Stand: 28.12.2015 14:10 Uhr

Macht zu viel Lesen kurzsichtig?

von Jochen Paulus, NDR Info
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Viele Menschen benötigen eine Brille, um Dinge, die weiter weg sind, scharf zu sehen.

Kurzsichtigkeit ist weltweit ist die häufigste Augenkrankheit und sie nimmt zu. In fünf Jahren wird jeder Dritte darunter leiden, so eine Hochrechnung. Für Professor Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik der Universität Mainz, ist das eine besorgniserregende Entwicklung: "Damit sind auch viele andere Augenerkrankungen verbunden. Kurzsichtige bekommen häufiger ein Glaukom, einen grünen Star oder Erkrankungen der Netzhaut, insbesondere Alterserkrankungen. Kurz und gut, das kurzsichtige Auge ist sehr viel anfälliger als das normale Auge."

Was sind die Ursachen?

Aber warum werden viele Menschen kurzsichtig, vor allem schon im Schulalter? Viele Eltern haben schon lange vermutet, es könnte daran liegen, dass manche Kinder zu viel lesen. Augenärzte widersprachen routinemäßig: Schuld seien allein die Gene. Doch Pfeiffer und andere Forscher haben nun herausgefunden, dass viel Lesen die Augen tatsächlich verderben kann. Jedenfalls ist das die wahrscheinlichste Erklärung für die Ergebnisse einer Studie, die Pfeiffer und sein Team im vergangenen Jahr vorgelegt haben.

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Augenärzte sind sich sicher: Je länger Kinder zur Schule gehen, desto häufiger werden sie kurzsichtig.

Die Wissenschaftler befragten fast 5.000 Menschen aus der Gegend von Mainz und untersuchten ihre Augen. Dabei fanden sie einen Zusammenhang zwischen der Zeit, die wir in der Schule verbringen, und der Kurzsichtigkeit: "Es scheint sehr, sehr klar: Je länger wir die Schulbank gedrückt haben, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir kurzsichtig werden", so Professor Pfeiffer.

Warum kann Lesen zur Kurzsichtigkeit führen?

Während nur ein Viertel der Deutschen mit Hauptschulabschluss kurzsichtig ist, braucht die Hälfte von denen mit Abitur eine Brille oder Kontaktlinsen. Aber wie kann Lesen kurzsichtig machen? Die Antwort: Kurzsichtige haben zu lange Augäpfel, die nur in der Nähe scharfes Sehen ermöglichen. "Unser Auge wächst im Laufe unseres Lebens, um sich an die Umgebung anzupassen. Das Auge beziehungsweise das Gehirn überprüft, ob das Netzhautbild schon scharf ist oder nicht, und kann dann mit einem weiteren Augapfelwachstum reagieren", erklärt Professor Pfeiffer.

Wenn ein Kind also beim Lesen viel in kurzen Abständen guckt, stellt sich das Auge auf diese Entfernung ein, indem es länger wird, und es kann dann nicht mehr so gut in die Ferne sehen. Das passiert aber nicht bei allen Menschen gleichermaßen, wie Forscher der amerikanischen Columbia University gerade herausgefunden haben. Sie haben sich auf ein Gen namens APLP2 konzentriert. Wer davon eine bestimmte Variante besitzt, wird fünf Mal eher kurzsichtig, wenn er als Kind mehr als eine Stunde täglich liest. Tut er das nicht, hat die Gen-Variante keine Auswirkung auf das Sehvermögen.

Auch Smartphone-Nutzung kann schädlich sein

Bücher sind aber nicht das einzige Problem, sondern auch der zunehmende Gebrauch von Smartphones: "Wir nehmen an, dass die Nutzung von Bildschirmen mit sehr kleiner Schrift und in der Nähe auch die Kurzsichtigkeit befördern kann", so Professor Pfeiffer. Um das zu vermeiden, sollten besonders Kinder und Jugendliche das Gerät weiter weg halten und möglichst viel Zeit draußen verbringen, um das Auge wieder an die Fernsicht zu gewöhnen.

Chinesische Forscher haben gerade bewiesen, dass eine stärkere Nutzung der Fernsicht gegen Kurzsichtigkeit helfen kann. In einigen Grundschulen mussten die Kinder jeden Tag 40 Minuten zusätzlich im Freien verbringen. In diesen Schulen wurden nicht so viele Kinder kurzsichtig wie in anderen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 29.12.2015 | 09:20 Uhr

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