Stand: 02.08.2016 14:10 Uhr  | Archiv

Unklare Symptome: Wenn das Kiefergelenk schuld ist

Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel, Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich, die bis in die Beine ziehen: Bis das Kiefergelenk als Ursache solcher Beschwerden entlarvt wird, haben Betroffene oft eine lange Leidensgeschichte mit zahlreichen Arztbesuchen hinter sich.

Bei bestimmten Symptomen und Beschwerden sollten Betroffene immer auch Kiefergelenksprobleme in Betracht ziehen: Zum Beispiel, wenn die Unterkieferöffnung eingeschränkt ist, Schmerzen vor dem Ohr oder an der Schläfe und dazu Geräusche auftreten. Unspezifische Kopfschmerzen, Beschwerden der Halswirbelsäule oder Tinnitus lassen sich ebenfalls oft auf das Kiefergelenk zurückführen.

Kraniomandibuläre Dysfunktion: Schmerzen, die ausstrahlen

Das Kiefergelenk ist ein ausgeklügeltes System aus Knochen, Muskulatur und Sehnen. Beim Essen oder Sprechen muss es rotieren, sich auf und ab, vor und zurück bewegen. Wenn dabei etwas hakt, Ober- und Unterkiefer nicht optimal aufeinander treffen, hat das schmerzhafte Folgen, die bis in andere Körperbereiche ausstrahlen. Bildgebende Verfahren können eine häufige Ursache sichtbar machen: die sogenannte Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD). Dabei stimmt der Biss nicht, Ober- und Unterkiefer passen nicht richtig zusammen.

Millimeterfeine Abweichungen mit großen Folgen

Unser Kiefergelenk gehört zu den kompliziertesten Gelenken des Körpers. Um Kieferproblemen auf den Grund zu gehen, wird der Kiefer vermessen und geprüft, wo und warum der Kau- und Schließmechanismus gestört ist. Abgenutzter Kiefergelenksknorpel oder ständiger Druck durch nächtliches Zähneknirschen, aber auch Fehlhaltungen, zum Beispiel durch eine falsche Brille, zu hohe Zahnfüllungen oder Schwellungen der Kaumuskulatur können zu einem Fehlbiss führen: Die Zahnreihen schließen nicht mehr harmonisch, und der Unterkiefer verschiebt sich in eine neue Position, um die Fehlstellung auszugleichen. Die Kaumuskulatur wird zu stark und falsch belastet. Diese Probleme können sich fortsetzen bis in den Nacken und den Schultergürtel.

Bei Verdacht Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen statt Zahnarzt aufsuchen

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Diffuse Schmerzen lassen sich oft auf das Kiefergelenk zurückführen.

Doch häufig erkennen Ärzte diesen Zusammenhang nicht, und es vergehen Jahre, bis Kiefergelenkspatienten geholfen wird. Denn Zahnärzte als erster Anlaufpunkt kümmern sich vor allem um die Reparatur der Zähne und nicht um das Kiefergelenk. Spezialisten für Kieferbeschwerden können Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen, Kieferorthopäden oder auch fachlich weitergebildete Zahnärzte sein. CMD-Spezialisten zu finden ist jedoch nicht leicht, denn dieser Begriff ist rechtlich nicht geschützt - und so halten der Name und die angebotenen technischen Verfahren nicht immer, was sie versprechen.

Außerdem sind die Beschwerden oft diffus und schlecht zuzuordnen, was die Diagnose erschwert. So schränkt eine sogenannte Diskusverlagerung im Kiefergelenk die Mundöffnung ein und beeinflusst die Statik des ganzen Körpers. Das führt zu Schmerzen im gesamten Oberkörper, die mit der Zeit immer schlimmer werden. Ein falsch sitzendes Implantat oder eine misslungene Kiefer-OP können neurologische und orthopädische Beschwerden auslösen. Spannungsschmerzen im Schulter-Nackenbereich, die über die Arme bis zur Hüfte ziehen, können die Folge sein.

Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger ist es, das erkrankte Kiefergelenk zu behandeln, weil sich die Folgen im gesamten Körper verfestigen. So können zum Beispiel im Kindesalter gezogene Zähne den Kiefer so verschieben, dass Betroffene Jahre später unter Schwindelattacken leiden.

Behandlung mit einer Zahnschiene

Die Behandlung der Kieferprobleme erfolgt in der Regel mit einer individuell angepassten Zahnschiene: Sie soll die bestehenden Muskel- und Gelenkbewegungen verändern und so zu einer Entspannung der Kau- und Kopfmuskulatur sowie zu einer Entlastung der Kiefergelenke führen. Die gesetzliche Krankenversicherung bezahlt die Schiene, die Vorbehandlung und Einstellung muss aber der Patient tragen (einige Hundert Euro). Am besten wirkt die Schiene in Kombination mit intensiver Physiotherapie - Zahnarzt und Krankengymnast müssen dabei sehr eng zusammenarbeiten. Auch die Physiotherapie ist eine Kassenleistung und kann vom Zahnarzt verordnet werden.

Weitere Informationen

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Interviewpartnerin im Studio:
Prof. Dr. Meike Stiesch
Direktorin der Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde
im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
Tel. (0511) 532-47 73
Internet: www.mh-hannover.de/zpr-root.html

Interviewpartner im Beitrag:
Dr. Jan-Peter Zierleyn, Zahnarzt und CMD-Therapeut
CMD Centrum Hannover
Tel. (0511) 32 92 91, Fax (0511) 368 14 92
E-Mail: info@cmd-centrum-hannover.de
Internet: www.cmd-centrum-hannover.de

Thorsten Tegtmeier, Physiotherapeut
Praxis Thorsten Tegtmeier
Bahnhofstraße 3, 30159 Hannover
Tel. (0511) 123 40 23
E-Mail: tt-physiotherapie@gmx.de

Weitere Informationen:
CMD-Selbstübungsprogramm für Patienten
Broschüre (15 Euro) zu bestellen im Internet:
http://cranioconcept.de/patientenhilfe/eigenuebungsprogramm
 
Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund und Kieferheilkunde
Liesegangstraße 17 a, 40211 Düsseldorf
Internet: www.dgfdt.de
Interdisziplinäre Zahnmedizin
www.cmd-therapie.de
Liste von CMD-Spezialisten

CMD-Dachverband e.V.
Dörpfeldstraße 39, 40699 Erkrath
Internet: www.cmd-dachverband.de

Ratgeber:
Kay Bartrow:
"Übeltäter Kiefergelenk: Endlich wieder entspannt und schmerzfrei: 60 Übungen mit Soforteffekt"
112 S.; Trias (2014)
17,99 Euro

Horst Kares, Hans Schindler, Rainer Schöttl:
"Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz - Craniomandibuläre Dysfunktion CMD"
112 S.; Schlütersche (2010; 5. Aufl.);
19,90 Euro

Dieses Thema im Programm:

Visite | 02.08.2016 | 20:15 Uhr

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