Stand: 22.11.2016 22:58 Uhr

Chat-Protokoll zum Thema alternative Krebstherapien

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Onkologin Dr. Jutta Hübner hat Fragen zum Thema alternative Krebstherapien beantwortet.

Viele Krebs-Patienten hoffen auf unterstützende und lindernde Effekte aus der Naturheilkunde, zum Beispiel Vitamin-Cocktails und Pflanzenextrakte zur Stimulierung des Immunsystems. In Deutschland gibt es mehr als 500 sogenannte biologische Krebsmittel, in der Regel fehlen jedoch wissenschaftliche Beweise für deren Wirksamkeit. Naturheilmittel und krebshemmende Nahrungsmittel können allerdings den Therapieerfolg auch gefährden und sollten deshalb nie auf eigene Faust, sondern nur in Absprache mit dem Arzt eingesetzt werden. Grundsätzlich gilt: Die Komplementärmedizin ist niemals ein Ersatz für die schulmedizinische Behandlung, sondern nur eine gute Ergänzung.

Die Internistin und Onkologin Dr. Jutta Hübner hat Fragen zum Thema im Visite Chat beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen:

Unbekannt: Was kann beim follikulären Lymphom helfen?

Dr. Jutta Hübner: Das Wichtigste ist zunächst mit dem Onkologen abzusprechen, ob und wenn ja welche Therapie gegen das Lymphom sinnvoll ist. Und dann, je nach den zu erwartende Nebenwirkungen, sehen, was es aus der Naturheilkunde Sinnvolles gibt.

Heiko: Guten Abend, würde gerne wissen, ob Hyperthermie als Ergänzung hilfreich wäre?

Hübner: Es gibt sehr viele verschiedene Formen von Hyperthermie. In Deutschland wird eine Hyperthermie mit wissenschaftlichem Hintergrund an wenigen Universitätskliniken angeboten. Und dies auch nur in ganz speziellen Krankheitssituationen. Die weitverbreitete sogenannte Elektro-Hyperthermie ist keine sinnvolle Ergänzung. Sie hat keine nachgewiesene Wirkung.

Annie: Was ist mit Atemtherapie bei Krebs? Das müsste doch zumindest unterstützen und belastet weniger als Sport, ist einfach mehr auf das Wohlbefinden ausgerichtet.

Hübner: Atemtherapie kann für Patienten mit Atembeschwerden sehr sinnvoll sein. Es ersetzt aber den Sport nicht.

Annette R.: Wie sieht es aus mit Hanf/Cannabis, auch in Öl oder Teeform? Wäre es nicht sinnvoll, für die Nacht zu entspannen und das Grübeln etwas zu mildern?

Hübner: Cannabinoide können heute schon als Medikament in Deutschland eingesetzt werden. Und zwar vor allem in der Palliativmedizin. Zum Entspannen würde ich eher empfehlen, dass man eine Entspannungstechnik erlernt, die man jederzeit selbst einsetzen kann.

Franziska: Was halten Sie von Heilpilzen?

Hübner: Zu Heilpilzen ist noch zu wenig bekannt. Möglicherweise haben sie eine Wirkung auf das Immunsystem, aber ob das dann direkt gegen den Krebs hilft, wissen wir nicht. Sehr vorsichtig sein muss man mit Präparaten aus dem Ausland, vor allem aus Asien, weil sie auch Giftstoffe enthalten können.

Mia: Wie sind die Aussichten bei einer Misteltherapie? Zum Beispiel Helixor? Es gibt ja verschiedene Wirtspflanzen wie zum Beispiel Pinie oder Apfel und auch verschiedene Stärken. Die bekannten Krebszentren (zum Beispiel Heidelberg) wollen sehr wohl wissen, ob Mistel gespritzt wird! Aber manche Ärzte nicht, nach dem Motto: schadet nicht, aber hilft auch nicht!

Hübner: Die Misteltherapie ist eine sehr umstrittene Therapie. Bisher fehlt der Beweis, dass damit das Überleben bei Krebs verbessert wird. Einige Patienten sagen, dass es ihnen unter der Misteltherapie besser geht. Das könnte aber auch am Placeboeffekt liegen. Es gibt unterschiedliche Mistelpräparate, ob das eine oder das andere besser ist, wissen wir nicht. In einigen Situationen sollte man keine Mistel einsetzen: Nicht bei Leukämien oder Lymphomen, nicht beim Melanom (Schwarzer Hautkrebs), nicht während einer Therapie mit einem Tumormedikament, das Allergien auslösen kann.

Andy: Wie effektiv ist die "Electro-Cancer-Therapie (ECT) - Die innovative elektrochemische Tumorbehandlung"? Bei welchen Tumorarten hat sich diese Therapie bewährt? Kann man durch diese Therapie geheilt werden?

Hübner: Es gibt bisher keinen Nachweis für die Wirksamkeit dieser Therapie. Keinesfalls sollte man auf diese Therapie vertrauen.

Katrin: Hilft Fasten bei der Verträglichkeit und Wirksamkeit von Chemotherapien?

Hübner: Das wird im Moment in klinischen Studien untersucht. Die Gefahr beim Fasten ist die Gewichtsabnahme, die auf jeden Fall für Patienten mit Krebs ungünstig ist. Deshalb empfehlen wir auch während der Therapie eine ausgewogene Ernährung. Nebenwirkungen der Tumortherapie sollten besser mit den heute vorhandenen guten Medikamenten behandelt werden.

Sissi: Hilft ketogene Ernährung bei Brustkrebs? Stimmt es, dass man Fleisch und Zucker nicht essen sollte?

Hübner: Fleisch in hohen Maßen ist ungünstig. In normalen Maßen und mit gesunder Zubereitung (nicht gepökelt, nicht schwarz angebraten, fettarm) ist Fleisch aber ein gesundes Lebensmittel. Sehr viel Zucker ist tatsächlich auch nicht gut, aber mal etwas Süßes ist durchaus erlaubt. Für die ketogene Diät gibt es bisher keinen Beweis, dass es gegen Krebs hilft. Die Gefahr dieser Diät ist eine Mangelernährung und eine Gewichtsabnahme. Deshalb raten wir davon ab.

MAXI: Mein Brustkrebs ist hormon negativ. Was kann ich außer Chemo- und Strahlentherapie noch tun?

Hübner: Alle Tumorpatienten können ihre Prognose ganz wesentlich durch einen gesunden Lebensstil verbessern. Dazu gehört Bewegung, gesunde Ernährung, nicht rauchen und Alkohol nur in Maßen.

Rebecca: Was halten Sie von einer ausgewogenen, pflanzenbasierten Ernährung in Bezug auf Krebsprävention und Gesundheit allgemein? Die gleiche Frage zu grünem Tee!

Hübner: Das ist eine sehr sinnvolle Ernährung. Es dürfen aber auch tierische Produkte, wie Fleisch (siehe eine meiner vorherigen Antworten) und Fisch, dabei sein. Grüner Tee ist ein gesundes Getränk. Wie ausgeprägt seine schützende Wirkung ist, wissen wir aber noch nicht. Wahrscheinlich sind auch andere Tees gesund.

yuma: Kann Kurkuma gegen Krebs/Tumore eingenommen werden?

Hübner: Kurcuma wird auch derzeit in Studien untersucht. Möglicherweise hat es eine unterstützende Wirkung zur Chemotherapie. Es gibt aber auch Daten, die zeigen, dass Kurkuma negative Wirkungen haben kann. Aus diesem Grund würde ich es nur als Gewürz und nicht als Nahrungsergänzungsmittel empfehlen.

Ellie: Welche alternativen Therapien (insbesondere Nahrungsmittel und Ergänzungen) können Sie ergänzend bei Brustkrebs empfehlen? Welcher und wie viel Sport wirkt nachweisbar positiv, wenn man an Krebs erkrankt ist? Eher Kraftsport oder eher Ausdauersportarten?

Hübner: Bei einer ausgewogenen Ernährung benötigen Sie glücklicherweise keine zusätzlichen Ergänzungen, außer eventuell Vitamin D bei Mangel. Bewegung ist allgemein gesund. Es gibt keine Empfehlung für eine bestimmte Sportart. Jeder Schritt zählt.

Unbekannt: Welche Organisationen informieren über integrative Krebstherapien?

Hübner: Es gibt verschiedene gute Beratungsstellen, zum Beispiel bei Landes-Krebs-Gesellschaften. Oder auch Telefon-Hotlines, zum Beispiel der Deutschen Krebshilfe. Oder vom Krebs-Informationsdienst in Heidelberg.

Unbekannt: Was kann man in einer palliativen Situation ergänzend tun (vor allem im Bezug auf metastasiertem Kolon-CA)?

Hübner: Eigentlich gilt hier das Gleiche wie eben gesagt: gesunder Lebensstil. Natürliche Methoden können ergänzend eingesetzt werden, wenn Nebenwirkungen auftreten, in Abstimmung mit der schulmedizinischen Therapie.

DH: Ist eine dauerhafte Einnahme von hochdosiertem Seelen (200) zu empfehlen?

Hübner: Selen ist ein wichtiges Spurenelement. Während der Therapie kann es bei nachgewiesenem Mangel (Blutwert) hochdosiert eingenommen werden. Die dauerhafte Einnahme hochdosierter Präparate ohne Kontrolle kann zu einer gefährlichen Überdosierung führen.

Marlies: Gibt es positive Berichte zur Vitamin-D-Behandlung bei Krebserkrankten?

Hübner: Vitamin D hat eine wichtige Bedeutung zum Schutz vor Osteoporose. Bei einigen Patienten hilft es auch bei Muskel- und Gelenkbeschwerden. Ein guter Vitamin D-Spiegel scheint auch einen positiven Einfluss auf die Prognose zu haben.

Menkerin: Aprikosenkerne als Krebsvorbeugung. Sinnvoll? Wenn ja wie viele Kerne pro Tag?

Hübner: Aprikosenkerne sind keinesfalls zur Vorbeugung geeignet! Es kann zu gefährlichen Vergiftungen kommen!

Unbekannt: Was halten Sie von dem Buch "Krebszellen mögen keine Himbeeren". Sind diese Tipps wirklich sinnvoll?

Hübner: Ich finde das Buch sehr gut, da es laienverständlich erklärt, was gesunde Lebensmittel für positive Wirkungen bei Krebs haben. Leider ist der Titel doch etwas reißerisch, nicht nur Himbeeren sind gesund.

Renate: Habe gelesen, dass Krebspatienten nicht so viele Milchprodukte zu sich nehmen sollen. Stimmt das und wie viel ist denn noch gesund an diesen Produkten?

Hübner: Sie können ohne weiteres Milchprodukte zu sich nehmen. Sie enthalten wichtige Aminosäuren und Kalzium. Vorsicht mit den sehr fetten Milchprodukten, insbesondere den fetten Käsesorten, die sind etwas für die besonderen Tage.

Unbekannt: Hallo! Wie wichtig ist Entgiften nach einer Chemo? Und welche Tipps haben sie dazu?

Hübner: Nach einer Chemotherapie scheidet der Körper die meisten Mittel innerhalb sehr kurzer Zeit von selbst aus. Viel trinken hilft dabei. Dass man sich trotzdem während der Chemotherapie mit der Zeit immer schwächer fühlt, hängt damit zusammen, dass sich die gesunden Zellen nicht so schnell erholen können. Deshalb gilt auch hier die Empfehlung: gesundes Essen und Bewegung.

Carlotta: Sie erwähnten in der Sendung, dass mit Vitamin D gute Ergebnisse möglich seien. Von welchen Werten geht man da aus? Soll man auch Vitamin D nehmen, wenn der Spiegel in Ordnung ist, und wenn ja, wie hoch dosiert sollte die Einnahme sein?

Hübner: Wenn der Spiegel in Ordnung ist, ist keine Einnahme notwendig. Wenn ein Mangel vorliegt, muss der Arzt über die Dosis entscheiden.

T.Runge: Stimmt es, dass Krebs in einem "sauren" Körper nicht gedeihen kann?

Hübner: Viele Patienten haben Angst vor eine Übersäuerung. Dabei ist eine Übersäuerung gar nicht möglich.

Unbekannt: Was halten Sie von Grünkohlkapseln?

Hübner: In allen Kohlsorten sind sehr gesunde sekundäre Pflanzenstoffe. Studien gibt es dazu bisher nur im Labor. Aus diesem Grund würde ich Kohl als Gemüse empfehlen, aber nicht als Extrakt. Sie sollten ausprobieren, welche Kohlsorten Sie vertragen und mögen.

Gabi51: Was hilft bei Krebspatienten, um den Allgemeinzustand zu stabilisieren und Gewichtsabnahme vorzubeugen?

Hübner: Auch hier gilt: Die Kombination aus Ernährung und Bewegung ist wesentlich. Manchmal muss man mit der Bewegung ganz vorsichtig anfangen, damit der Körper Kräfte gewinnt.

Unbekannt: Hallo, was ist Ihrer Meinung nach dran an Capsaicin (Chili)?

Hübner: Auch Capsaicin ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der im Reagenzglas positiv gegen Tumorzellen wirkt. Ob das auch beim Menschen klappt, wissen wir noch nicht. Deshalb gern in der Ernährung, aber nicht als Extrakt.

Unbekannt: Guten Abend, was ist von der Anti-Krebs Ernährung nach Dr. Coy zu halten? Kann man Krebs wirklich aushungern?

Hübner: Krebs kann man nicht aushungern. Zur Diät nach Dr. Coy (ketogene Diät) siehe meine Antwort dazu oben.

Unbekannt: Welche Mittel können zur Milderung von Nebenwirkungen an den Mundschleimhäuten bei einer palliativen Erhaltungstherapie eingesetzt werden?

Hübner: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sie können mit Salbei- oder Kamillentee spülen. Wirksam ist auch Honig. Insgesamt ist Mundpflege das Wichtigste. Aber auch Kaugummi-Kauen (regt den Speichelfluss an) ist sinnvoll.

AB: Ist auch in Leinsamenöl Blausäure nachweisbar?

Hübner: Davon hab ich bisher nichts gehört.

Unbekannt: Wo kann ich mich erkundigen, wenn ich eine(n) Ärztin/Arzt suche, die/der eine komplementäre und ganzheitliche Krebsbehandlung anbietet?

Hübner: Sie können gerne die Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft anfragen.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 22.11.2016 | 20:15 Uhr

mit Video

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