Sendedatum: 05.05.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Ärztepfusch? Ihre Rechte als Patient

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Der falsche Zahn gezogen - ein grober Behandlungsfehler? Das lässt sich nur im Einzelfall entscheiden.

Zehntausende Patienten beschweren sich jedes Jahr, weil sie sich durch Ärzte falsch behandelt fühlen. Nur ein Bruchteil der Fälle geht tatsächlich vor Gericht. Ein weitaus größerer Teil kommt niemals an die Öffentlichkeit: Die Dunkelziffer ist hoch, wenn Patienten durch Behandlungsfehler sterben oder einfach nicht darüber sprechen. Dabei sind die Rechte von Patienten und deren Angehörigen klar geregelt.

Was ist ein Behandlungsfehler?

Das im Januar 2013 in Kraft getretene Patientenrechtegesetz unterscheidet zwischen groben und einfachen Behandlungsfehlern:

  • Ein grober Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt ganz offensichtlich gegen gängige medizinische Standards verstößt, also zum Beispiel bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand keine Wiederbelebung versucht oder bei einem Verdacht auf eine Thrombose keine Aufnahme der Venen anfertigt. Ein Behandlungsfehler gilt als grob, wenn er nach landläufiger gängiger Praxis nicht hätte passieren dürfen, erklärt Medizinrechts-Experte Dr. Marcus Vogeler.
  • In allen anderen Fällen sprechen Juristen von einem einfachen Behandlungsfehler.

Für betroffene Patienten ist die Unterscheidung äußerst wichtig: Bei einem groben Behandlungsfehler muss der Arzt nachweisen, dass der festgestellte Behandlungsfehler nicht die Ursache des Schadens war. Bei einem einfachen Behandlungsfehler ist es genau anders herum: Der Patient muss dem Arzt nachweisen, dass er falsch behandelt hat.

Wofür haftet der Arzt?

Der Arzt haftet für Behandlungs- und Aufklärungsfehler. Vor einem Eingriff, also etwa einer Operation, muss der Arzt den Patienten mündlich über Chancen und Risiken sowie alternative Behandlungsmöglichkeiten aufklären. In der Regel muss der Patient einen sogenannten Aufklärungsbogen unterschreiben. Was viele Patienten nicht wissen: Mit ihrer Unterschrift verlieren sie keine Rechte gegenüber dem Arzt, sagt Rechtsanwalt Dr. Marcus Vogeler.

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Ein künstliches Hüftgelenk kann zu Komplikationen führen. Der Arzt muss den Patienten gründlich informieren.

Ein Beispiel: Der Arzt klärt einen Patienten über das Risiko durch den Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks auf und lässt ihn den Aufklärungsbogen unterschreiben. Kommt es nach der OP tatsächlich zu Komplikationen, ist der Arzt nicht aus dem Schneider. Zwar war die Aufklärung richtig, dennoch kann ein Behandlungsfehler vorliegen.

Anders herum gilt: Selbst wenn der Arzt die Operation perfekt durchführt, kann der Patient ihn wegen fehlerhafter Aufklärung verklagen, wenn er zum Beispiel nicht auf Behandlungsmöglichkeiten ohne OP hingewiesen wurde.

An wen können sich Betroffene wenden?

Links

Unabhängige Patientenberatung Deutschland

Informationen und weiterführende Hinweise der Beratungsstellen. extern

Patienteninitiative e.V.

Der Verein setzt sich für unabhängige Patientenberatung und Transparenz im Gesundheitswesen ein. extern

Was tun im Schadensfall?

Informationen für Patienten und ihre Angehörigen vom Aktionsbündnis Patientensicherheit und eine Liste mit Kontaktadresse als Download. extern

Es gibt mehrere Anlaufstellen: Patientenverbände, den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung sowie die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Landesärztekammern.

Ein "objektives" Gutachten können Patienten nicht in allen Fällen erwarten. Die Gremien der Landesärztekammern setzen sich aus Ärzten zusammen - hier urteilen also Ärzte über Ärzte. Dabei geht es strikt nach Aktenlage. Wer von seinem Arzt mündlich falsch aufgeklärt wurde, hat schlechte Karten.

Für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung besteht dagegen ein Anreiz, ein Gutachten im Sinne des Patienten zu erstellen: Weisen sie dem Arzt nach, dass er falsch behandelt hat, haftet er für Folgeschäden wie teure Reha-Maßnahmen - die müsste sonst die Krankenversicherung bezahlen. Das klingt zwar nach einem Vorteil für Patienten, kann in der Praxis aber ein Nachteil sein, zum Beispiel wenn der Richter das Gutachten des Medizinischen Dienstes für einseitig hält.

Tipps vom Medizinrechts-Experten

  • Gedächtnisprotokoll anfertigen

    Wer sich als Opfer eines Behandlungsfehlers sieht, sollte ein Gedächtnisprotokoll aller Arztgespräche anfertigen.

  • Beweise sammeln

    Jeder Patient hat einen Anspruch auf Akteneinsicht. Es empfiehlt sich, Kopien aller Behandlungsunterlagen anzufertigen.

  • Schnell handeln

    Ansprüche aus Behandlungsfehlern verjähren im schlechtesten Fall bereits nach drei Jahren.

  • Nicht abspeisen lassen

    Nicht ohne Prüfung durch einen Rechtsanwalt auf scheinbar verlockende Abfindungsangebote eingehen. Oft haben sie einen Haken.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 05.05.2014 | 20:15 Uhr