Stand: 05.07.2016 12:21 Uhr  | Archiv

"Gesunde Füße sorgen für stabiles Fundament"

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"Man unterscheidet angeborene von erworbenen Fußfehlstellungen", erklärt Dr. Ryszard van Rhee, Facharzt für Orthopädie.

60 Muskeln, 300 Bänder und Sehnen, mehr als 50 Knochen und über 20 Gelenke: Der menschliche Fuß ist ein hochkomplexes Wunderwerk. Die Füße spielen eine tragende Rolle für den gesamten Bewegungsapparat, denn ob wir stehen, gehen, springen oder laufen: Unsere Füße stützen, federn und balancieren uns. Ein gesunder Fuß leitet die Last über die Ferse und gleichmäßig über den Vorfußbereich auf den Boden ab. Fußprobleme wie Fehlstellungen oder Verformungen können Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat haben. Welche Vorbeugungs- und Behandlungsmaßnahmen bei Problemfüßen helfen? Dr. Ryszard van Rhee, Facharzt für Orthopädie in Hannover, informiert im Interview.

Was leistet der gesunde Fuß für den Körper?

Dr. Ryszard van Rhee: Der Fuß spielt eine tragende Rolle für eine funktionierende Körperstatik und beeinflusst damit den gesamten Bewegungsapparat. Gesunde Füße sorgen für ein stabiles Fundament für den ganzen Körper und ermöglichen zudem die Fortbewegung bis hin zur sportlichen Höchstleistung.

Was ist ein kranker Fuß?

van Rhee: Ein kranker Fuß unterscheidet sich von einem gesunden Fuß dadurch, dass der kranke Fuß nicht in der Lage ist, seine Aufgaben dauerhaft problemlos zu erfüllen.

Ab wann spricht man von einem kranken Fuß?

van Rhee: Der Übergang zwischen gesund und krank ist, wie auch in vielen anderen Bereichen der Medizin, fließend. So kann zum Beispiel eine Zehenfehlstellung, wie ein Ballenzeh, lange ohne Beschwerden bestehen, obwohl dem Aussehen und den röntgenologischen Messwerten nach bereits eindeutig eine krankhafte Verformung festzustellen ist.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

van Rhee: Typischerweise kommen Patienten aufgrund von Schmerzen zu mir. Manchmal kommen sie aber, weil ihnen die Form ihrer Füße aufgefallen ist und sie sichergehen wollen, dass daraus langfristig keine Probleme resultieren. In beiden Fällen ist der Arztbesuch unbedingt empfehlenswert.

Was können Gründe für Fußfehlstellungen sein?

van Rhee: Grob gesehen unterscheiden wir angeborene von erworbenen Fußfehlstellungen. Typisches Beispiel für eine angeborene Fehlstellung ist der Klumpfuß, der schon in den ersten Lebenstagen therapiert werden muss. Erworbene Fehlstellungen entwickeln sich erst im Laufe des Lebens. Sie können durch allgemeine Bandschwäche, Verletzungen, neurologische Grunderkrankungen oder auch durch Verschleiß entstehen. Interessanterweise gibt es aber auch Fehlstellungen wie den kindlichen Plattfuß, die spontan, also ohne jegliche Therapie, ausheilen.

Welche Auswirkung kann ein kranker Fuß auf den Rest des Körpers haben?

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Unsere Gelenke sind darauf ausgelegt, dass sie gleichmäßig belastet werden.

van Rhee: Ein kranker Fuß wird physiologisch nicht richtig belastet. Somit folgt auf eine Fehlform auch eine Fehlbelastung. Unser Körper und insbesondere unsere Gelenke sind aber darauf ausgelegt, dass sie gleichmäßig belastet werden. Bei ungleichmäßiger Belastung kann Gelenkknorpel überbeansprucht werden und verschleißt schneller. Die Tragachse eines optimal geformten Beins verläuft durch die Mitte des Hüftgelenkes, des Kniegelenkes und des Sprunggelenkes bis zur Fersenmitte. Bei einem Knick-Senk-Spreizfuß, vereinfacht auch Plattfuß genannt, verläuft diese Achse außen an der Kniemitte vorbei. Damit werden die äußeren Gelenkanteile des Kniegelenkes und des Sprunggelenkes unphysiologisch belastet. Über kurz oder lang entwickeln sich Schmerzen, verfrühter Gelenkverschleiß und Fehlstellungen von Knie- und Sprunggelenk.

Warum kann es manchmal bei Rücken-, Knie- oder auch Hüftschmerzen sinnvoll sein auch auf die Füße zu gucken?

van Rhee: Sehr häufig sehe ich in meiner Praxis Patienten mit Schmerzen im Rücken-, Hüft- oder Kniebereich, deren Beschwerden auch auf eine Fußfehlstatik zurückzuführen sind. Somit ist es für die genaue Analyse wichtig, die benachbarten Gelenke und eben auch die Füße anzuschauen.

Was sind konservative Maßnahmen bei Fußproblemen. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

van Rhee: Mit konservativen Maßnahmen versuchen wir gezielt, die jeweiligen Probleme am Fuß zu lindern. Dazu gehören maßgefertigte Einlagen, korrigierende Schienen, druckentlastende Polster oder Orthesen, aber auch krankengymnastisch-physikalische Anwendungen. Über sogenannte Schuhzurichtungen, wie zum Beispiel Außenranderhöhungen oder Abrollhilfen, lassen sich zusätzlich konservativ Fußprobleme lindern. Patienten können selbst durch regelmäßige Fußgymnastik die Fußmuskulatur stärken und dadurch einer Fehlform entgegenwirken.

Erst in späteren Stadien kommen auch Injektionen in arthrotischen Gelenken zur Anwendung. Bei dekomponierten und hochgradigen Fehlstellungen können maßgefertigte orthopädische Schuhe die Gehfähigkeit erhalten. Die wertvollen Maßnahmen der Podologen zur Druckentlastung schmerzhafter Hornschwielen oder zur Wachstumslenkung einwachsender Nägel sind ebenfalls wichtig.

Welche Aufgaben übernehmen Schuheinlagen?

van Rhee: Schuheinlagen können den Fuß stützen oder durch gezielte Weichbettung überlastete Stellen entlasten. Sie können aber auch die Muskulatur stimulieren, indem sie Druckreize an bestimmten Stellen setzen. Patienten mit allgemeiner Bandschwäche sollten Schuheinlagen auch vorbeugend tragen, weil anderenfalls Beschwerden drohen. Einlagen können beim wachsenden Skelett das Wachstum des Fußes positiv beeinflussen. Beim Erwachsenen dienen sie im Wesentlichen der Linderung vorhandener Symptome.

Was kann man prophylaktisch tun?

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Pumps sollten nach Möglichkeit nur stundenweise getragen werden.

van Rhee: Man sollte darauf achten, bequemes und ausreichend großes und weites Schuhwerk zu tragen. Der innere Fußrand sollte durch den Schuh leicht gestützt werden. Den Damen sollte die Fehlbelastung des Fußes durch hohe Pumps klar sein. Sie sollten, wenn nicht gänzlich vermeidbar, nur stundenweise getragen werden, damit der Fuß die Chance bekommt, sich zu erholen. Patienten mit Diabetes oder entzündlich rheumatischen Erkrankungen sollten die Füße regelmäßig kontrollieren, um Verletzungen oder andere Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen.

Ab wann sollte man über eine Operation nachdenken?

van Rhee: Konservative Maßnahmen können Beschwerden lindern, sie vermögen aber nicht, Fehlstellungen zu korrigieren, zerrissene Sehnen zu reparieren oder verschlissene Gelenke zu erneuern. Nehmen also die Beschwerden trotz konservativer Maßnahmen zu, kann die Fehlstellung durch korrigierende Eingriffe mit positiver Auswirkung auf die Statik des Fußes erfolgen. Die häufigsten Indikationen zur Operation finden sich beim schmerzhaften Ballenzeh (Hallux valgus) oder bei Hammerzehen-Fehlstellungen. Auch der schmerzhafte erworbene Plattfuß oder der durch eine entzündlich-rheumatische Erkrankung deformierte Fuß bedürfen der operativen Korrektur, wenn andere Maßnahmen versagen. Arthrosen werden durch versteifende Eingriffe schmerzfrei. Am oberen Sprunggelenk ist die Implantation einer Endoprothese zunehmend etabliert.

Das Interview führte Gesa Lütten.

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