Stand: 06.10.2015 14:34 Uhr

Keime im Kunstgelenk: Screening mindert Gefahr

MRSA, VRE, ESBL - diese Abkürzungen stehen für die bekanntesten Bakterienstämme, die gegen zahlreiche Antibiotika resistent geworden und kaum noch zu behandeln sind. Als eine Hauptursache für die Entwicklung solcher Keime gilt der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tiermast. Fast jeder dritte Deutsche trägt multiresistente Erreger mit sich, ohne es zu bemerken. Besonders häufig sitzen sie in der Nase, auf der Haut und im Darm. In der Regel verursachen sie keine Beschwerden. Gelangen sie aber bei einer Operation, zum Beispiel wenn ein künstliches Gelenk eingesetzt wird, in eine Wunde, können sie lebensgefährliche Infektionen verursachen.

Kampf gegen Keime im Kunstgelenk mit Screening

Kampf gegen Keime im Kunstgelenk mit Screening

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Gegen einige Bakterien gibt es kaum noch wirksame Antibiotika. Gelangen sie in eine Wunde, können schwere Infektionen entstehen. Ein Keimscreening vor einer OP soll die Gefahr mindern.

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Bakterien bilden Biofilm auf künstlichem Gelenk

Auf Gelenkprothesen bilden die Bakterien dann einen Biofilm, der für Antibiotika und andere Medikamente undurchdringbar ist. Die gefährlichen Erreger können sich im ganzen Körper verbreiten, was im Extremfall sogar bis zu einer Blutvergiftung führen kann. Einzige Lösung: Die Prothese muss wieder entfernt werden - mitsamt dem sie umgebenden infizierten Gewebe. Experten schätzen, dass pro Jahr bis zu 15.000 Menschen in Deutschland an solchen vermeidbaren Infektionen sterben.

Keimscreening vermeidet Infektionen

Durch sogenannte Keimscreenings vor operativen Eingriffen versuchen Kliniken, Infektionen mit multiresistenten Erregern zu vermeiden. Dafür werden möglichst alle, aber fast immer Risikopatienten gescreent, wie Landwirte, Ausländer, Personen aus Pflegeheimen und Immungeschwächte. Vor der OP werden Abstriche aus Nase, Rachen, Leiste und Anus genommen und im Labor untersucht. Dann geht der Patient wieder nach Hause, um zu verhindern, dass sich andere Patienten anstecken.

Videos
04:24 min

Keimscreening - Experteninterview

06.10.2015 20:15 Uhr
Visite

Was bringt das Screening - konkret in Zahlen ausgedrückt? Prof. Carsten Perka im Interview mit Moderatorin Vera Cordes. Video (04:24 min)

Nach zwei Tagen informieren die Ärzte die Patienten über ihre Laborergebnisse und bitten sie gegebenenfalls, vor der Aufnahme in die Klinik eine Keimsanierung zu machen. Das bedeutet: mehrfach täglich intensive Waschungen der Haut und die Verwendung einer speziellen Nasensalbe, bis die meisten Keime weggewaschen oder unschädlich gemacht sind. Den Erfolg dieser Maßnahmen überprüfen der Hausarzt oder die Klinik. Erst wenn drei Abstriche nacheinander keine multiresistenten Erreger mehr zeigen, kann operiert werden. Gelingt die Keimsanierung zu Hause nicht, muss der Patient in der Klinik isoliert und mit speziell ausgewählten Reserveantibiotika behandelt werden, bis eine Operation möglich ist.

Kliniken entscheiden über Untersuchungsumfang

Durch die Sanierung im Vorfeld wird die Gefahr einer schweren Infektion oder gar einer Übertragung auf andere Patienten deutlich verringert, die Erfolgsquote der Operation steigt. Ein Screening, zumindest auf den häufigsten Erreger MRSA, wird allen Krankenhäusern vom Robert Koch Institut dringend empfohlen. Auf welche weiteren Keime untersucht wird, bleibt den Kliniken überlassen.

Personen, denen ein künstliches Gelenk eingesetzt werden soll, sollten in ihrer Klinik nachfragen, ob ein Screening durchgeführt wird. Zur Vorbeugung gibt es zudem in Apotheken ein spezielles Desinfektionsset, das nach Absprache mit dem Arzt selbst angewendet werden kann.

Chat-Protokoll

Schmerzen können Hinweis auf Infektion sein

Können Keime ein künstliches Gelenk auch noch Jahre nach der OP besiedeln? Wie wird das festgestellt? Der Chirurg Prof. Carsten Perka hat Fragen im Chat beantwortet - das Protokoll. mehr

Interviewpartner im Beitrag:

Im Studio:
Univ. Prof. Dr. Carsten Perka
Ärztlicher Direktor
Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité Berlin
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel. (030) 450 51 50 44
Fax (030) 450 51 59 03
Internet: cmsc.charite.de/klinik/aktuelles/meldungen/artikel/detail/ganzkoerper_dekolonisation_mit_antispetischer_seife_und_nasensalbe/

Im Beitrag:
Priv.-Doz. Dr. Andrej Trampuz
Sektionsleiter Infektiologie und septische Chirurgie
Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel. (030) 450 51 50 44
Fax (030) 450 51 59 03

Prof. Dr. Karl-Dieter Heller
Chefarzt
Orthopädische Klinik Braunschweig
Herzogin Elisabeth Hospital (HEH)
Leipziger Straße 24
38124 Braunschweig
Tel. (0531) 699 20 01 (Privatsprechstunde), (0531) 699 21 00 (Ambulanz),
Fax (0531) 699 20 90
Internet: www.heh-bs.de

Dr. Steffen Oehme
Chefarzt
Gelenkzentrum, Orthopädie und Unfallchirurgie
imland Klinik Eckernförde
Schleswiger Straße 114-116
24340 Eckernförde
Tel. (04351) 88 25 75
Fax (04351) 88 25 76
Internet: eckernfoerde.imland.de/de/eck_sonder_zfg

Dieses Thema im Programm:

Visite | 06.10.2015 | 20:15 Uhr

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