"Die beste Entscheidung meines Lebens"

Interview mit Frank Delle, Saxofonist in der NDR Bigband

Frank Delle ist mehr durch Zufall zum Bariton-Saxofon gekommen.

Sie haben ursprünglich eine Ausbildung zum Musikalienhändler gemacht. War das die bodenständigere Vorstufe zum Künstlerleben?

Frank Delle: In gewisser Weise. Ich habe tatsächlich ein bisschen gebraucht, bis ich mich auf das Leben als Musiker einlassen konnte. Das Sicherheitsdenken ist bei mir tief verankert. Und damals in meiner Stadt Bremerhaven kannte ich auch niemanden, der als Jazzmusiker seine Brötchen verdienen konnte.

Nach der Schule war ich sowieso ein bisschen orientierungslos und eine Ausbildung als Musikalienhändler lag irgendwie nahe. Das war noch, bevor ich überhaupt angefangen habe, Saxofon zu spielen. Das kam erst während meiner Arbeit in diesem Musikgeschäft und hat sich dann in den zehn Jahren, in denen ich dort angestellt war, so langsam entwickelt.

Biografisches in Kürze

Frank Delle, Jahrgang 1966, ist aufgewachsen in Bremerhaven und lebt heute in Hamburg.

Instrumente: Bariton-Saxofon, andere Saxofone, Flöten, Klarinetten

Ausbildung als Musikalienhändler, 1986 Stipendium für "MacPhail Center For The Arts" in Minneapolis / USA. Ab 1992 Studium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
1996 Kulturförderpreis der Stadt Bremerhaven. Neben zahleichen Verpflichtungen bei Konzerten und als Studiomusiker auch Arbeit mit dem eigenen "Frank Delle Trio".

Seit 2001 festes Mitglied der NDR Bigband.

Woher dann die Entscheidung, doch noch Profimusiker zu werden?

Delle: Ich hatte während meiner Berufstätigkeit als Musikalienhändler mal ein Stipendium für das "MacPhail Center For The Arts" in Minneapolis bekommen und hatte mich auch schon für ein Musikstudium an der Hochschule in Hilversum (Niederlande) angemeldet. Aber dann habe ich den Schritt doch nicht getan, weil das finanziell nicht so einfach gewesen wäre, so ein Studium zu stemmen. Das hätte ich komplett alleine übernehmen müssen.

Aber natürlich war der Wille, eine kreative Tätigkeit auszuüben, dann doch irgendwann größer. Deshalb habe ich in Hamburg (Hochschule für Musik und Theater) zur Aufnahmeprüfung vorgespielt, woraufhin ich auch gleich genommen wurde. Das war eigentlich die beste Entscheidung meines Lebens, mich dafür loszueisen. Obwohl ich noch immer schöne Geschichten erzählen kann, zum Beispiel, wie dreist manche Leute in Musikgeschäften klauen ...

War das Bariton-Saxofon schon immer das Instrument ihrer Wahl?

Delle: Ehrlich gesagt, überhaupt nicht! Ich bin da am Anfang eher so reingeschliddert, durch einen Notfall, den es mal gab, wo man mich dann gefragt hat, ob ich eigentlich auch Bariton-Saxofon spielen würde und ich leichtsinnigerweise gesagt habe: ja, klar! Und inzwischen habe ich mich mit dem Instrument viele Jahre auseinandergesetzt, habe auch die Bassklarinette dazu genommen und lieben gelernt.

Audio
00:39 min

Delle und die Diebe

Saxofonist Frank Delle über die verrücktesten Erfahrungen in seinem früheren Beruf als Musikalienhändler - mit dreisten Ladendieben in Musikgeschäften. Audio (00:39 min)

In meinem Vertrag mit der NDR Bigband stehen aber ganz viele Instrumente: Saxofone, Klarinetten und Flöten in allen Varianten und Lagen. Damit vereine ich wahrscheinlich die meisten Instrumente auf einem Stuhl. Ich war da einfach immer sehr unerschrocken, neue Instrumente in die Hand zu nehmen.

Was schätzen sie an der Arbeit in der NDR Bigband?

Delle: Da gibt es viele Aspekte. Zum einen ist es einfach ein toller Job, in dieser hochkarätigen Band zu spielen, wo tagtäglich so tolle Musiker um einen herum sind. Das fällt einem irgendwann gar nicht mehr auf, aber wenn man dann mal wieder mit anderen Konstellationen zu tun hat oder sich in einer anderen Szene bewegt, wird es einem deutlich bewusst. Das gilt auch für die Arrangeure und Komponisten, mit denen wir hier arbeiten können.

Natürlich treffen nicht alle Projekte den persönlichen Geschmack, und auch die Arbeit, hier jeden Tag im Orchester zu sitzen, ist natürlich eine andere, als die eines Freelancers, der sich jeden Tag um etwas anderes zu kümmern hat. Aber ich finde, ich habe ich es hier schon sehr gut getroffen!

Die NDR Bigband bekommt ja gerade durch die Verschiedenheit der Musiker ihre besondere Klangfarbe. Was bringen sie da ein?

Delle: Puh, das ist ganz schön schwer zu sagen. Ich wusste das nie so konkret, wie andere Leute in der Band das schon immer wussten - so glaube ich zumindest. Stattdessen frage ich mich selbst immer mal wieder: Was bist du eigentlich für ein Format? Die Arbeit hier in der Bigband ist ja das eine, aber der künstlerische Prozess findet ja auch außerhalb statt. Ich merke, dass es da zum Beispiel auch dazu gehört, mal eine CD mit eigenen Stücken aufzunehmen. Das habe ich gerade getan. Dadurch wächst die künstlerische Reife, aber trotzdem bin ich eigentlich noch immer auf der Suche. Vielleicht ist es gerade diese Offenheit und Vielseitigkeit, die mich in der Band ausmacht.

Das Interview führte Jessica Schlage (2011).