Konzertbericht: Bach als Musikdramatiker

von Habakuk Traber

Am Ende des Abends ernteten die Künstler stehende Ovationen: René Jacobs, als Dirigent, Sänger, Forscher und Festivalleiter eine Autorität für die Musik aus Barock und Klassik in ihren vielen Spielarten, das Ensemble Helsinki Barocque, die Pioniere aus der jungen Alte-Musik-Szene in Finnland, und ein glänzend harmonierendes Sängerquartett mit der koreanischen Sopranistin Sunhae Im, dem jungen Counter Benno Schachtner (eine Entdeckung!), dem Tenor Julian Prégardien und dem finnischen Bass Arttu Kataga.

Im Konzert: René Jacobs beim Alten Werk

Bachkantaten für besondere Anlässe

Sie führten zwei Kantaten auf, die Bach nicht für Sonn- und Feiertage im Kirchenjahr, sondern für besondere Anlässe am sächsischen Fürstenhof schrieb. Die vier Sänger übernahmen im Ensemble auch den Chorpart. Diese Aufführungsweise von Bach-Kantaten wurde in der Alte-Musik-Szene wiederholt verfochten. René Jacobs wählt sie nicht immer. Doch bei seinem Programm in der Laeiszhalle überzeugte sie.

In der Trauerode, die Bach auf den Tod der sächsischen Kurfürstin (und in Personalunion polnischen Königin) Christina Bernhardine 1727 komponierte, geben die vier Sänger je einzeln in Rezitativen und Arien der Würde und Beliebtheit der Regentin und der Trauer um sie beredten Ausdruck; gemeinsam rufen sie die Verstorbene gleichsam als Entrückte an, die im Gedächtnis der Menschen fortlebt.

Herkulestat im zweiten Konzertteil

Der zweite Konzertteil war Bachs Kantate über die "Wahl des Herkules" (auch: "Herkules am Scheidewege") vorbehalten. Musikalisch erscheint sie heute wie eine Blütenlese aus dem Weihnachtsoratorium. Tatsächlich hat Bach fast alle Stücke der "Herkules-Kantate" an verschiedenen Stellen des geistlichen Werks mit neuen Texten und zum Teil gewandelten Akzenten wieder verwendet. Inhaltlich geht es allerdings um etwas ganz anderes als die Christgeburt. Herkules, der Göttersohn mit den sagenhaften Kräften, wird auf seinem (Lebens-)Weg vor eine Grundsatzentscheidung gestellt: In die eine Richtung lockt die Wollust, in die andere ruft die Tugend. Bei Bach steht der Held auch in seinem Stimmfach mitten zwischen ihnen: Er wird vom Altus gesungen, die Wollust vom Sopran, die Tugend vom Tenor. Letztere gewinnt am Ende selbstverständlich – schließlich war die Kantate dem sächsischen Kurprinzen zum Geburtstag komponiert.

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René Jacobs bei der Anspielprobe in der Laeiszhalle.
Dramma per musica statt Weihnachtsoratorium

In Jacobs' Interpretation wurden die feinen Unterschiede deutlich, die ein und dasselbe musikalische Stück in den verschiedenen Zusammenhängen ganz anders wirken lassen können. Die "Schlafe"-Arie, die im Weihnachtsoratorium so große Ruhe ausstrahlt, erhält durch die höhere Tonart in der Kantate etwas Aufreizendes. Was im Weihnachtsoratorium als "Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben" als freundliche Aufforderung vernommen wird, nimmt in der Herkules-Kantate den Charakter einer schroffen Zurückweisung an: "Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen" – so stößt der junge Held die Wollust von sich.

Jacobs, der etliche Barockopern wieder neu an die Öffentlichkeit brachte, nimmt die fast fünfzigminütige Kantate als das, was sie ist: ein "Dramma per musica". Er lockert die Aufführung durch szenische Gänge der Protagonisten auf; die Darsteller des Echos, das als Orakel fungiert, gehen hinter die Bühne, die Tugend tritt von dort auf, kurz: die Szene wird belebt. Für die Musik wählt Jacobs durchgängig ziemlich rasche Zeitmaße, sie unterstreichen den dramatischen Zug in diesem Werk. Man hat selten Gelegenheit, die "Herkules"-Kantate zu hören. Desto erfrischender war es, Bach, den "fünften Evangelisten", einmal in seinen musikdramatischen Qualitäten erleben zu können.