Enescus vierte Sinfonie als Weltersteinspielung

George Enescu: Symphony 4 & Chamber Symphony
von NDR Radiophilharmonie, Peter Ruzicka 

Wiederentdeckung des Sinfonikers George Enescu: Unter der Leitung von Peter Ruzicka hat die NDR Radiophilharmonie seine vierte Sinfonie und die Kammersinfonie auf CD eingespielt. Als Sinfoniker ist der rumänische Komponist bis heute kaum bekannt, obwohl er mit einer ganzen Reihe sinfonischer Werke zu einem individuellen Weiterbestehen der sinfonischen Tradition in einer Zeit avantgardistischer Neuorientierung gesorgt hat.

NDR Radiophilharmonie
Peter Ruzicka Dirigent
Kammersinfonische Besetzung:
Christoph Renz Flöte
Roberto Baltar Oboe
Mirjam Budday Englischhorn
Ulf-Guido Schäfer Klarinette
Malte Refardt Fagott
Daniel Adam Horn
Fabian Neuhaus Trompete
Kathrin Rabus Violine
Anna Lewis Viola
Nikolai Schneider Violoncello
Jürgen Normann Kontrabass
Markus Becker Klavier

GEORGE ENESCU
Sinfonie Nr. 4 in e-Moll
Nuages d'Automne sur les Forêts
Kammersinfonie op. 33

cpo 777 966-2

Weltersteinspielung einer großen Sinfonie

Mit der vierten Sinfonie legen Peter Ruzicka und die NDR Radiophilharmonie eine Weltersteinspielung vor: Enescu hatte diese Sinfonie selbst nicht mehr vollständig orchestriert, erst nach einer Instrumentierung durch Pascal Bentoiu wurde sie 1997 uraufgeführt. Dieses Schicksal ist charakteristisch für Enescus Sinfonien: Auch die fünfte ließ er unvollendet, seine zweite versteckte er sofort nach der Uraufführung, die hochkomplexe dritte brachte es immerhin zu vereinzelten Aufführungen zu seinen Lebzeiten. Eine derartige Zurückhaltung wird dem Wert der Kompositionen nicht gerecht - Enescu erweist sich als ein bedeutender Sinfoniker, dessen Wiederentdeckung ein großer Verdienst ist.

In seiner vierten Sinfonie ist spürbar, wie tief verwurzelt Enescu in der rumänischen Musik war und dennoch zu einem ganz eigenen Musikstil gefunden hat. Ohne wirklich "rumänisch" zu klingen, so kann doch harmonisch und in spezifischen Intervallfolgen die Nähe zu rumänischen Traditionen nachvollzogen werden. Trotz einer komplexen motivischen Arbeit scheint die Musik in einem fortwährenden Fluss zu sein. Ein zerrissener Ausdruck führt über Trauermarsch-Klänge bis zu einem virtuos-optimistischen Finale.

Testamentarisches letztes Werk

Enescus letztes Werk ist die Kammersinfonie, die er - bereits von einem schweren Schlaganfall gelähmt - vor seinem Tod noch einem Freund diktiert hat. Entsprechend lassen sich testamentarische Züge aus der Musik herauslesen, gewissermaßen als ein Lebensresümee. Komponiert für zwölf Soloinstrumente, wird die Kammersinfonie von ihrem charakteristischen Bläserklang geprägt.

Mit dem zwanzig Jahre zuvor entstandenen "Nuages d'Automne sur les Forêts" ("Herbstwolken über den Wäldern") beschreibt Enescu elegische Natur-Visionen, die von einer großen Schwermut gezeichnet sind. Die Komposition bricht nach 43 Seiten plötzlich ab und ist ebenso wenig vollendet wie die Idee, damit eine große Trilogie "Voix de la Nature" einzuleiten. Nichtsdestotrotz bleibt es ein Werk, das durch die große Ausdruckskraft der musikalischen Stimmungsmalerei beeindruckt.

George Enescu: Symphony 4 & Chamber Symphony

Label:
cpo
Veröffentlichungsdatum:
20.7.2015