Stand: 17.07.2015 16:30 Uhr

"Allein das Reden kann helfen"

Trennung, Kränkungen, Überforderung, Mobbing oder andere Themen können - im Zusammenspiel mit anderen Faktoren - Gründe dafür sein, dass ein Mensch nicht mehr leben möchte. In diesen scheinbar ausweglosen Situationen neue Perspektiven zu geben, zu helfen und zu stützen, das versuchen Beratungsstellen. Der Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut Sven Ustorf arbeitet in der Beratungsstelle "Lotse" in Hamburg-Wilhelmsburg, die auch eine Ersthilfe am Telefon anbietet. Er hat die Erfahrung gemacht, dass allein das Reden über die bedrückenden Gedanken den Betroffenen helfen kann.

NDR.de: Herr Ustorf, wer ruft bei Ihnen in der Beratungsstelle an?

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Diplom-Psychologe Sven Ustorf berät in der Beratungsstelle "Lotse" in Hamburg-Wilhelmsburg.

Sven Ustorf: Zu 95 Prozent melden sich bei uns Betroffene - Menschen, die psychisch erkrankt sind, sich in einer akuten seelischen Krise befinden und denen die Sorgen über den Kopf zu wachsen drohen. Dabei sind es zu zwei Dritteln Frauen, die anrufen. Angehörige melden sich nur sehr selten bei uns, dabei sind wir explizit auch für diese offen.

Wie läuft so ein persönliches Gespräch ab?

Ustorf: Wir starten mit der ganz offenen Eingangsfrage: "Was führt Sie zu uns?" Es gibt ja meist einen Anlass für die seelische Notlage - dem gehen wir nach. Es gibt kein Schema, nach dem wir beraten - das gestalten wir möglichst individuell. Aber wir versuchen in der Regel, die Menschen, die anrufen, persönlich zu uns zu bewegen. Wir wollen zusammenarbeiten. Das gelingt im persönlichen Gespräch einfach besser. Dabei ist bei Suizidgefährdeten stets das vorrangigste Ziel dieser Zusammenarbeit: Distanz zu den Suizidgedanken zu schaffen, eine Stabilisierung zu erwirken und sich dann auf die Suche nach dem Auslöser zu begeben.

Wie offen gehen Sie mit dem Thema Suizid in den Gesprächen um?

Ustorf: Wir sprechen das Thema direkt an. Das ist wichtig. Manche Betroffene benennen ganz offen ihre Selbstmordgedanken und andere tun es nicht. Dann müssen wir ganz konkret danach fragen, insbesondere bei schweren Depressionen und Angsterkrankungen. Oft wollen Suizidale selbst ihren Angehörigen nichts sagen, um sie nicht zu belasten. Da entsteht ein unheimlicher innerer Druck - den wollen wir nehmen. Die Sorgen und Ängste einfach bei einem neutralen Dritten aussprechen zu können, ist oftmals eine große Erleichterung.

Wie können Angehörige und Freunde erkennen, ob eine Person selbstmordgefährdet ist?

Ustorf: Es kann ein Alarmzeichen sein, wenn sich eine Person extrem zurückzieht und jeglichen sozialen Kontakt meidet, nur noch in der eigenen Welt lebt. Aber auch das andere Extrem ist gefährlich: Wenn Menschen, die zuvor in einer eher depressiven Phase waren oder sich zurückgezogen hatten, plötzlich beschwingt wirken und die Symptome wie weggeblasen scheinen. Dann sind die Personen vielleicht schon so weit und haben ihren Entschluss zu einem Suizid gefasst - dann spiegelt sich die Erleichterung in der Euphorie wider. Aber ich betone: Das können Warnsignale sein - müssen aber nicht. Letztendlich spielt auch bei uns immer das Bauchgefühl eine Rolle, wenn wir einschätzen müssen, wie gefährdet ein Hilfesuchender ist.

Was können Angehörige tun?

Ustorf: Weisen Sie den Betroffenen auf die Hilfsangebote hin und fahren  Sie ihn - wenn nichts anderes mehr hilft - in die Notaufnahme einer Klinik oder kontaktieren Sie den sozialpsychiatrischen Dienst. Aber ich rate auch dringend: Wenden Sie sich an professionelle Helfer, suchen Sie sich selbst Unterstützung bei Beratungsstellen oder Therapeuten. Angehörige sind emotional zu stark verwickelt. Sie müssen von der Verantwortung entlastet werden, Leben zu erhalten.

Weitere Informationen

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Wie beraten Sie?

Ustorf: Gemeinsam mit dem Patienten suchen wir nach dem Auslöser für die Suizidgedanken. Wir analysieren, was ist das für ein Gefühl? Woher kommt es? Damit schafft man Distanz: Die Gedanken und Emotionen wirken weniger bedrohlich. Der Patient soll wieder Herr über seine Lage werden, Ursachen für seine Traurigkeit und Verzweiflung erkennen. Zudem packen wir eine Art Notfallkoffer gemeinsam: Wie kann der Betroffene sich in der nächsten depressiven Phase verhalten? Hilft ein Telefongespräch mit einem Freund, eine Runde Joggen im Park oder - wenn es ganz akut ist - die Fahrt in die Notaufnahme der Klinik? Zudem machen wir zeitnah regelmäßige Termine aus. Menschen in einer seelischen Krise hilft es nicht, wenn sie nur alle zwei Monate mal vorbeigucken können, weil der Terminplan voll ist.

Überweisen Sie auch in Kliniken?

Ustorf: Ja, wir fragen ganz offen nach den Suizidgedanken, um die Gefahr bei dem Patienten einschätzen zu können. Sollte dieser schon in einer späten Phase sein und ganz konkrete Pläne hegen, vermitteln wir einen stationären Klinikaufenthalt.

Wie ist Ihre Erfahrung: Können Sie helfen?

Ustorf: Das kann ich ganz klar mit Ja beantworten. Wir können helfen, die Betroffenen vor sich selbst zu schützen. Die Menschen wollen ja leben. Meist ist etwas passiert, das das Gefühl auslöst. Wir begeben uns gemeinsam auf die Suche nach diesem Auslöser und schaffen so Distanz zu den Gedanken. Allein das Reden hilft oft schon. Allerdings halte ich für wichtig, nach der akuten Krisenintervention langfristige Hilfe zu vermitteln. Das kann zum Beispiel eine Psychotherapie sein.

Warum ist Psychotherapie für viele immer noch ein Tabuthema?

Ustorf: Ich beobachte zunehmend, dass es da einen Wandel gibt. Die Menschen haben weniger Berührungsängste. Inzwischen kommen auch immer mehr Männer zu uns in die Beratungsstelle. Sie sind sensibilisiert und legen psychische Probleme nicht mehr unbedingt als Schwäche aus. Dennoch gibt es nach wie vor Vorurteile. Die beruhen meines Erachtens auf Halbwissen - umso wichtiger ist Aufklärung. Außerdem finde ich, dass zu einer Psychotherapie auch Mut gehört. Das muss anerkannt und gewürdigt werden.

Das Gespräch führte Judith Pape, NDR.de.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 20.07.2016 | 08:38 Uhr

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