ähneln dem Dopamin, verursachen aber Nebenwirkungen wie Schwindel. Ist die individuelle richtige Dosis gefunden, erreichen die Medikamente oft eine stabile Besserung.

  • Zusätzlich werden sogenannte MAO-Hemmer eingesetzt, die den natürlichen Dopaminabbau verzögern.

  • Auch der Wirkstoff Amantadin kann die Parkinson-Symptome verbessern - allerdings ohne dass die genaue Wirkweise bekannt ist.

Bei allen Erfolgen der Arzneimitteltherapie ist eine Heilung oder ein Stoppen der Erkrankung nicht möglich.

Bewegung unterstützt Therapie

Voraussetzung für eine möglichst erfolgreiche Therapie ist, dass Erkrankte sich möglichst viel bewegen. Nur dann können die Medikamente richtig wirken. Je früher die Behandlung einsetzt und je mehr sich der Betroffene bewegt, umso länger lässt sich die Erkrankung in der Regel bremsen. Auch Freizeitaktivitäten wie Malen, Tanzen und das Erlernen neuer Bewegungsformen wie Tai Chi spielen eine wichtige Rolle. Wenn die Wirksamkeit der Medikamente mit der Zeit nachlässt und eine höhere Dosierung nicht mehr ausreicht, kann eine tiefe Hirnstimulation sinnvoll sein.

Interviewpartner

Prof. Dr. Daniela Berg, Direktorin
Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3, 24105 Kiel
Tel. (0431) 500-23 842, Fax (0431) 500-23 804
Internet: www.neurologie-kiel.uk-sh.de

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang H. Oertel, Hertie Senior-Forschungsprofessur
Klinik für Neurologie
Philipps-Universität Marburg - Fachbereich Medizin
Baldingerstraße, 35043 Marburg
Tel. (06421) 586 52 17, Fax (06421) 586 89 55
Internet: www.ukgm.de

Dr. Kathrin Doppler, Neurologin
Neurologische Klinik und Poliklinik
Universitätsklinikum Würzburg
Josef-Schneider-Straße 11, 97080 Würzburg
Internet: www.neurologie.ukw.de

Weitere Informationen:
Deutsche Parkinson Vereinigung e. V.
Bundesverband
Moselstraße 31, 41464 Neuss
Internet: www.parkinson-vereinigung.de

Kompetenznetz Parkinson
Baldingerstraße, 35043 Marburg
Internet: www.kompetenznetz-parkinson.de

Weitere Informationen
04:22

Interview: Parkinson-Krankheit

05.09.2017 20:15 Uhr
Visite

Wie lässt sich eine Parkinson-Erkrankung möglichst frühzeitig erkennen und behandeln? Professor Daniela Berg beantwortet die wichtigsten Fragen. Video (04:22 min)

Hirnschrittmacher - mit Strom gegen Parkinson

Stark zitternde Hände, steife Muskeln, verlangsamte Bewegungen - die Krankheit Parkinson ist unheilbar. Eine Art Schrittmacher im Gehirn kann die Symptome aber abmildern. mehr

Parkinson: Das Geschäft mit der Angst

Ein deutscher Arzt, der in Deutschland längst seine Zulassung verloren hat, bietet in Spanien Dauer-Akupunktur gegen Parkinson an. Für eine Wirksamkeit gibt es keine Belege. mehr

Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.09.2017 | 20:15 Uhr

Mehr Ratgeber

09:15

Mit dem E-Bike auf dem Weserradweg

23.09.2017 18:00 Uhr
Nordtour
12:19

Die Seehundstation in Friedrichskoog

20.09.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
29:23

Kochen: Rinderfilet vom Isemarkt

24.09.2017 16:30 Uhr
Iss besser!