Stand: 14.02.2017 16:20 Uhr

Gedanken zu Trump: Folge 1 - Katharina Hacker

Seit dem 20. Januar ist Donald Trump offiziell im Amt. NDR Kultur hat Schriftstellerinnen und Schriftsteller um ein Statement gebeten, sie gefragt: "Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Den Auftakt macht die in Berlin lebende Schriftstellerin Katharina Hacker. In ihrem Werk überschreitet sie regelmäßig Grenzen, reist von Berlin nach Tel Aviv, Paris oder Amsterdam. 2006 erhielt sie für ihren Roman "Die Habenichtse" den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien 2015 der Roman "Skip".

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Katharina Hacker hat, denkt sie an Donald Trump, vor allem ein Bild vor Augen: Donald Trump im Oval Office.

Sie telefonieren alle vom Festnetz, die Staatschefs, aber bei Trump ist es mir zum ersten Mal aufgefallen. Fast täglich war in irgendeiner Zeitung ein Foto davon. Er sitzt am Schreibtisch und telefoniert. Zwischendurch muss er das Telefon wohl bei Seite legen, um einen Vertrag nachzulesen oder einen Tweet zu verfassen. Häufig aber sitzt er und telefoniert, und um ihn sitzen zwei oder drei Männer, die beschäftigt sind oder beschäftigt tun.

Telefonate dienen der Verständigung oder dem Eklat. Die Fotos, die den telefonierenden Trump im Oval Office zeigen, wirken mit ihrem kleinen Gelbstich so altmodisch, dass mir ein uralter Telefonier-Film einfällt: "La Voce Umana" mit Anna Magnani, nach dem Stück von Jean Cocteau. Magnani telefoniert, etwa 40 Minuten lang, das ist der Film, ihre Stimme, die lockt und klagt und weint und kämpft. Es geht um ihr Leben, um ihre Liebe, um ihr Glück, ihre Verzweiflung.

Sendetermine der Reihe

Katharina Hacker - 15. Februar
Ian Kershaw - 22. Februar
Susanne Schädlich - 1. März
Philipp Blom - 8. März
Gregor Hens - 15. März
Ilija Trojanow - 22. März
Marica Bodrožić - 29. März
Alan Gilbert - 5. April

Trump telefoniert auch. Es ist alles sehr lustig, wenn man vergisst, dass es vielleicht doch nicht lustig ist. Ein Mann tobt und brüllt und schimpft. Was für dämliche Abkommen es gibt! Egal. Hauptsache, die Fremden kommen nicht ins Land, wirklich Fremde, von denen Methusalix schon sagte: "Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier!"

Trumps fehlender Respekt

In jeder Situation finden sich mit etwas Übung Gründe, dankbar zu sein. Die Fotos der Telefoniererei machen deutlich: Es braucht wohl die menschliche Stimme, aber nicht die Stimme eines Mannes, der zu tumb und zu gierig ist zu respektieren, dass er eine Funktion hat. Demokratien sind komplizierte Übersetzungen. Demokratien werden vielleicht behindert von Bürokratie, vor allem aber leben sie mit Bürokratie. Wo wir zuweilen glücklich sind, weil ein komplizierter Vorgang unbürokratisch abgekürzt, durchbrochen wird, sind wir es, weil er damit den langen Vorgang bestätigt. Das herausblitzende Menschliche ist wünschenswert oder akzeptabel, wo es seinen Platz im Gefüge kennt. Die Rede vom "Amtsträger" hat ihren guten Sinn. Setzt sich jemand darüber hinweg, so respektiert er vermutlich bald nicht mehr die Gesetze und ist verärgert, von Gerichten in die Schranken gewiesen zu werden.

Donald Trump bei seiner Vereidigung.

Katharina Hackers Gedanken zu Donald Trump

NDR Kultur - Journal -

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Die Geschichte will, dass Trump - und uns - das Gegenbild seiner Politik vorgehalten wird, und zwar auf der Piata Viktoriei in Bukarest. Dort - wie andernorts im Land - versammeln sich Menschen, die beschlossen haben, Bürger zu sein. Bürger Rumäniens und Europas. Nicht mehr und nicht weniger. Sie stehen im Schnee und beharren darauf, öffentlich zu sein. Sie beharren darauf, dass es für das Öffentliche Regeln gibt. In einer kleinen rumänischen Stadt stand ein Mann eine Woche mit einem Schild vor dem Rathaus, um gegen die Korruption der Regierung und ihre entsprechenden Gesetzesänderungen zu demonstrieren, so schreibt der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu und fügt an: Es gibt im Moment niemanden, den ich mehr bewundere.

Kommentar
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.02.2017 | 19:00 Uhr