Stand: 04.05.2017 10:32 Uhr

Gefährliche Super-Erreger breiten sich aus

von Christian Baars und Elena Kuch, NDR
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Irene Sonnemann trägt einen multiresistenten Keim in sich.

Irene Sonnemann liegt in ihrem Metallbett. Das Atmen fällt ihr sichtlich schwer, es brummt und pfeift. Ein Sauerstoffschlauch hängt in ihrer Nase. Sie liegt allein ihrem Zimmer in der Uni-Klinik in Lübeck, isoliert von anderen Patienten. Wer Irene Sonnemann besuchen will, muss strenge Sicherheitsvorkehrungen beachten: Handschuhe, Mundschutz, einen grünen Kittel anziehen. Denn die 59-Jährige trägt einen gefährlichen, multi-resistenten Erreger in sich, der auf keinen Fall übertragen werden darf.

Kaum ein Antibiotikum hilft mehr

Irene Sonnemann leidet aktuell an einer Lungenentzündung, ausgelöst durch einen sogenannten 4MRGN-Erreger. GN steht für "Gram Negativ" und bezeichnet die Bakterienart, 4MR bedeutet, dass diese speziellen Bakterien gegen alle vier Hauptklassen von Antibiotika resistent sind. Sie alle wirken nicht mehr. Es bleiben kaum noch Medikamente, mit denen sie behandelt werden kann.

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Infektiologe Jan Rupp bleiben bei multiresistenten Erregern wenige Antibiotika für die Behandlung.

Sechs Tage lang bekommt Sonnemann nun schon ein Mittel verabreicht, das noch wirkt. Über einen Tropf fließt es in ihre Venen am Unterschenkel. Voraussichtlich eine weitere Woche lang muss sie es bekommen, erklärt ihr Arzt Jan Rupp. Das Problem sei, dass dieser Erreger nicht mit den klassischen Antibiotika zu bekämpfen sei. Und er beobachtet eine Zunahme solcher Erreger in seinem Krankenhaus in Lübeck.

Kleine Entzündungen werden lebensgefährlich

In ganz Europa steigt die Zahl der Infektionen mit MRGN-Erregern deutlich. In Deutschland wurden vor zehn Jahren nur vereinzelt 4MRGN gefunden, nun sind es Tausende Fälle pro Jahr. Klinikärzte sind alarmiert. Denn wenn Antibiotika versagen, können schon kleine Wunden oder Entzündungen lebensgefährlich werden. Wenn die Erreger in die Blutbahn geraten und sich im Körper ausbreiten, kann es zu einer Sepsis, einer "Blutvergiftung" kommen, die häufig tödlich verläuft.

Die Resistenzen entstehen zumeist durch den Einsatz von Antibiotika - wie etwa bei Patientin Sonnemann. Sie leidet an COPD, einer chronischen Lungenerkrankung und muss häufig mit den Mitteln behandelt werden. Das Problem: Bakterien sind ausgesprochen anpassungsfähig und können Abwehrmechanismen gegen Medikamente entwickeln.

Trägt auch die Pharma-Industrie zum Problem bei?

Doch die gefährlichen multi-resistenten Bakterien entstehen auch etwa in der Tiermast oder in der Umwelt und können von dort übertragen werden. Aktuelle Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen, dass offenbar sogar die Medikamenten-Hersteller dazu beitragen, dass solche Erreger entstehen und sich verbreiten.

Die Reporter haben gemeinsam mit einem Infektionsmediziner vom Universitätsklinikum Leipzig Proben aus Gewässern rund um Pharmafabriken in der indischen Stadt Hyderabad genommen. Dort lassen laut den Recherchen auch fast alle großen deutschen Hersteller Wirkstoffe produzieren. Und dort fanden sich große Mengen an Antibiotika in der Umwelt. Es droht die Gefahr, dass die dort vorkommenden Bakterien ebenfalls resistent werden.

Auf Anfrage bestreiten die Pharma-Hersteller von Hyderabad, für die Antibiotika-Verseuchung verantwortlich zu sein und beteuern, Umweltstandards einzuhalten. Die deutschen Pharma-Unternehmen verweisen auf geltende Standards und Kontrollen.

Reisende tragen Erreger um die Welt

Zudem zeigen aktuelle Studien, dass bis zu 90 Prozent aller Indien-Reisenden multi-resistente Erreger mit nach Hause bringen, die sie vorher nicht hatten. Bei Gesunden ist das in der Regel kein Problem. Aber bei einem schwachen Immunsystem oder einer Operation können sich die Erreger im Körper ausbreiten und zu gefährlichen Erkrankungen führen, die dann nur noch sehr schwer behandelbar sind - wie bei Irene Sonnemann.

"Realistisch ist, dass das Medikament, das wir Frau Sonnemann momentan geben, bald nicht mehr wirkt," sagt Rupp. Bald bleibe nur noch ein letztes Antibiotikum, sagt er. "Es gibt nicht mehr viele Medikamente die helfen", weiß Irene Sonnemann. "Und wenn ein Medikament nicht hilft, was soll man dann machen?" Sonnemann hofft auf Besserung, aber sie hat Angst, vor dem, was noch kommen mag: "Was ist, wenn nichts mehr hilft? Jedes kleine Kind kann verstehen, was das heißt."

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