Stand: 03.06.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Schmerzen: Medikamente alleine reichen nicht

Akute Schmerzen sind gutartige Schmerzen. Sie sind ein lebensnotwendiges Alarmsignal, um den Körper vor schädigenden Reizen zu schützen. Sie weisen darauf hin, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wird die Ursache beseitigt, lässt der Schmerz nach.

Schmerzen als eigenständige Krankheit

Chronische Schmerzen dagegen haben diesen warnenden Charakter verloren. Oft lässt sich keine eindeutige Ursache für die Beschwerden finden. Die Schmerzen sind dann nicht mehr alleine ein Begleitsymptom einer Erkrankung, sondern entwickeln sich zu einer eigenständigen Krankheit - der Schmerzkrankheit. Diese beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen sehr stark. Schmerzen sind dann chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate bestehen.

Meist Rückenbeschwerden

In Deutschland leiden Schätzungen etwa acht bis zehn Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen - die meisten von ihnen unter chronischen Rückenschmerzen. Oft dauert es Jahre, bis sie adäquate Hilfe in spezialisierten Zentren erhalten. Mit der Dauer der Beschwerden sinkt die Lebensqualität der Betroffenen. Nicht selten sind der Verlust des Arbeitsplatzes sowie eine soziale Isolation die Folge.

Schmerzmedikamente versprechen eine schnelle Linderung der Beschwerden. Sinnvoll eingesetzt, sind sie auch in modernen Therapieansätzen unverzichtbar. Ihr unkontrollierter Einsatz über lange Zeit ist jedoch kritisch zu betrachten. Denn es kann zu schweren Nebenwirkungen, insbesondere im Bereich der Nieren (Nierenversagen) und des Magen-Darm-Traktes (Magenblutungen), kommen.

Untersuchung: Andere Therapien wirken genauso gut

Eine Analyse der aktuellen Datenlagen zur Behandlung von chronischen Schmerzen durch Wissenschaftler der Charité Berlin hat zudem gezeigt, dass starke Schmerzmittel, die über einen längeren Zeitraum gegen chronische Schmerzen eingenommen werden, den gleichen Effekt haben wie eine Behandlung ohne Medikamente, aber mit physiotherapeutischen und psychologischen Verfahren. Die Wissenschaftler verglichen dazu rund 3.600 Studien aus internationalen Fachzeitschriften mit den Daten von insgesamt 10.742 Patienten.

Daraus lässt sich ableiten, dass bei jeder längerfristigen Schmerztherapie die medikamentöse Behandlung überdacht und auch nichtmedikamentöse Behandlungsformen eingesetzt werden sollten. Denn bei chronischen Schmerzen greifen viele physische und psychische schmerzverursachende und schmerzerhaltende Faktoren ineinander.

Multimodale Schmerztherapie verknüpft Therapien

Die Behandlung chronischer Schmerzen sollte daher in den Händen speziell ausgebildeter Therapeuten liegen. Ein moderner Ansatz ist die multimodale Schmerztherapie. Sie kombiniert Bewegungs- und psychotherapeutische Maßnahmen.

Chronische Schmerzen lassen sich in der Regel nicht komplett abstellen. Das Ziel liegt daher darin, die Beschwerden zu lindern. Betroffen sollen lernen, dass sie dem Schmerz nicht passiv ausgeliefert sind, sondern ihn durch aktive Bewältigungsstrategien beeinflussen können.

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Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Christoph Stein
Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin
Hindenburgdamm 30
12203 Berlin
Tel. (030) 84 45 27 31
Fax: (030) 84 45 44 69
E-Mail: sigrid.sieben@charite.de

Im Beitrag:
Prof. Dr. Frank Petzke
Leiter der Schmerz-Tagesklinik und -Ambulanz
Zentrum für Anästhesiologie, Rettungs-  und Intensivmedizin
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Straße 40
37099 Göttingen
Tel. (0551) 39 88 16 (Rezeption); 39 82 63 (Sekretariat)
E-Mail: pain@med.uni-goettingen.de
Internet: www.zari.med.uni-goettingen.de

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