Stand: 11.09.2017 10:00 Uhr

Regine Adam

Sopran | beim NDR Chor seit Februar 1986

Weiterblättern

Mein erstes prägendes Musikerlebnis:

Seit ich denken kann, war ich mit Gesang, Klavierspiel, Orgelspiel umgeben - meine Mutter war selbst Konzertsängerin und Kirchenmusikerin. Schon als Kleinkind wurde ich mit in die Kirche genommen und habe in einer Reisetasche auf der Orgelbank gelegen. Mit vier Jahren passte ich noch unter die Klaviertastatur und hatte bereits von meiner Mutter die "Christel von der Post" gelernt, die ich bei einer Familienfeier sang. Ich habe zusammen mit meinem Bruder bis zum Ende unserer Schulzeit fast jedes Konzert erlebt, das meine Mutter gesungen hat. Wir kannten die Arien aus den Bach-Kantaten und Oratorien, wir kannten auch die Lieder, die sie bei Liederabenden sang, da wir zu Hause die Proben miterlebten. Ob im Schulchor, im Kinderchor, als 16-Jährige auch im Studentenchor der Hochschule, zu Hause mit meiner Mutter und meinem Bruder im Terzett - Singen gehörte für mich zum Alltag.

Mein Weg zum NDR Chor:

Da mein Musiklehrer im Gymnasium sehr altertümliche Unterrichtsmethoden hatte, musste jeder Sextaner im Musikunterricht zuerst ein Lied seiner Wahl vortragen, danach wurde die Sitzordnung geregelt. Wer am besten singen konnte, saß direkt vorn am Klavier bei ihm, alle anderen wurden je nach Güte des Vortrags in die hinteren Reihen gestaffelt. Es war klar, wo mein Sitzplatz die nächsten Jahre sein würde. Die anderen armen Kerle, die nicht so mit musikalischen Talenten gesegnet waren, konnten einem leidtun.

Meinen ersten "offiziellen" Gesangsunterricht bekam ich mit 15 Jahren bei einer Kollegin meiner Mutter, aber ich habe beim Schularbeitenmachen im Hintergrund stets den Gesangsunterricht mitbekommen, den meine Mutter den Studenten zu Hause erteilte. Noch während meiner Schulzeit sang ich in einem Chor, der aus sogenannten semiprofessionellen Sängern bestand und mit dem ich erste Aufnahmen von A-cappella-Literatur durch die verschiedensten musikhistorischen Epochen erlebte.

Solistische Aufgaben fanden sich zahlreiche, noch bevor ich überhaupt den Gedanken hatte, mich mit einem Gesangsstudium zu befassen. Da ich zu Hause immer sehr viel Kritik zu hören bekam, war auch trotz aller positiven Resonanz auf mein Singen die Idee, Gesang zu studieren, nicht selbstverständlich. Ich hatte immer sehr viel Respekt und Hochachtung vor den Solisten, und bevor ich überhaupt den Schritt wagte, mich der Aufnahmeprüfung einer Hochschule zu stellen, habe ich mich erst einmal an zwei verschiedenen Hochschulen bei Professoren, die meine Mutter kannte, vorgestellt, um ein Urteil zu hören und zu sehen, ob mich jemand unterrichten wolle.

In Hannover bestand ich ohne Mühen den ersten Anlauf der Aufnahmeprüfung und habe dort ein Opernstudium absolviert, was mich in ganz andere Gesangswelten brachte als die, die ich von zu Hause kannte. Im Chor habe ich in den Jahren meines Studiums gar nicht gesungen, befasste mich nur mit meinen Opernpartien, auch das szenische Spiel auf der Bühne hat mir sehr viel Freude gemacht. Nach meinem Opernabschluss wollte ich noch Konzertexamen machen und hatte bereits einen Liederabend zur Aufnahme dafür gegeben. Ich hatte auch bereits erste Engagements an verschiedenen Bühnen gehabt, als mich ein Tipp eines Studienkollegen darauf brachte, mich beim NDR vorzustellen. Er meinte, ich sei versiert genug, den ungemein hohen Anforderungen eines Rundfunkchorsängers gewachsen zu sein.

Viele Opernsänger haben kaum Erfahrung mit Chorliteratur, dem Vom-Blatt-Singen und der Fähigkeit, auch zeitgenössische Literatur schnell problemlos zu meistern. Ich fuhr zum Vorsingtermin, wurde genommen, habe meine Stelle angetreten, nebenbei mein Konzertexamen absolviert - und nun bin ich seit 32 Jahren im NDR Chor.

Die Erfahrung meiner Jugendzeit mit all den vielseitigen Erlebnissen und einer fundierten Kenntnis von Konzert- und Ensemblesingen hat sicher den Grundstein für meine berufliche Laufbahn gelegt, wie man ihn besser nicht hätte haben können. Mein Studium hat mir die technische Sicherheit gegeben, auch noch nach vielen, oft harten Arbeitszeiten, mit gesunder Stimme dazustehen.

Mein außergewöhnlichstes Auftrittserlebnis:

Das großartigste Chorerlebnis, weil erstes für mich in dieser Art, war bald nach meinem Anfang in Hamburg eine Aufführung von Mahlers "Auferstehungssinfonie" unter Eliahu Inbal, bei der alle fünf damals bestehenden Rundfunkchöre in ihrer ursprünglich sehr großen Besetzung zusammen sangen. Wir passten kaum in den oberen Zuschauerrang der Alten Oper in Frankfurt. Diese Erfahrung eines solchen Klanges von so vielen professionellen Sängern war immens - vor allem weil gerade die Pianissimo-Stellen so zu einem außergewöhnlichen Ereignis wurden, das einen wie auf einem riesigen Klangteppich schwimmen ließ.