Stand: 14.11.2017 19:05 Uhr

Diabetes: Heimtückisch und unterschätzt

von Torben Börgers, NDR

Weltweit leiden Schätzungen zufolge 422 Millionen Menschen an Diabetes, der sogenannten Zuckerkrankheit. Alleine in Deutschland soll es 6,7 Millionen Betroffene geben - und weitere zwei Millionen, die noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. Täglich kommen im Durchschnitt etwa 1.000 Neuerkrankte hinzu, im Extremfall sogar Kinder. Mit dem Weltdiabetestag der Vereinten Nationen wurde am Dienstag auf die Krankheit aufmerksam gemacht - auch mithilfe der "Blue Monument Challenge", bei der weltweit historische Gebäude mit blauem Licht angestrahlt werden sollten, so wie in Hamburg der Michel.

Diabetes aus heiterem Himmel

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Michael Jastrzembskis aus Geesthacht wurde von der Diagnose Diabetes überrascht.

Als Koch in einer Großkantine hat der Geesthachter Michael Jastrzembskis täglich mit Lebensmitteln zu tun. Der 52-Jährige kennt ihre Zusammensetzung, ihre Eigenschaften und viele verschiedene Arten ihrer Zubereitung. Trotzdem hat auch er manchmal Probleme, den genauen Zuckeranteil seiner Zutaten korrekt einzuschätzen. Zu verwirrend, zu lückenhaft sind die Angaben der Hersteller - sogar für einen Profi wie ihn. Wie soll es da erst einem Laien gehen?

Vor fünf Jahren wurde bei dem dreifachen Familienvater Diabetes diagnostiziert - aus heiterem Himmel. Die typischen Symptome hatte er nicht: keinen erhöhten Durst, keine Müdigkeit. Dafür aber Übergewicht: 145 Kilogramm brachte Jastrzembskis auf die Waage, fast 50 kg mehr als zu seiner Zeit als aktiver Sportler. Eine Ursache: das Abschmecken und Probieren der Mahlzeiten in der Großküche. "Das waren fünf Portionen pro Tag, die man eigentlich nicht essen sollte", sagt er. "Dazu kam der versteckte Zucker in vielen Zutaten."

Diabetes gilt als unterschätzte Krankheit

So wie Jastrzembskis geht es vielen Deutschen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Diabetes im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre zu spät erkannt wird. Er gilt deshalb als am meisten unterschätzte chronische Krankheit unserer Gesellschaft. "Diabetes tut erst nicht weh und ist deshalb besonders heimtückisch", sagt Dr. Jens Kröger, niedergelassener Diabetologe in Hamburg-Bergedorf und Vorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. "Dabei können die Folgen von unbehandeltem Diabetes verheerend sein: Das geht vom Nierenversagen, über Herzinfarkt und Schlaganfall bis hin zu Amputationen oder Erblindungen."

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Wer einmal an Diabetes erkrankt, wird die Krankheit nicht mehr los

Diabetes mellitus heißt "honigsüßer Durchfluss" und ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Regulierung des Blutzuckerspiegels gestört ist. Bei gesunden Menschen wird während der Verdauung aus Kohlenhydraten lebenswichtige Glukose, also Traubenzucker, die über das Blut im Körper verteilt wird. Als Botenstoff dient dabei Insulin. Das Hormon wird in der Bauchspeicheldrüse produziert und hält die Zuckermenge im Blut konstant. Bei Diabetikern ist der Abtransport des Zuckers gestört: Sein Anteil im Blut steigt und steigt. Um den Blutzuckerspiegel wieder zu senken, muss oft Insulin zusätzlich gespritzt werden. Klappt das nicht, droht ein diabetisches Koma. Unterschieden werden zwei Arten von Diabetes: Typ 1 ist eine angeborene Autoimmunkrankheit, Typ 2 oft Resultat schlechter Angewohnheiten wie ungesunde Ernährung, wenig Bewegung, Übergewicht. Unter ihm leiden 95 Prozent aller Betroffenen. "Wer einmal daran erkrankt, wird ihn nicht mehr los", sagt Kröger.

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Als besonders gefährlich gilt Fruchtzucker, zum Beispiel aus Limonaden oder Obstsäften. Er kann vom Körper nicht gespeichert werden und gelangt direkt vom Dünndarm in die Leber. Und die macht daraus Fett. Fruchtzucker ist auch in der sogenannten Isoglucose enthalten, einem Sirup, der sich besonders billig aus Maisabfällen herstellen lässt und deshalb in der Lebensmittelindustrie beliebt ist als Süßungsmittel. In den USA gilt Isoglucose als Mitverursacher für die grassierende Fettleibigkeit von Millionen Amerikanern. Am 1. Oktober ist die sogenannte EU-Zuckermarktverordnung zum Schutz der heimischen Produktion von Zucker durch Anbau von Zuckerrüben ausgelaufen. Nun wird der Industrie erlaubt, unbegrenzte Mengen an Isoglucose herzustellen. Experten fürchten, dass der billige Dickmacher bald auch hierzulande in immer mehr industriellen Lebensmitteln zum Einsatz kommt. Für Kröger ist die EU-Entscheidung "das völlig falsche Signal".

Discounter startet Kampagne

Großflächige Plakate mit der Aufforderung "Schütz Dich: Iss Gesundes!" sollen nun für mehr Aufklärung sorgen. Zu sehen sind sie in mehr als 3.000 Filialen von Lidl. Der Discounter hat sich verpflichtet, den Zuckeranteil seiner Eigenmarken bis 2025 um 20 Prozent zu senken - also in bis zu 70 Prozent der insgesamt 1.600 Produkte des Lidl-Sortiments. Botschafter der Kampagne sind Ex-Fußballnationalspieler Thomas Helmer und Schauspielerin Yasmina Filali. Ein Discounter als Botschafter für gesunde Ernährung? "Warum nicht", sagt Kröger. "Gerade weil es in einem Discounter viele Dinge gibt, die nicht gesund sind, ist das eine gute Botschaft. Ich bin dankbar für diesen Schritt - an dem sich Lidl natürlich messen lassen muss." Ganz auf den Zusatz von Zucker verzichten will aber auch Lebensmittel-Riese nicht. "Wir sind nicht die, die mit erhobenem Zeigefinger da stehen", sagt Joachim Florack, Lidl-Regionalgeschäftsführer. "Sie werden bei uns auch immer wieder eine Limonade finden oder Ähnliches, weil letztlich der Verbraucher entscheidet, wie er sich ernährt."

Nationaler Diabetesplan gefordert

Aus Sicht der Deutschen Diabetes-Hilfe kann der freiwillige Verzicht nur ein Anfang sein: Der gemeinnützige und unabhängige Zusammenschluss von Betroffenen, Beratern, Ärzten und Forschern fordert schon seit langem einen nationalen Diabetesplan. Darin sollen unter anderem Gemeinden verpflichtet werden, mehr Bewegungsmöglichkeiten für ihre Bürger anzubieten. Auch eine Steuer auf Zucker oder Fett halten Experten für sinnvoll.

Jastrzembskis hat gelernt, mit seiner Krankheit zu leben: Dank bewussterer Ernährung und mehr Bewegung hat er mehr als 30 Kilo abgenommen. Sein Rat an alle, die auf Grund ihrer Familiengeschichte oder der Lebensumstände ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben: "Lasst euch untersuchen - es tut nicht weh, kostet wenig und rettet vielleicht euer Leben!"

Ein Mann schneidet draußen an seinem Gartentisch einen Stapel Gemüse für Salat klein. © NDR, honorarfrei

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NDR//Aktuell | 14.11.2017 | 14:00 Uhr

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