Stand: 12.05.2015 20:26 Uhr  | Archiv

Ausländische Ärzte: Sprachwirrwarr am Krankenbett

von Janko Raab, NDR Info Wirtschaftsredaktion

In Norddeutschland arbeiten immer mehr ausländische Ärzte. In Niedersachsen zum Beispiel ist in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Mediziner ohne deutschen Pass um fast 70 Prozent gestiegen. Gerade im ländlichen Regionen werden diese Mediziner dringend gebraucht. Für Ärzte und Patienten ist das eine sprachliche und kulturelle Herausforderung.

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Die Russin Elena Finogenova ist vor knapp zwei Jahren mit ihrer Familie aus Sibirien nach Deutschland gekommen.

Die junge Ärztin Elena Finogenova arbeitet im Krankenhaus Groß Sand im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Auf der Station 4 A macht sie ihren letzten Rundgang vor dem Ende ihrer Schicht. In Zimmer 8 liegt ein Patient mit Bauchbeschwerden. Er spricht kaum Deutsch, kann sich nur auf Russisch verständigen.

Bevor die junge Ärztin im vergangenen Herbst hier angefangen hat zu arbeiten, hätte sich der Patient wohl nur mit Händen und Füßen erklären können. Gerade in einem Stadtteil wie Wilhelmsburg - mit vielen Migranten - ist dies ein kaum tragbarer Zustand: "Es hilft sehr, wenn man die gleiche Sprache spricht. Man kann viel besser mit dem Patienten über seine Beschwerden sprechen."

Sprachkenntnisse sind extrem wichtig

Vor knapp zwei Jahren ist Finogenova mit ihrer Familie aus Sibirien nach Deutschland gekommen. Mehrere Jahre hat sie davor in Russland als Ärztin gearbeitet. Die Bedingungen waren in den Krankenhäusern im Osten des Landes sehr viel schlechter als in Deutschland. Ihren Mann zog es zuerst nach Frankreich, dann kamen sie nach Hamburg: "In den ersten zwei Wochen habe ich so gut wie kein Wort verstanden. Ich habe an der Oberarztvisite und der Chefarztviste teilgenommen, konnte aber nichts verstehen. Das war extrem kompliziert."

"Gutes Mittelmaß" ist nicht gut genug

Obwohl gerade die Kommunikation zwischen Arzt und Patient sehr wichtig ist, gibt es in Deutschland immer noch keine einheitlichen Sprachtests für ausländische Mediziner. In Hamburg zum Beispiel reicht ein einfaches sogenanntes B2-Zertifikat aus, um Patienten behandeln zu dürfen. Übersetzt heißt das: "Gutes Mittelmaß". Dass es in deutschen Krankenhäusern nicht zu massiven Verständigungsproblemen kommt, liegt auch daran, dass viele zugewanderte Mediziner sich genau damit nicht begnügen wollen - und besser Deutsch sprechen möchten. "Wenn ich die Menschen sowohl fachlich als auch sprachlich nicht verstehe, was für eine Ärztin bin ich dann? Das darf nicht so sein. Ich habe viele Sachen auf Deutsch gelesen und auch viel Radio gehört", sagt die Medizinerin Finogenova.

Kulturelle Verständigungsprobleme

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Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery: "Es gibt nicht nur ein sprachliches, sondern auch ein kulturelles Verständigungsproblem."

Die Ärztekammer sagt, dass es trotz der großen Sprachenvielfalt durch die neue Generation ausländischer Mediziner zu keinen nennenswerten Problemen kommt. Das gelte auch für die fachliche Qualifikation, sagt Ärztekammer-Präsident Ulrich Montgomery. Er weist aber auf eine andere Barriere hin, wenn Arzt und Patient aus verschiedenen Kulturkreisen stammen: "Wenn ich als Deutscher einem russischstämmigen Patienten zum Beispiel nach den deutschen Patientenrechten eine Operation erkläre - mit allen Alternativen, Risiken und Möglichkeiten -, dann kann es passieren, dass der russische Patient fragt: 'Sie bieten mir so viele Möglichkeiten an, Herr Doktor, haben Sie eigentlich Medizin studiert? Sie sollen mir doch sagen, was ich jetzt machen muss.' Das ist kulturell etwas ganz anderes als bei uns."

"Ich bin froh, dass ich hier bin"

Elena Finogenova wird in Kürze ihre offizielle Zulassungsprüfung als Ärztin in Deutschland machen. Obwohl sie in Russland bereits praktiziert hat, braucht sie das Dokument, um auch längerfristig in ihrer neuen Heimat arbeiten zu dürfen. Neben dem Beruf und der Familie hat sie wochenlang dafür studieren müssen.

In der Vergangenheit wurde viel über eine Willkommenskultur gesprochen, die den neuen Ärzten entgegengebracht werden sollte. Denen, die so dringend gebraucht werden. Finogenova spürt genau das: "Ich bin froh, dass ich hier bin. Alle sind nett. Wenn ich Fragen habe, kann ich fragen und bekomme eine Antwort."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 13.05.2015 | 10:41 Uhr