Stand: 06.01.2015 12:09 Uhr  | Archiv

Telemedizin: Ein Modell für die Zukunft?

In der Medizin konzentriert sich die Versorgung in einigen Bereichen immer mehr auf große Zentren wie die Unikliniken. Das bedeutet aber nicht, dass Patienten in kleineren Städten oder auf dem Land schlechter behandelt werden. Telemedizin ermöglicht es Fachärzten, aus der Ferne den Gesundheitszustand von Patienten zu bewerten. In Anklam wird das Verfahren gerade auf der Kinderstation erprobt.

Bild vergrößern
Bei der Telemedizin sind Arzt und Patient per Videokonferenz verbunden.

Es ist eine typische Situation: Ein Kleinkind bekommt nachts hohes Fieber, sein Kopf ist heiß. Die Augen sind glasig. Die besorgten Eltern wollen nicht warten. Sie fahren noch vor den Morgenstunden ins nächstgelegene Krankenhaus - in der Hoffnung, dort einen Kinderarzt anzutreffen. Doch im Klinikum Anklam ist die Kinderstation mit ihren zwölf Betten im Schnitt nur zur Hälfte ausgelastet. Nicht rentabel genug, heißt es, um rund um die Uhr einen Kinderarzt zu beschäftigen. In der Notaufnahme treffen die Eltern dort nachts zukünftig stattdessen auf einen Internisten.

"Der Internist sieht dieses Kind, er kann die Eltern befragen, also die Anamnese machen, wie wir das sagen. Er kann das Kind auch abhören und ihm in die Ohren gucken", erklärt Thorsten Wygold vom ärztlichen Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald. Wenn dennoch der Rat eines  Kinderarztes gefragt ist, kann der per Videokonferenz zugeschaltet werden - aus der 40 Kilometer entfernten Uniklinik Greifswald.

"Die meisten vermeintlichen Notfälle entpuppen sich allerdings rasch als harmloser Infekt. Ein Fieberzäpfchen reicht dann meist schon aus für die kleinen Patienten", sagt Thorsten Wygold weiter. Es könne aber auch vorkommen, dass der zugeschaltete Kinderarzt und der Arzt vor Ort beschließen, dass sich ein Kinderarzt das Kind genauer ansehen soll. "Dann würden Mutter und Kind in ein Taxi gesetzt und von Anklam nach Greifswald gefahren und würden hier vor Ort von unseren Fachleuten auch noch mal gesehen", erläutert Wygold das Verfahren. Das kann bei einer Lungenentzündung der Fall sein, bei Atemnot oder schlimmem Durchfall.

Vernetzung von 35 Krankenhäusern geplant

Das aktuelle Telemedizin-Projekt hat bewährte Vorläufer: Die Uniklinik unterstützt die Anklamer auch tagsüber mit kinderärztlichem Rat, sie ist Betreiber der Kinderklinik. Außerdem ist das Projekt nicht das erste, an dem die Greifswalder Uniklinik beteiligt ist. In einem Netzwerk kooperiert sie bereits mit den Kliniken in Bergen auf Rügen und Anklam. Künftig sollen sogar 35 Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern, Polen und Brandenburg in der Euroregion POMERANIA vernetzt werden - mit Greifswald als einem der Oberzentren.

Positive Erfahrungen mit erwachsenen Patienten

Im Bereich der Telemedizin haben die Ärzte bislang jedoch nur Erfahrungen mit erwachsenen Patienten, sagt Neeltje van den Berg. Sie begleitet das Modellprojekt wissenschaftlich: "Im Schlaganfall-Bereich gibt es beispielsweise bereits nachgewiesene positive Effekte. Da ist es so, dass größere Krankenhäuser mit Stroke Unit (Spezialstation für Schlaganfall-Patienten) kleinere Krankenhäuser unterstützen, sowohl mit dem Austausch von Daten und Bildern als auch mit Videokonferenzen. Da gibt es wissenschaftliche Nachweise dafür, dass das die Qualität der Versorgung in der Region stärkt."

Genau diese telemedizinische Expertise fehlt für Kinder. Das Projekt in der Anklamer Notaufnahme muss sich erst noch bewähren. Allein technisch gab es in den vergangenen Monaten viel zu klären, erzählt Kinderarzt Thorsten Wygold: "Da haben wir erst mal geguckt, ob die vorhandenen Datenleitungen zwischen Anklam und Greifswald überhaupt eine ruckelfreie und flüssige Übertragung ermöglichen. Das machen sie. Wir können also wirklich in Echtzeit miteinander kommunizieren."

Probelauf mit Doppelbesetzung

Dank steuerbarer hochauflösender Kameras können die Ärzte nicht nur die kleinen Patienten selbst betrachten, sondern auch Röntgenbilder oder CTs. In einem nächsten Schritt wollen die Mediziner testen, ob ein Arzt, der nur per Videokonferenz zugeschaltet ist, überhaupt richtig einschätzen kann, wie dringend ein Fall tatsächlich ist. Und deshalb sitzen in dieser ersten Testphase noch auf beiden Seiten Kinderärzte. "Wir fangen ganz vorsichtig an. Wir vergleichen, ob die Einschätzung des Arztes in Anklam, also des Arztes, der das Kind vor Ort untersucht, übereinstimmt mit der Einschätzung des Arztes in Greifswald", erklärt Neeltje van den Berg.

Ein halbes Jahr soll der Probelauf mit doppelter Kinderarzt-Besetzung dauern. Wenn alles klappt, wird die nächtliche Video-Notfallhilfe durch Greifswalder Kinderärzte in der Anklamer Notaufnahme dauerhafte Realität.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 06.01.2015 | 09:20 Uhr