Stand: 05.09.2017 11:00 Uhr

Wunderkind zwischen Jazz und Klassik

Ob Jazz oder Klassik: Gwilym Simcock gehört zu den talentiertesten Pianisten und Komponisten der aktuellen europäischen Musikszene.

Gwilym Simcock ist ein in vieler Hinsicht außerordentlicher Musiker. Geboren 1981 in Wales, macht er schon elf Jahre später als Wunderkind am Klavier von sich reden. Mit 15 studiert er klassisches Klavier, Waldhorn und Komposition und beginnt, sich mit Jazz zu beschäftigen. Es folgen gefeierte Auftritte in einem breiten Feld von Musik, solo und improvisiert, als Solist in philharmonischen Zusammenhängen, mit seinem eigenen Jazz-Trio, mit der Bigband von Kenny Wheeler oder wie zuletzt als Pianist der Band von Pat Metheny.

Erster Composer in Residence der NDR Bigband

Simcock ist ein Grenzgänger zwischen Improvisation und Komposition, ein Musiker, der sich - wie er bereits 2008 mit seiner Hamburg-Suite mit der NDR Bigband bewiesen hat - die Wachheit und Kreativität bewahrt hat, einem scheinbar festen Format immer wieder neue Klangfacetten abringen zu können. Jetzt wird das britische Wunderkind erster Composer in Residence der NDR Bigband.

Stefan Hentz befragte den Pianisten und Komponisten über seine vielfältigen musikalischen Interessen, über Komposition und Improvisation, Arbeitsbelastung und sein Verhältnis zur NDR Bigband.

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Sie sind bekannt als ein Musiker, der zwischen sehr freiem Jazz und weitgehend durchstrukturierter klassischer Musik ein breites Feld bestellt. Wie bringen Sie die verschiedenen Ebenen zwischen ausübendem Instrumentalisten und Komponisten unter einen Hut?

Gwilym Simcock: Schon als Kind von fünf oder sechs Jahren war mir Komposition sehr wichtig. Ich mag aber auch Jazz und die Idee, dass man Musik im Zusammenspiel von Individuen mit verwandten Ideen im Moment entstehen lassen kann. Doch als jemand, der seine ersten Schritte in der Welt der klassischen Musik gegangen ist, habe ich mich schon immer sehr für Fragen der Form und der Komposition interessiert.

Ein Stück zu komponieren gibt mir eine ganz besondere Befriedigung, wie ich sie selbst mit wunderbaren Musikern auf der Bühne nicht erreichen kann. Es gibt beim Komponieren so ein Gefühl von Dauerhaftigkeit und Gelingen, das mir sehr wichtig ist. Dabei soll die Musik, die ich komponiere, frei und spontan klingen, und umgekehrt soll sie, wenn ich improvisiere, so strukturiert klingen wie eine Komposition. Wenn beides zusammenkommt, dann ist das ein Traum, der für mich in Erfüllung geht.

Wie passt das Format einer Jazz-Bigband in Ihre musikalische Welt?

Simcock: Eines der ersten Jazzalben, die ich hörte, war Kenny Wheelers "Music for Large and Small Ensembles" - eine wunderbare Einführung in Bigband-Musik. Ich kannte damals keinen der Musiker und konnte auch nicht unterscheiden, welcher Saxofonist welches Solo spielte, aber diese wunderbare Fülle von Texturen und Harmonien, die ist bei mir hängengeblieben. Eine Bigband hat eine ganz besondere Kraft, eine mitreißende Wucht, die ihren Klang zu etwas ganz Besonderem macht.

Sie sind ein sehr erfolgreicher und häufig tourender Musiker. Wie schaffen Sie es, sich die Zeit zu nehmen, sich auf das Komponieren zu fokussieren?

Simcock: Ich denke, die Frage, wie man es schafft, als Musiker in der echten Welt zu überleben, sollte im Musikstudium mehr Raum einnehmen - wie man sich z. B. auf Tour hier oder dort für eine Stunde ans Klavier setzt, um an seinen Kompositionen zu arbeiten. So ein ganzer Monat, wo man sich nur aufs Komponieren konzentriert, wäre toll, doch wir müssen alle Geld verdienen, um zu überleben. Ich bin ein Musiker, der Spielen und Schreiben gleichermaßen liebt, also muss ich einen Weg finden, wie ich das irgendwie hinkriege. Und Auftritte sind inspirierend, sie helfen beim Komponieren. Ich habe mich in den letzten 15 Jahren daran gewöhnt, mit den verschiedenen Bereichen zu jonglieren. Ich genieße das.

Wo sehen Sie die besonderen Qualitäten der NDR Bigband? Und wie gehen Sie mit diesen Qualitäten um?

Simcock: Ich habe ja schon einige Male mit der NDR Bigband gearbeitet und bin nun in der glücklichen Lage, die Musiker zu kennen - da fällt das Komponieren immer leichter, als "kalt" zu schreiben. Es ist immer wieder fantastisch mit der Band, ich freue mich schon lange auf das nächste Mal. Außerdem kann ich wieder den großartigen Schlagzeuger Martin France mitbringen, einen Freund von mir, dessen Spiel ich immer im Hinterkopf habe, wenn ich für die NDR Bigband schreibe. Und schließlich: Gerade weil wir in Großbritannien so ein System nicht haben, schätze ich es umso mehr, mit einer eingespielten Band zu arbeiten. Einen so abgestimmten Sound kriegst du sonst nie hin. Ich hoffe, unsere gemeinsamen Erfahrungen werden wieder so erfreulich sein wie jedes Mal zuvor!