Stand: 19.10.2015 12:53 Uhr

Hohe Suchtgefahr durch Schlaftabletten

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Schon nach wenigen Wochen droht bei Benzodiazepinen eine Abhängigkeit.

Medikamentenabhängigkeit ist ein weit verbreitetes und oft unterschätztes Problem: Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind süchtig, meist ohne es zu wissen. Vor allem ältere Frauen sind betroffen. Allein 1,2 Millionen können auf Schlafmittel, vor allem sogenannte Benzodiazepine, nicht mehr verzichten.

Tabletten auf einem Tisch

Schlaftabletten: Abhängigkeit inbegriffen

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Schlaflosigkeit ist ein weit verbreitetes Problem. Viele Betroffene greifen zu Schlaftabletten - vor allem zu sogenannten Benzodiazepinen. Doch die Gefahr einer Abhängigkeit ist groß.

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Gefahr der Abhängigkeit nach wenigen Wochen

Diese Medikamentengruppe wirkt kurzfristig angstlösend, beruhigend, muskelentspannend und krampflösend, sorgt so schnell für Erleichterung und bessere Stimmung. Benzodiazepine docken im Körper an den sogenannten GABA-Rezeptor an. Dieser ist die Beruhigungszentrale des Gehirns, in dem der Schlaf angeregt, Krämpfe gebremst oder Muskeln entspannt werden. Doch schon nach wenigen Wochen droht bei diesen Arzneimitteln eine Abhängigkeit - schneller als bei Alkohol. Deshalb sollten Benzodiazepine eigentlich nur für maximal zwei Wochen verschrieben werden.

Diese Wirkstoffe gehören zur Gruppe der Benzodiazepine:

Alprazolam, Bromazepam, Brotizolam, Chlordiazepoxid, Clobazam, Clonazepam, Diazepam, Dikaliumclorazepat, Flunitrazepam, Flurazepam, Lorazepam, Lormetazepam, Medazepam, Midazolam, Nitrazepam, Oxazepam, Prazepam, Temazepam, Tetrazepam, Triazolam

Bei längerer Einnahme werden die Symptome verstärkt, die eigentlich bekämpft werden sollen. So kann es zum Beispiel bei Depressionen zu einer doppelten Abhängigkeit kommen. Wenn die Benzodiazepine nicht mehr wirken, greifen Betroffene unter Umständen zur Flasche. Und: Eine aktuelle Studie zeigt zudem einen Zusammenhang zwischen Demenz und der Abhängigkeit von Benzodiazepinen. Personen, die regelmäßig Schlafmittel einnehmen, erkranken eineinhalbmal häufiger an Alzheimer.

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Es kann bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Abhängigkeit überwunden ist. Experten bemängeln, dass es nicht genug stationäre Therapieplätze gibt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass neben einer stationären Behandlung auch eine ambulante Entzugstherapie möglich ist: Wenn Ärzte und Apotheker Schlafmittelabhängige beim Entzug begleiten, haben nur fünf Prozent der Patienten mit schweren Problemen zu kämpfen.

Grundsätzlich gilt: Benzodiazepine sollten immer nur kurzfristig für eine Übergangszeit eingesetzt werden. Parallel dazu müssen alternative Wege gefunden werden, Ängste und Stress abzubauen: Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken und Sport sind dafür gut geeignet.

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Warnzeichen für die Entwicklung einer Abhängigkeit:

  • Verordnung von Benzodiazepinen über Monate oder gar Jahre
  • Wenn Patienten die Medikamente brauchen, um den Alltag zu bewältigen
  • Wenn Patienten die Medikamente weiter einnehmen, obwohl der akute Anlass nicht mehr besteht
  • Probleme bei versuchter Dosisreduzierung
  • Auftreten von Angstsymptomen, Anspannung oder Unruhe bei kurz wirkenden Benzodiazepinen
  • Aufsuchen mehrerer Ärzte, um weitere Rezepte zu erhalten
  • Wenn Patienten sich Sorgen machen, kein Rezept mehr zu bekommen
  • Vorsorgliche Einnahme, um einer Belastungssituation am nächsten Tag gewachsen zu sein
  • Eigenmächtige Dosiserhöhung
  • Angstsymptome, Panikattacken, Schlafstörungen trotz Einnahme der Medikamente

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