Sendedatum: 06.10.2015 19:00 Uhr

"Sterben und sterben lassen"

Dass wir sterben werden, das wissen wir alle. Über diese Selbstverständlichkeit zu reden, das mögen wir nicht besonders. Der Tod ist ein Tabu.

Im Rahmen der Hospiz- und Palliativwoche anlässlich des Welthospiztages hat der ehemalige Bundesminister Franz Müntefering bei einer Podiumsdiskussion über "Sterben und sterben lassen" gesprochen. Vorab hat ihn NDR Redakteur Jürgen Deppe zu diesem Thema befragt.

NDR Kultur: Herr Müntefering, warum fällt es eigentlich so schwer, über den Tod und das Sterben zu sprechen?

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Franz Müntefering ist für eine Verbesserung der Sterbebegleitung aber strikt gegen Sterbehilfe.

Franz Müntefering: Es ist anders geworden in der Gesellschaft: Wir haben den Tod aus unseren Familien oft hinausgedrängt. (...) Es gibt ganz viele Menschen, die waren beim Sterben noch nie dabei, haben noch nie einen Toten gesehen. Das war vor 50 oder 100 Jahren noch anders. Das Sterben ist uns fremder geworden. Aber natürlich findet es statt und wir müssen uns darum kümmern.

In Kalifornien ist kürzlich die ärztliche Sterbehilfe erlaubt worden. Ende des Jahres wird auch der Bundestag Ähnliches zunächst beraten und womöglich auch auf den Weg bringen. Wird Sterbehilfe salonfähig?

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Wie viel Hilfe ist beim Sterben erlaubt?

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Wann ist Sterbehilfe aktiv, wann passiv? Was ist erlaubt, was verboten? Was bedeutet Beihilfe zum Suizid? Frank Bräutigam aus der ARD-Rechtsredaktion mit den Antworten auf tagesschau.de. extern

Müntefering: Es tut mir weh, dass wir es denen überlassen, die damit Selbsttötung meinen. Helfen beim Sterben - das ist normal. Alle Menschen brauchen Hilfe, ob bei der Geburt oder beim Sterben. Das Sterben ist das letzte Stück des Lebens, es gehört zum Leben dazu. Gerade im Hospizbereich sind wir der Meinung, dass wir den Menschen helfen müssen. Aber das, was Sie ansprechen, das ist eine ärztlich assistierte Beihilfe zur Selbsttötung, um die es da gehen könnte. Ich bin der Meinung, das sollte es nicht geben. Andere sind anderer Meinung. Es ist eine wichtige ethische und moralische Frage.

Aber was spricht denn gegen eine selbstbestimmte Selbsttötung?

Müntefering: Man kann so etwas in einem Gesetzt nicht fixieren; man muss Kategorien aufstellen. (...) Jedes Sterben, jeder Mensch, jede Situation ist da anders. Ich glaube nicht, dass der Gesetzgeber das in eine Formel packen kann. Und deshalb müssen wir noch besser werden in der Begleitung und im Palliativbereich. Wir können vielen Menschen helfen und Schmerzen lindern, die noch vor 20, 30 Jahren ertragen werden mussten.

Die Fragen stellte Jürgen Deppe.

Das komplette Gespräch können Sie hier nachhören:

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NDR Kultur | Journal | 06.10.2015 | 19:00 Uhr