Stand: 16.06.2015 16:09 Uhr

Erinnerungen an Harry Rowohlt

Die einen kannten ihn als genialen Übersetzer: Sein Meisterwerk vielleicht "Pu, der Bär". Andere kannten ihn als Vortragskünstler, der mit seiner markanten Stimme Vorträge und Lesungen gehalten hat. Und wieder andere kannten ihn als den struppigen "Penner" aus der "Lindenstraße". Harry Rowohlt, der Mann mit dem Rauschebart, ist gestorben. Unsere Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg war befreundet mit Harry Rowohlt, NDR Kultur Moderatorin Lena Zieker sprach mit ihr über dessen Tod.

Was verbinden Sie mit Harry Rowohlt?

Annemarie Stoltenberg: Er liebte diese kleinen Anekdoten, über die man zunächst kichert und sich freut und erst viel später merkt, was er darin alles versteckt hat. Bei einem meiner letzten Besuche bei ihm, habe ich ihn gefragt: Was machst du denn so den ganzen Tag, du alter Stubenhocker?

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Annemarie Stoltenberg ist Literaturexpertin bei NDR Kultur.

Und da hat er gesagt, er lernt das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu schätzen, da kommen hervorragende Sendungen. Zum Beispiel habe er erst kürzlich, eine einstündige Sendung über Kassel gesehen. Vor der Sendung habe er sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen können. Und am nächsten Tag kam eine Sendung über das deutsche Jagdwesen und vor der Sendung habe er sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen können. Und am dritten Tag kam eine Sendung - sein Jubel war grenzenlos - über Jäger in Kassel. (lacht) Solche Geschichten hat er immer noch erzählt. Man saß dann bei ihm und hat vergnügt mit ihm gelacht. Er war in dieser letzten Zeit der heiterste und liebenswürdigste, schwerkranke Mensch, den ich je in meinem Leben getroffen habe.

Harry Rowohlt trug ja einen berühmten Namen. Sein Vater gründete den gleichnamigen Verlag. Darauf wurde er bestimmt oft angesprochen?

Stoltenberg: Ja, aber das hat er nicht so gerne gemocht. Denn er hatte ja mit dem Verlag gar nichts zu tun. Zwar hat er auch eine Lehre in einem Verlag gemacht, sich dann aber entschieden, freier Übersetzer zu sein.

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Harry Rowohlt (1945-2015) war Autor, Übersetzer, Rezitator und Schauspieler.

Die Menschen in seinem Stadtviertel kannten das Bild, wenn Harry Rowohlt wieder mit einem Korb über dem Arm zur Post ging. Jedem, der ihm begegnete und ihn kannte, erzählte er dann, in diesem Korb befinde sich jetzt die wer-weiß-wievielte Übersetzung. Ich weiß nicht ganz genau, wie viele Übersetzungen er nun endgültig geschafft hat - sicherlich so um die 150. Und denen hat er dann ja immer seinen eigenen Ton geben können. Das war immer original Harry-Rowohlt-Sound. Zum Beispiel Frank McCourt, der stolz darauf war, dass sein Übersetzer ein deutscher Seifenopern-Star war. Dessen Buch "Die Asche meiner Mutter" war sehr erfolgreich in der Übersetzung von Harry Rowohlt. Das war seine besondere Begabung: Dieser eigene, zärtliche, wundervolle Ton.

Er hat also ein umfangreiches Werk hinterlassen. Und wenn Sie das so erzählen, wie er mit dem Korb herumgelaufen ist und stolz erzählt hat: Manch anderem hätte man vielleicht Arroganz nachsagen können. Aber Harry Rowohlt hat glaube ich nie wirklich arrogant gewirkt…

Stoltenberg: Nein. Er war ein Publikumsgenie. Er mochte Publikum - war fast süchtig danach - und mochte es bis zum Schluss, wenn über seine Witze gelacht wurde. Er war auch ein Bühnenkünstler. Und ich bin ganz froh, dass er dieses Leben bis zum Schluss leben konnte durch den unglaublichen Einsatz seiner Frau Ulla Rowohlt, die ihrem Harry versprochen hatte, dass er Zuhause sterben darf. Gestern Abend als er starb, waren seine Frau und mehrere Freunde bei ihm und sie haben mir erzählt, er ist ganz sanft gestorben. Vor kurzem konnte er ja noch seinen 70. Geburtstag feiern. Es durfte zwar nie in seinem Umfeld über Krankheit gesprochen werden, aber es war ihm klar, dass ihm nicht mehr so lange bleibt. Aber dann hat er jeden Tag, jede Stunde noch genossen und hatte in seiner Schnabeltasse alles, was als wenig gesundheitsfördernd gilt, und auch noch geraucht, wenn ihm danach war.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.06.2015 | 12:40 Uhr