Stand: 12.10.2015 15:30 Uhr

Keime: Hände waschen oder desinfizieren?

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Reichen Wasser und Seife, um Hände richtig sauber zu machen?

Keime werden überwiegend über die Hände übertragen - im Krankenhaus sogar zu etwa 90 Prozent. Bakterien und Viren finden sich auf vielen Dingen, die wir im Alltag anfassen: am Einkaufswagen, auf dem Smartphone oder in der U-Bahn. Die Hände brauchen wir auch zum Naseputzen und zur Begrüßung. Zudem neigen wir dazu, uns dauernd ins Gesicht zu fassen. Das erleichtert es Keimen, über die Augen oder die Schleimhäute in den Körper zu dringen. Müssen wir daher regelmäßig die Hände desinfizieren? Wie oft sollte man sein Smartphone oder die Fernbedienung reinigen? Die wichtigsten Fragen rund um saubere Hände hat Dr. Christine Reichardt beantwortet. Sie ist Fachärztin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité und außerdem wissenschaftliche Mitarbeiterin der "Aktion Saubere Hände".

Wann ist eine Hand sauber?

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Wir lernen schon im Kindesalter, wann wir uns die Hände waschen sollten, erinnert die Hygiene- und Umweltmedizinerin Dr. Christine Reichardt.

Dr. Christiane Reichardt: Man sollte in diesem Zusammenhang definieren, was "sauber" bedeutet. Dabei muss man unterscheiden, ob wir uns im privaten oder professionellen (Krankenhaus oder Wohnheim) Umfeld bewegen. Im privaten Umfeld ist eine Hand sauber, wenn sichtbare Verschmutzungen entfernt sind. Bei der Versorgung von kranken Menschen kommt es darauf an, dass die Anzahl an Keimen auf den Händen deutlich reduziert wird. Deshalb werden die Hände hier desinfiziert und nicht gewaschen.

Bei welchen Gelegenheiten sollte ich mir unbedingt und gründlich die Hände waschen?

Reichardt: Eigentlich lernen wir bereits im Kindesalter, wann wir uns die Hände waschen sollten: Immer wenn sie sichtbar verschmutzt sind natürlich, aber auch wenn sie mit relevanten Keimen verunreinigt sein könnten: etwa nach dem Toilettengang, nach Umgang mit rohem Fleisch oder Fisch, nach Arbeiten im Freien mit Erde sowie vor dem Essen. Auch nach Niesen und Husten sowie nach dem Ausschnauben ist das Händewaschen sinnvoll.

Sollte ich eigentlich möglichst heißes Wasser dazu verwenden?

Reichardt: Die Haut wird durch heißes Wasser eher geschädigt. Man sollte lauwarmes Wasser verwenden. Der keimreduzierende Effekt beim Händewaschen ist eher ein mechanischer, wenn die Keime von der Hand abgespült werden. Wichtig ist es, gerade auch in der kalten Jahreszeit, die Hände gut zu pflegen. Das Waschen mit Wasser und Seife schädigt die Schutzbarriere der Haut und Fette werden aus der Haut ausgespült. Deshalb sollten die Hände auch regelmäßig eingecremt werden.

Lohnt sich auch "ein bisschen" oder kurz die Hände zu waschen oder müssen es immer die 30 Sekunden gründlichen Reibens mit Seife sein?

Happy Birthday singen

Gründliches Händewaschen dauert in etwa so lange, wie zwei Mal - in normalem Tempo - "Happy Birthday" zu singen.

Quelle: WHO

Reichardt: Um einen keimreduzierenden Effekt zu erzielen, muss man die Hände gründlich waschen. Zum einen ist dabei die Zeit ein wichtiger Faktor - etwa 30 Sekunden, bei starker Verschmutzung auch mehr - sowie das gründliche Einreiben der Fingerkuppen, Nagelbetten und Fingerzwischenräume mit Seife. Dort finden wir in der Regel die höchsten Keimzahlen.

Wie wirksam sind Handdesinfektionsgels für die Handtasche?

Reichardt: Generell gibt es keine Empfehlung für die Verwendung von Desinfektionsmitteln im privaten Umfeld. Im medizinischen Bereich werden nur vom Robert Koch Institut (RKI) anerkannte Händedesinfektionsmittel eingesetzt, die auf ihre zuverlässige Wirksamkeit geprüft wurden. Um ein verlässlich wirksames Präparat zu verwenden, können Produkte aus dieser Liste verwendet werden.

Sollten wir alle im Alltag medizinische Desinfektionsmittel mit uns führen, um möglichst keimfreie Hände zu haben?

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Hygienetipps zum Schutz vor Infektionen

Umfangreiches Webangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. extern

Reichardt: Das gründliche Händewaschen in den beschriebenen Situationen ist ausreichend. Menschen, die einem erhöhten Erkrankungsrisiko ausgesetzt sind (chronisch Kranke oder Patienten mit einem nicht voll funktionsfähigen Immunsystem), könnten in der Wintersaison vom Gebrauch von Händedesinfektionsmitteln profitieren. Da die typischen grippalen Infekte zu einem großen Anteil über die Luft übertragen werden, gehören zur Vermeidung solcher Infekte auch Husten- und Niesetikette - also etwa in die Armbeuge zu niesen, statt die Hand vor den Mund zu halten - sowie Menschenansammlungen zu meiden. Bei den vor allem im Herbst und Frühjahr auftretenden Wellen an Magen-Darm-Erkrankungen ist der Einsatz von Handdesinfektionsmittel im Fall einer Erkrankung für den Patienten in dieser Zeit zu überlegen.

Die Gegenstände mit der höchsten Keimbelastung sind Smartphone, Tabletcomputer, Fernbedienungen, Computertastaturen und Türklinken. Wie und wie oft sollten sie gereinigt werden?

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Reichardt: Zum jetzigen Zeitpunkt kann keine allgemeingültige Empfehlung gegeben werden. Prinzipiell sind die auf den genannten Flächen gefundenen Erreger für uns im privaten Umfeld nicht gefährlich. Wir werden jeden Tag einer Unmenge an Erregern ausgesetzt. Unser Körper ist sehr gut in der Lage, damit umzugehen. Wenn sich jeder bemüht, die bereits genannten allgemein gültigen Regeln der Hygiene einzuhalten, spielt die unvermeidliche Verunreinigung dieser Flächen als Quelle für Erkrankungen keine Rolle.   

Sollte ich Haltestangen in Bus und U-Bahn oder die vom Einkaufswagen meiden und mir zu Hause oder am Arbeitsplatz als Erstes die Hände waschen?

Reichardt: Generell ist es zu empfehlen, sich die Hände zu waschen, wenn man am Arbeitsplatz oder zu Hause ankommt. Auch die Verunreinigung häufig genutzter Flächen im öffentlichen Raum ist ein normaler Vorgang und der Kontakt stellt in der Regel kein Problem dar.

Warum sind saubere Hände vor allem im Krankenhaus wichtig?

Reichardt: Beim Umgang mit kranken Menschen verunreinigen wir unsere Hände mit potenziell krankheitsverursachenden Erregern. Um zu vermeiden, dass wir anderen und uns selbst mit diesen Erregern schaden, sollten diese von den Händen abgewaschen beziehungsweise durch eine Desinfektion abgetötet werden. Damit vermeiden wir, dass die Erreger von einem zum nächsten Patienten weitergetragen werden. Ebenso ist es wichtig, dass bei verschiedenen Tätigkeiten beim gleichen Patienten Erreger nicht in Regionen getragen werden, die keimfrei sein sollten: wie etwa bei einer Wunde beim Verbandswechsel, eine Nadel beim Legen einer Infusion oder die Augen, wenn Augentropfen verabreicht werden.

Worauf müssen Patienten und ihre Besucher bei der Handhygiene im Krankenhaus achten, um sich zu schützen?

Richtlinien für Handdesinfektion im Krankenhaus

• vor Patientenkontakt
• vor aseptischen Tätigkeiten
• nach Kontakt mit potenziell infektiösen Materialien
• nach Patientenkontakt
• nach Kontakt mit Oberflächen in unmittelbarer Umgebung des Patienten

Quelle: Aktion Saubere Hände

Reichardt: Im Krankenhaus sollten sich Besucher vor dem Betreten und nach Verlassen des Patientenzimmers die Hände desinfizieren. Darüber hinaus gelten die gleichen hygienischen Grundregeln wie im Alltag auch. Sollten bei isolierten Patienten weitere Maßnahmen notwendig sein, werden Besucher vom Personal darüber aufgeklärt. Der Patient selbst kann darauf achten, dass das medizinische Personal sich vor einem direkten Kontakt die Hände desinfiziert. Ebenso bevor Tätigkeiten durchgeführt werden, bei denen keimfreies Arbeiten besonders wichtig ist, wie beim Verbandswechsel, Verabreichung von Spritzen und Arbeiten mit Infusionslösungen.

Das Interview führte Ulla Brauer.

Informationen zur Sendung

Die Antibiotika-Falle

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45 Min

Mindestens 15.000 Menschen sterben jährlich an Keimen, die resistent gegen Antibiotika sind. Bisher harmlose Keime können gefährlich werden. Wie können wir uns schützen? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 12.10.2015 | 22:00 Uhr

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